Frauen in der Wissenschaft - weitere Portraits
Frauen in der Wissenschaft - weitere Portraits
Ausbilderin von Chemielaborant*innen
Forschen in der Chemie war immer ihr Traum. Den hat sich Marina Heuer auch in gewisser Weise erfüllt. Als Ausbilderin von Chemielaborantinnen und -laboranten hat sie in den vergangenen acht Jahren Azubis ihr Wissen vermittelt. „Besonders hat mir an dieser Aufgabe gefallen, junge Menschen zu fördern und zu fordern. Und natürlich das Forschen im Rahmen der Doktorandenprojekte“ berichtet sie. Im Sommer 2023 geht sie in den Ruhestand.
Dass sie doch noch an einer Forschungseinrichtung wie dem Thünen-Institut Fuß fassen würde, hätte sie als Schülerin nie geglaubt. Anfang der 80er Jahre verwirft sie ihren Wunsch Chemie zu studieren, macht stattdessen eine Ausbildung zur Chemielaborantin und arbeitet im Bereich Umweltchemie. „Ich hatte Angst davor. Ein Chemiestudium war damals eine Männerdomäne. Generell zieht sich die Beobachtung durch mein Leben, dass Mädchen und Frauen davor zurückscheuen, leitende Positionen oder eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Dabei können sie es mindestens genauso gut!“
Am Thünen-Institut für Agrartechnologie schafft sie ab 2009 zunächst den Ausbildungsrahmen für Chemielaborantinnen und -laboranten. „Das Geschlechterverhältnis der Kandidatinnen und Kandidaten war stets ausgeglichen und auch unter den Doktoranden waren immer viele Frauen“ berichtet sie. 2022 haben die letzten von Marina Heuers Azubis ihre Abschlussprüfung gemacht. „Die Ausbildung wird es in der derzeitigen Form nicht mehr geben. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich unter der engagierten, weiblichen Leitung des Instituts ein neues Ausbildungsangebot formiert, diesmal aber mit digitalem Schwerpunkt.“
Was sie „Women in Science“ mit auf den Weg geben möchte? „Nicht nur fleißig sein, sondern auch sichtbar. Und als Frauen in der Wissenschaft zusammenhalten, egal, ob studierte Frau oder nicht, ob mit oder ohne Kinder, mit Mann oder Frau oder ohne.“
Pionierin auf dem Gebiet der Pflanzengenetik
Bäume haben Birgit Kersten schon bei Waldspaziergängen als Kind fasziniert. Dieses Interesse bewegt sie zum Biologie-Studium in Ost-Berlin in den 1980er Jahren. Zeitgleich bekommt sie ihre beiden Kinder. „In der DDR war es üblich, früh Familien zu gründen. Durch die vorhandene Kinderbetreuung war das gut machbar!“ Die Wissenschaft hat sie deshalb nie aufgegeben. Die Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Die Objekte ihrer Forschung sind geblieben. Seit 2010 arbeitet sie am Thünen-Institut für Forstgenetik etwa im Projekt TaxGen, in dem es um die Entschlüsselung des Genoms der Europäischen Eibe (Taxus baccata) geht. Hierbei interessiert sich die Molekularbiologin insbesondere für die genetischen Grundlagen der Geschlechtsdeterminierung. Auf diesem Gebiet hat sie echte Pionierarbeit in der Erforschung des Pappel-Genoms geleistet. Gemeinsam mit zwei Kollegen erhielt sie dafür einen der Thünen-Forschungspreise 2021.
Pionierin in der Forschung war sie schon einmal – während ihres Post-Doc-Projektes im Bereich Pflanzenproteinchips am Max-Planck-Institut (MPI) für Molekulare Genetik: „Wir waren 2005 die Ersten, die Ergebnisse in diesem Bereich vorlegen konnten und haben sie noch vor amerikanischen Kollegen veröffentlicht!“ 2006 wechselt Birgit Kersten in die Pflanzenbioinformatik und übernimmt die Leitung der GABI-Primärdatenbank am MPI für Molekulare Pflanzenphysiologie.
Umbrüche nach dem Mauerfall 1989 und Verpflichtungen in Job und Familie bedingen Verzögerungen in ihrer Forschungslaufbahn. Im Jahr 2000 schließt sie ihre Promotion an der Berliner Charité ab. 17 Jahre später habilitiert sie sich an der Universität Potsdam. „Zum Glück hatte ich immer wieder Mentorinnen, Kolleginnen und Vorgesetzte, die mich unterstützt haben!“
Nach zahlreichen befristeten Projekten schätzt Birgit Kersten ihre Festanstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Außerdem lehrt sie als Privatdozentin an der Universität Hamburg. „Die Lehre finde ich spannend. Und sie berechtigt mich offiziell, Promovierende extern zu betreuen“
Institutsleiterinnen am Thünen-Institut

Hiltrud Nieberg (60) und Christina Umstätter (48) leiten zwei der 15 Fachinstitute am Thünen-Institut. Der Frauenanteil unter ihren Wissenschaftler*innen ist sehr unterschiedlich. Im Institut für Betriebswirtschaft, das Hiltrud Nieberg seit zwölf Jahren leitet, liegt er bei fast 50 Prozent. Im Institut für Agrartechnologie, das Christina Umstätter 2021 übernommen hat, gibt es nur zwei Frauen unter elf Wissenschaftler-Kollegen mit unbefristeten Stellen.
Landwirtschaft scheint nach wie vor Männersache zu sein. 36 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft sind laut Landwirtschaftszählung weiblich. Aber nur jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt. Der tatsächlichen Rolle von Frauen in der Landwirtschaft werden die Zahlen der Agrarstatistik jedoch nicht gerecht. Das zeigen erste Ergebnisse der Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft, die das Thünen-Institut und die Universität Göttingen gemeinsam durchführen.
In der Wissenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild: Zwar studieren viele Frauen Agrarwissenschaften, der Anteil liegt ungefähr bei der Hälfte der Studierenden. Aber je höher die Position wird, desto weniger Frauen sind noch sichtbar. „Auch in landwirtschaftlichen Gremien dominieren die Männer, in Diskussionsveranstaltungen oder Meetings bin ich oft eine der ganz wenigen Frauen“, sagt Hiltrud Nieberg. Sie hat aber auch in Gremien wie der Zukunftskommission Landwirtschaft mitgewirkt und ist seit Jahren Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL – Gremien mit bereits nahezu paritätischer Besetzung.
Frauen in der Wissenschaft zu fördern bedeutet nach Ansicht von Hiltrud Nieberg und Christina Umstätter, dass man Frauen vor allem ermutigen muss, sich für eine Karriere in der Wissenschaft zu entscheiden und zu qualifizieren. „Frauen muss man viel mehr in ihrem Selbstbewusstsein fördern, sie zweifeln zu oft an ihren Fähigkeiten“, sagt Christina Umstätter, die sich mehr gestalterische Spielräume bei der Neubesetzung von Stellen wünscht. Das komme der Höherqualifizierung von Frauen zugute.
Beide Institutsleiterinnen sehen ihre eigene Position als wichtiges Vorbild. Ihre Botschaft an junge Wissenschaftlerinnen: „Traut euch, seid stets neugierig und lasst euch nicht von alten Rollenbildern abhalten, eure Ziele zu verfolgen.“






























