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Dossier

Wo ist der Haken? – Meeresangelfischerei

Harry Strehlow | 02.06.2022


OF Institut für Ostseefischerei

Freizeitangler entnehmen eine bedeutende und variable Menge Fisch aus einzelnen Beständen, sie gehört in die wissenschaftliche Bestandsberechnung. Die Angelfischerei ist aber auch eine ökonomische Größe.

Neben der kommerziellen Fischerei entnimmt die Freizeitfischerei, insbesondere die Angelfischerei, eine bedeutende Menge von Biomasse aus den Fischbeständen. Bei einzelnen marinen und diadromen – also in wechselnden Gewässern beheimateten – Arten können Angler einen signifikanten Anteil der Gesamtfänge anlanden. Gleichzeitig besitzt die Freizeitfischerei auch eine große sozioökonomische Bedeutung. Insbesondere für die Küstengebiete und strukturarme Regionen ist nämlich Angeltourismus eine beachtliche Einkommensquelle.

Erstaunlicherweise wird in Europa die Freizeitfischerei trotzdem in relativ geringem Umfang erforscht. In Deutschland beschränkte sich die Forschung zur Angelfischerei bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich auf Binnengewässer. Für die marinen Gewässer Europas fehlten lange Zeit solche systematischen und flächendeckenden Untersuchungen völlig. Die regelmäßige Erhebung von Freizeitfischereidaten in Europa begann 2001 mit der Einführung der Verordnung (EG) Nr. 1639/2001. Mehr zur historischen Entwicklung in der "Expertise".

Erste Untersuchungen zeigen, dass Freizeitfischer in der westlichen Ostsee beispielsweise reichlich  Dorschfänge und -rückwürfe aufweisen. Tatsächlich wurde geschätzt, dass sie in den Jahren 2005 bis 2010 jährlich im Mittel knapp 50 Prozent der Biomasse entnommen haben, die zur selben Zeit  von der deutschen kommerziellen Fischerei aus demselben Gebiet angelandet wurde. Auch Studien anderer Ostsee-Anrainer wie zum Beispiel Dänemark und Schweden zeigen, dass die Dorschentnahme durch die Freizeitfischerei in der Ostsee nicht vernachlässigbar ist. Die Evaluation des Umfangs und der Fänge der Freizeitfischerei ist allerdings eine komplexe Aufgabe und mit einer Vielzahl von Problemen verbunden. Angaben zur Erhebungsmethodik finden Sie ebenfalls in der "Expertise".

Obwohl Freizeitangler und kommerzielle Fischer prinzipiell dieselben Fische fangen, konkurrieren sie nicht um die derzeitige Quote. Die Quote wird auf der Basis der entnommenen Biomasse berechnet. Die Fänge der Freizeitfischerei sind bisher nicht berücksichtigt worden, weil sie ja nicht bekannt waren. Wenn die Fänge aus der Freizeitfischerei zukünftig in die Bestandsberechnungen einbezogen werden, erhöht sich die wahrgenommene Produktivität des Bestands proportional, und die entnehmbare Fangmenge steigt ungefähr um die Menge der Anglerfänge. Die Höchstfangmengen der kommerziellen Fischer müssen also nicht sinken, die höhere neue Quote muss nur anders aufgeteilt werden. Ein geeignetes Management sollte für einen Ausgleich der Interessen der Freizeit- und der kommerziellen Fischerei sorgen und die große sozioökonomische Bedeutung der Freizeitfischerei berücksichtigen.

Zahlen & Fakten

Beprobungsumfang und Fänge

Was fangen Angler? Wann, wo und wie? Welche Bedeutung hat die Angelfischerei für einzelne Fischbestände? Welche sozioökonomische Bedeutung hat das Meeresangeln?

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Beprobungsumfang und Fänge

Expertise

Entwicklung der deutschen Datenerhebung seit 2003

Seit 2003 werden Daten der Freizeitfischerei in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee erhoben - etwa zum Aufwand und zu den Einheitsfängen. Mit diesen Daten berechnen wir den Gesamtfang für ausgewählte Fischarten.

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Entwicklung der deutschen Datenerhebung seit 2003

Projekte

Deutsches Meeresangelprogramm

Neben der kommerziellen Fischerei entnimmt die Freizeitfischerei eine bedeutende Menge Biomasse aus den Fischbeständen. Für einzelne Arten können die Freizeitfischereifänge einen signifikanten Anteil an den Gesamtanlandungen haben. Diese Fänge sind bedeutsam für die wissenschaftliche Berechnung der Bestände. Außerdem kommt der Freizeitfischerei auch eine große ökonomische Bedeutung zu.

