Frauen in der Wissenschaft - weitere Portraits
Frauen in der Wissenschaft - weitere Portraits
Expertin für globale Rindfleischproduktion und Sprachtalent
Sie beherrscht vier Fremdsprachen, davon zwei fließend. „Der Blick über den Tellerrand hat mich immer gereizt“ erzählt Katrin Agethen. Reisen und landwirtschaftliche Prozesse seien schon seit ihrer Kindheit auf einem Hof in Ostwestfalen ihre Leidenschaften gewesen. Während des Studiums und in der ersten Anstellung ergreift sie daher immer wieder die Chance, ins Ausland zu gehen. Aufenthalte in Frankreich und Brasilien festigen den Wunsch, ihr internationales Netzwerk auszubauen und sich noch gezielter in der globalen Agrarforschung einzusetzen.
Dieser Wunsch bringt sie 2018 ans Thünen-Institut für Betriebswirtschaft. Zunächst geht die Doktorandin auf einer Projektstelle der Forschungsfrage nach, wie weltweite Rindfleischproduktion im Angesicht aktueller Klimafragen und politischer Anforderungen funktionieren kann. Seit 2020 erforscht sie diese Fragen auf einer Planstelle.
Beruflich und privat beginnt mit dem Einstieg am Thünen-Institut eine ereignisreiche Zeit für die junge Wissenschaftlerin. Das Reisen zu Konferenzen und Auslandsaufenthalte sind Teil ihrer Arbeit und damit auch Teil ihres Lebens. Zu diesem gehört inzwischen auch ein Kind. Funktioniert es, internationale Forschung und Familie zu vereinen? Diese Frage habe sie sich nie gestellt. „Ich habe neue Prioritäten gesetzt und eine Balance gefunden. Wichtig ist, zu wissen, was man will und dann findet sich auch ein Weg!“ Neue Aufgaben mit Personalverantwortung im Institut zählen zu den jüngsten, willkommenen Herausforderungen für Katrin Agethen.
Baum-Forscherin, Holzdetektivin und Vertrauensfrau am Standort Großhansdorf
Aus welchem Holz ist das gemacht? Diese Frage kann Dr. Céline Blanc-Jolivet beantworten. Wie eine Detektivin ermittelt sie die Herkunft von Hölzern per DNA-Test im Labor. Neben dieser praktischen Seite erforscht sie am Thünen-Institut für Forstgenetik in zahlreichen Projekten wie z.B. ForGer, zur Erhaltung genetischer Ressourcen von Bäumen als wichtigen Faktor der Klimaanpassung. Ständige Neuerungen der Methoden und das Füttern großer Datenbanken brauchen Zeit und einen guten Überblick.
Den muss sie auch zu Hause behalten – dort managt sie ihre fünfköpfige Familie. Für Céline Blanc-Jolivet stand immer fest: „Ich möchte Wissenschaftlerin und für meine Kinder da sein“. Um bei ihren Projekten den Anschluss zu behalten, hat sie deshalb ihr erstes Kind kurzerhand mit ins Büro genommen. „Das war für alle neu und ein ungewohnter Zustand. Aber ich konnte damit zeigen, dass Mutter sein und Forschung betreiben funktioniert!“ Solche Beispiele zu geben und damit auch Kolleginnen neue Wege zu ebnen, ist ihr ein Anliegen. Deshalb hat sie sich auch als Vertrauensfrau am Standort Großhansdorf gemeldet. Flexiblere Elternzeitvorgaben, bessere Home-Office-Möglichkeiten und einen größeren Vertrauensvorschuss formuliert sie als Ziele für Wissenschaftlerinnen mit Kindern. „Durch Corona haben sich Home-Office-Optionen zwar verbessert, aber es muss noch viel passieren, bis eine Vita wie meine als selbstverständlich angesehen wird.“
Céline Blanc-Jolivet kommt aus Fontainebleau nahe Paris und hat in Montpellier Agrarwissenschaften studiert. Ihren Doktor mit den Schwerpunkten Ökologie und Evolution hat sie 2006 in der Schweiz gemacht. Seit 2007 ist sie im Thünen-Institut für Forstgenetik tätig.
Mittlerin zwischen Informatik und Information
Die Frau mit den rosa Katzenohren auf den Kopfhörern kennt wohl jede*r am Thünen-Institut: Wenn es auf der Website hakt, weiß Dana Heinemann, wo der Haken fehlt. Sie ist die Herrin des Redaktionssystems und oft genug Retterin in der Not, eine Mittlerin zwischen Informatik und Information.