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Deutsches Meeresangelprogramm

Angeln in Deutschland

Die Studie soll helfen die Nutzung der Fischbestände, die Rolle des Angelns in der Gesellschaft und die wirtschaftliche Bedeutung des Angelns  in Deutschland besser zu verstehen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen als Grundlage für die Entwicklung einer nachhaltigen Angelfischerei in Binnen- und Meeresgewässern dienen.

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Angeln in Deutschland

Angelfischerei auf Lachs und Meerforelle

Bisher wurden in Europa die Auswirkungen der Freizeitfischerei – insbesondere mit der Angel – auf marine Fischbestände häufig unterschätzt. Mittlerweile belegen verschiedene Studien, dass die Fänge auch bei einigen marinen und diadromen Fischarten in Europa beachtlich sind. In Deutschland betrifft dies insbesondere die Freizeitfischerei auf den Atlantischen Lachs und die Meerforelle in der Ostsee.

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Angelfischerei auf Lachs und Meerforelle

Charakterisierung der Hobbyfischerei mit passiven Fanggeräten auf Aal

Um den Bestand des europäischen Aals besser schätzen zu können, müssen Fänge aus der Freizeitfischerei in der Nord- und Ostsee quantitativ erfasst werden.

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Charakterisierung der Hobbyfischerei mit passiven Fanggeräten auf Aal

Sterblichkeit von geangelten und zurückgesetzten Aalen

Der Europäische Aal ist traditionell eine wichtige Zielfischart für viele Angler in Mitteleuropa. Aal-Entnahmeverbote und Mindestmaße führen dazu, dass ein bedeutender Anteil der geangelten Aale nach dem Fang wieder zurückgesetzt wird.

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Sterblichkeit von geangelten und zurückgesetzten Aalen

Sterblichkeit von geangelten und zurückgesetzten Dorschen

Bisherige Untersuchungen zeigen, dass ein großer Teil der durch Angler gefangenen Dorsche das gesetzliche Mindestmaß von 38 Zentimetern noch nicht erreicht hat und daher zurückgesetzt werden muss. Bei der Boots- und Kutterangelei liegt der Anteil untermaßiger Dorsche nach Stückzahlen zwischen 45 und 70 % des Gesamtfanges.

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Sterblichkeit von geangelten und zurückgesetzten Dorschen

Agentenbasierte Modellierung des Angelverhaltens

Diese Studie soll helfen das Verhalten von Freizeitanglern besser zu verstehen und die Reaktionen auf Managemententscheidungen besser abschätzen zu können. Mit den gewonnenen Erkenntnissen soll die Grundlage für eine nachhaltige Freizeitfischerei gelegt werden, in der die Belastung und Einschränkung der Angelnden nicht überhandnimmt.

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Agentenbasierte Modellierung des Angelverhaltens

Publikationen

  1. 0

    Weltersbach MS, Lewin W-C, Gröger JP, Strehlow HV (2019) Effect of lure and bait type on catch, size, hooking location, injury and bycatch in the western Baltic Sea recreational cod fishery. Fish Res 210:121-130, DOI:10.1016/j.fishres.2018.10.002

  2. 1

    Pita P, Villasante S, Arlinghaus R, Gomes P, Strehlow HV, Veiga P, Vingada J, Hyder K (2018) A matter of scales: Does the management of marine recreational fisheries follow the ecosystem approach to fisheries in Europe? Mar Policy 97:61-71, DOI:10.1016/j.marpol.2018.08.039

  3. 2

    Weltersbach MS, Strehlow HV, Ferter K, Klefoth T, Graaf M de, Dorow M (2018) Estimating and mitigating post-release mortality of European eel by combining citizen science with a catch-and-release angling experiment. Fish Res 201:98-108, DOI:10.1016/j.fishres.2018.01.010

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn059694.pdf

  4. 3

    Lewin W-C, Strehlow HV, Ferter K, Hyder K, Niemax J, Herrmann JP, Weltersbach MS (2018) Estimating post-release mortality of European sea bass based on experimental angling. ICES J Mar Sci 75(4):1483–1495, DOI:10.1093/icesjms/fsx240

  5. 4

    Hyder K, Weltersbach MS, Armstrong M, Strehlow HV, et al (2018) Recreational sea fishing in Europe in a global context : participation rates, fishing effort, expenditure, and implications for monitoring and assessment. Fish Fisheries 19(2):225-243, DOI:10.1111/faf.12251

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn059352.pdf

  6. 5

    Radford Z, Hyder K, Zarauz L, Mugerza E, Ferter K, Prellezo R, Strehlow HV, Townhill B, Lewin W-C, Weltersbach MS (2018) The impact of marine recreational fishing on key fish stocks in European waters. PLoS One 13(9):e0201666, DOI:10.1371/journal.pone.0201666

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn060070.pdf

  7. 6

    Weltersbach MS, Strehlow HV, Klefoth T, Ferter K, Dorow M (2017) Auswirkungen des Fangens und Zurücksetzens von Aalen in der Angelfischerei [online]. Fischerei Fischmarkt MV(4):44-46, zu finden in <http://www.lfvmv.de/download/zeitschrift/FF_4_2017.pdf> [zitiert am 05.01.2018]

  8. 7

    Weltersbach MS, Strehlow HV, Klefoth T, Ferter K, Dorow M (2017) Auswirkungen des Fangens-und-Zurücksetzens von Aalen in der Angelfischerei - Vorstellung verschiedener Versuchsansätze. Mitt Landesforschungsanst Landwirtsch Fischerei Mecklenburg Vorpommern 58:77-88

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn058536.pdf

  9. 8

    Strehlow HV (2017) Die Sache mit dem Angelhaken .... Meer Küste(6):21

  10. 9

    Strehlow HV, Weltersbach MS (2017) Jobmotor Meeresangeln - Zwei aktuelle Studien belegen: Meeresangeln ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Europa [online]. Fischerei Fischmarkt MV(4):38-40, zu finden in <http://www.lfvmv.de/download/zeitschrift/FF_4_2017.pdf> [zitiert am 05.01.2018]

  11. 10

    Strehlow HV (2017) Quote für Angler. Meer Küste(6):28

  12. 11

    Hyder K, Radford Z, Prellezo R, Weltersbach MS, Lewin W-C, Zarauz L, Ferter K, Ruiz J, Townhill B, Mugerza E, Strehlow HV (2017) Research for PECH Committee - Marine recreational and semi-subsistence fishing - its value and its impact on fish stocks : Study. Luxembourg: European Commission, DOI:10.2861/2728

  13. 12

    Weltersbach MS, Ferter K, Sambraus F, Strehlow HV (2016) Hook shedding and post-release fate of deep-hooked European eel. Biol Conserv 199:16-24, DOI:10.1016/j.biocon.2016.04.015

  14. 13

    Ferter K, Weltersbach MS, Humborstad OB, Fjelldal PG, Sambraus F, Strehlow HV, Volstad JH (2015) Dive to survive: effects of capture depth on barotrauma and post-release survival of Atlantic cod (Gadus morhua) in recreational fisheries. ICES J Mar Sci 72(8):2467-2481, DOI:10.1093/icesjms/fsv102

  15. 14

    Eero M, Strehlow HV, Adams CM, Vinther M (2015) Does recreational catch impact the TAC for commercial fisheries? ICES J Mar Sci 72(2):450-457, DOI:10.1093/icesjms/fsu121

  16. 15

    Weltersbach MS, Strehlow HV (2013) Dead or alive - estimating post-release mortality of Atlantic cod in the recreational fishery. ICES J Mar Sci 70(4):864-872, doi:10.1093/icesjms/fst038

  17. 16

    Ferter K, Weltersbach MS, Strehlow HV, Volstad JH, Asos J, Arlinghaus R, Armstrong M, Dorow M, Graaf M de, Hammen T van der, Hyder K, Levrel H, Paulrud A, Radtke K, Rocklin D, Sparrevohn CR, Veiga P (2013) Unexpectedly high catch-and-release rates in European marine recreational fisheries: implications for science and management. ICES J Mar Sci 70(7):1319-1329, doi:10.1093/icesjms/fst104

  18. 17

    Strehlow HV, Schultz N, Zimmermann C, Hammer C (2012) Cod catches taken by the German recreational fishery in the Western Baltic Sea, 2005-2010: implications for stock assessment and management. ICES J Mar Sci 69(10):1769-1780

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