Dabei wollte die Wolfsburgerin ursprünglich Bücher katalogisieren und verwalten. Und weil sie sich für Naturwissenschaften begeistert, war die Bibliothek eines Forschungsinstituts genau der richtige Arbeitsplatz. Doch schon während ihrer Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste zeichnete sich ab, dass das Bibliothekswesen zum Sprung ins digitale Zeitalter ansetzen musste. Zudem endete Heinemanns Ausbildung just zu dem Zeitpunkt, als das Thünen-Institut gegründet und damit ein neuer Internetauftritt fällig wurde. Sie wechselte in den IT-Bereich. Seither schult sie die Webredakteurinnen und -redakteure und sorgt unter anderem für die Barrierefreiheit der Website – alles online. „Manchmal fehlt mir der Publikumsverkehr“, sagt Dana Heinemann. „Aber theoretisch können mich jeden Tag 100 Webredakteurinnen und -redakteure anrufen.“
Wichtig ist ihr, dass sie sich trotz des immer gleichen Arbeitgebers weiterentwickeln kann. So hat sie berufsbegleitend Medienwissenschaften und Kommunikationsdesign studiert. Den inzwischen zweiten Relaunch der Website hat sie als Projektmanagerin gesteuert. Vieles von dem, was sie kann, hat sie sich jedoch selbst und über den Fachaustausch in Foren beigebracht. „Ich schätze die gestalterischen Freiräume und die Flexibilität des Forschungsbetriebes“, sagt sie.
In der IT-Branche ist Dana Heinemann noch immer eine Ausnahme: Nur knapp 17 Prozent der Jobs werden in Deutschland von Frauen besetzt. Damit liegt unser Land im Mittelfeld der OECD-Staaten. Immerhin: Dana Heinemann hat eine Chefin. Am Thünen-Institut wird das Zentrum für Informationsmanagement von einer Frau geleitet.
Ausbilderin von Chemielaborant*innen
Forschen in der Chemie war immer ihr Traum. Den hat sich Marina Heuer auch in gewisser Weise erfüllt. Als Ausbilderin von Chemielaborantinnen und -laboranten hat sie in den vergangenen acht Jahren Azubis ihr Wissen vermittelt. „Besonders hat mir an dieser Aufgabe gefallen, junge Menschen zu fördern und zu fordern. Und natürlich das Forschen im Rahmen der Doktorandenprojekte“ berichtet sie. Im Sommer 2023 geht sie in den Ruhestand.
Dass sie doch noch an einer Forschungseinrichtung wie dem Thünen-Institut Fuß fassen würde, hätte sie als Schülerin nie geglaubt. Anfang der 80er Jahre verwirft sie ihren Wunsch Chemie zu studieren, macht stattdessen eine Ausbildung zur Chemielaborantin und arbeitet im Bereich Umweltchemie. „Ich hatte Angst davor. Ein Chemiestudium war damals eine Männerdomäne. Generell zieht sich die Beobachtung durch mein Leben, dass Mädchen und Frauen davor zurückscheuen, leitende Positionen oder eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Dabei können sie es mindestens genauso gut!“
Am Thünen-Institut für Agrartechnologie schafft sie ab 2009 zunächst den Ausbildungsrahmen für Chemielaborantinnen und -laboranten. „Das Geschlechterverhältnis der Kandidatinnen und Kandidaten war stets ausgeglichen und auch unter den Doktoranden waren immer viele Frauen“ berichtet sie. 2022 haben die letzten von Marina Heuers Azubis ihre Abschlussprüfung gemacht. „Die Ausbildung wird es in der derzeitigen Form nicht mehr geben. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich unter der engagierten, weiblichen Leitung des Instituts ein neues Ausbildungsangebot formiert, diesmal aber mit digitalem Schwerpunkt.“
Was sie „Women in Science“ mit auf den Weg geben möchte? „Nicht nur fleißig sein, sondern auch sichtbar. Und als Frauen in der Wissenschaft zusammenhalten, egal, ob studierte Frau oder nicht, ob mit oder ohne Kinder, mit Mann oder Frau oder ohne.“
Pionierin auf dem Gebiet der Pflanzengenetik
Bäume haben Birgit Kersten schon bei Waldspaziergängen als Kind fasziniert. Dieses Interesse bewegt sie zum Biologie-Studium in Ost-Berlin in den 1980er Jahren. Zeitgleich bekommt sie ihre beiden Kinder. „In der DDR war es üblich, früh Familien zu gründen. Durch die vorhandene Kinderbetreuung war das gut machbar!“ Die Wissenschaft hat sie deshalb nie aufgegeben. Die Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Die Objekte ihrer Forschung sind geblieben. Seit 2010 arbeitet sie am Thünen-Institut für Forstgenetik etwa im Projekt TaxGen, in dem es um die Entschlüsselung des Genoms der Europäischen Eibe (Taxus baccata) geht. Hierbei interessiert sich die Molekularbiologin insbesondere für die genetischen Grundlagen der Geschlechtsdeterminierung. Auf diesem Gebiet hat sie echte Pionierarbeit in der Erforschung des Pappel-Genoms geleistet. Gemeinsam mit zwei Kollegen erhielt sie dafür einen der Thünen-Forschungspreise 2021.
Pionierin in der Forschung war sie schon einmal – während ihres Post-Doc-Projektes im Bereich Pflanzenproteinchips am Max-Planck-Institut (MPI) für Molekulare Genetik: „Wir waren 2005 die Ersten, die Ergebnisse in diesem Bereich vorlegen konnten und haben sie noch vor amerikanischen Kollegen veröffentlicht!“ 2006 wechselt Birgit Kersten in die Pflanzenbioinformatik und übernimmt die Leitung der GABI-Primärdatenbank am MPI für Molekulare Pflanzenphysiologie.
Umbrüche nach dem Mauerfall 1989 und Verpflichtungen in Job und Familie bedingen Verzögerungen in ihrer Forschungslaufbahn. Im Jahr 2000 schließt sie ihre Promotion an der Berliner Charité ab. 17 Jahre später habilitiert sie sich an der Universität Potsdam. „Zum Glück hatte ich immer wieder Mentorinnen, Kolleginnen und Vorgesetzte, die mich unterstützt haben!“
Nach zahlreichen befristeten Projekten schätzt Birgit Kersten ihre Festanstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Außerdem lehrt sie als Privatdozentin an der Universität Hamburg. „Die Lehre finde ich spannend. Und sie berechtigt mich offiziell, Promovierende extern zu betreuen“
Institutsleiterinnen am Thünen-Institut

Hiltrud Nieberg (60) und Christina Umstätter (48) leiten zwei der 15 Fachinstitute am Thünen-Institut. Der Frauenanteil unter ihren Wissenschaftler*innen ist sehr unterschiedlich. Im Institut für Betriebswirtschaft, das Hiltrud Nieberg seit zwölf Jahren leitet, liegt er bei fast 50 Prozent. Im Institut für Agrartechnologie, das Christina Umstätter 2021 übernommen hat, gibt es nur zwei Frauen unter elf Wissenschaftler-Kollegen mit unbefristeten Stellen.
Landwirtschaft scheint nach wie vor Männersache zu sein. 36 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft sind laut Landwirtschaftszählung weiblich. Aber nur jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt. Der tatsächlichen Rolle von Frauen in der Landwirtschaft werden die Zahlen der Agrarstatistik jedoch nicht gerecht. Das zeigen erste Ergebnisse der Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft, die das Thünen-Institut und die Universität Göttingen gemeinsam durchführen.
In der Wissenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild: Zwar studieren viele Frauen Agrarwissenschaften, der Anteil liegt ungefähr bei der Hälfte der Studierenden. Aber je höher die Position wird, desto weniger Frauen sind noch sichtbar. „Auch in landwirtschaftlichen Gremien dominieren die Männer, in Diskussionsveranstaltungen oder Meetings bin ich oft eine der ganz wenigen Frauen“, sagt Hiltrud Nieberg. Sie hat aber auch in Gremien wie der Zukunftskommission Landwirtschaft mitgewirkt und ist seit Jahren Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL – Gremien mit bereits nahezu paritätischer Besetzung.
Frauen in der Wissenschaft zu fördern bedeutet nach Ansicht von Hiltrud Nieberg und Christina Umstätter, dass man Frauen vor allem ermutigen muss, sich für eine Karriere in der Wissenschaft zu entscheiden und zu qualifizieren. „Frauen muss man viel mehr in ihrem Selbstbewusstsein fördern, sie zweifeln zu oft an ihren Fähigkeiten“, sagt Christina Umstätter, die sich mehr gestalterische Spielräume bei der Neubesetzung von Stellen wünscht. Das komme der Höherqualifizierung von Frauen zugute.
Beide Institutsleiterinnen sehen ihre eigene Position als wichtiges Vorbild. Ihre Botschaft an junge Wissenschaftlerinnen: „Traut euch, seid stets neugierig und lasst euch nicht von alten Rollenbildern abhalten, eure Ziele zu verfolgen.“






























