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Expertise

Beifänge in der Stellnetzfischerei

Von Christian von Dorrien, Daniel Stepputtis | 01.11.2021


OF Institut für Ostseefischerei

Stellnetze bestehen meist aus so dünnem Material, dass sie nicht nur für Fische, sondern auch für andere Tiere nahezu unsichtbar sind. Dadurch können sich zum Beispiel Schweinswale oder tauchende Seevögel in den Netzen verfangen und darin ertrinken.

In der Stellnetzfischerei werden Netze nicht geschleppt, sondern meist direkt auf den Meeresboden „gestellt“ oder dort verankert, während die Netze selbst im Wasser schweben. Stellnetze sind, bezogen auf die Zielart, eine sehr selektive Fangmethode. Denn in den Maschen der Netze sollen eigentlich nur Fische einer ganz bestimmten Größe mit ihren Kiemen hängen bleiben. Aber die Netze bestehen meist aus so dünnem Material, dass sie nicht nur für Fische, sondern auch für andere Tiere nahezu unsichtbar sind. Das kann dazu führen, dass sich zum Beispiel Schweinswale (Phocoena phocoena) oder tauchende Seevögel in den Netzen verfangen und darin ertrinken. 

In der EU gibt es verschiedene Regularien, mit denen diese Beifänge verhindert oder zumindest verringert werden sollen. So ist in bestimmten Gebieten der Ostsee vorgeschrieben, dass Fahrzeuge mit mehr als 12 Meter Länge (das betrifft nur den kleineren Teil der Schiffe; die meisten Fischkutter sind kürzer) ihre Netze mit sogenannten „Pingern“ versehen müssen. Diese Geräte senden künstliche Töne aus, mit denen Schweinswale vor den Netzen gewarnt werden sollen.

Pinger stehen allerdings im Verdacht, die Tiere von ihren natürlichen Lebens- und Nahrungsgründen vertreiben („vergrämen“) zu können und tragen zu einer Verlärmung der Meeresumwelt bei. Daher können sie allenfalls eine Zwischenlösung darstellen.

PAL – Porpoise Alert

In mehrjährigen Versuchen auf kommerziellen Stellnetzfahrzeugen in der Ostsee hat das Thünen-Institut einen anderen Ansatz getestet: Das programmierbare Warngerät PAL („Porpoise ALert“), das von der Heikendorfer Firma F3 entwickelt wurde, imitiert die natürlichen Warnlaute der Tiere im Ultraschallbereich auf der Frequenz von 133 kHz. Diese Tonhöhe nutzen Schweinswale der Ostsee für ihre Orientierung und Kommunikation. Durch die Warntöne sensibilisiert, verstärken die Tiere ihre eigene Echo-Ortung und erhöhen den Mindestabstand zur Schallquelle – allerdings nur geringfügig; sie werden also nicht weiträumig aus ihrem Lebensraum vertrieben.

Das Thünen-Institut hat zusammen mit Berufsfischern aus Deutschland und Dänemark die Wirksamkeit untersucht. Dazu bestückten die Fischer je eine Hälfte ihre Netze mit den PAL-Warngeräten, die andere Hälfte wurde ohne Geräte als Kontrolle ausgebracht. Die Untersuchungen von mehr als 900 dieser Stellnetzversuche zeigten, dass der unbeabsichtigte Fang von Schweinswalen um gut 70 % verringert werden kann (s. Pressemitteilung vom 28.12.2016).

Im April 2017 startete das Land Schleswig-Holstein ein Projekt, bei dem PAL-Geräte kostenlos an Fischer ausgegeben wurden. Insgesamt konnten dadurch mehr als 300 km Stellnetze bestückt werden.

Ein Problem bei der akustischen Warnung ist allerdings: Schweinswale kommunizieren in ihren verschiedenen Lebensräumen mit unterschiedlichen Dialekten. Bei Tieren in der Nordsee etwa zeigen die Warntöne des PAL keine Effekte.

Acrylglas-Perlen als Echoverstärker

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das Thünen-Institut für Ostseefischerei im Projekt STELLA: Mithilfe von Modifikationen in den Maschen soll die „Hörbarkeit“ der Stellnetze für Schweinswale erhöht werden. Erfolgversprechend erwiesen sich kleine Perlen aus Acrylglas von knapp 9 mm Durchmesser, die in regelmäßigen Abständen in die Netze eingebracht wurden. Die Kügelchen werden durch die Frequenz der Wal-Laute angeregt und werfen die Schallwellen verstärkt zurück. Durch diesen Resonanzeffekt erscheinen die Perlen für die Wale viel größer und das Netz wird als Hindernis wahrgenommen.

Mehr Informationen dazu gibt das Interview „Die Netze für Wale wahrnehmbarer machen“.
 

Stellnetze weiterhin problematisch für Seevögel

Für Seevogelpopulationen können Stellnetze besonders dort gefährlich sein, in denen die Vögel in großen Zahlen rasten oder mausern. Bisher gibt es keine Netzmodifikationen zur Verminderung der Seevogelbeifänge, die sich als praktikabel erwiesen hätten. Viele Seevogelgebiete sollen daher durch die EU-Vogelverordnung geschützt werden; in deutschen Meeresgebieten sind schon mehrere entsprechende Gebiete ausgewiesen worden.

Das Thünen-Institut untersucht diese Problematik auf verschiedenen Ebenen. Wir wollen z.B. bessere Daten zum Fischereiaufwand und den Beifangraten der betroffenen Arten erheben, um ein klareres Bild über die tatsächlichen Effekte zu bekommen. Ganzjährige Schließungen größerer Gebiete hätten erhebliche sozioökonomische Auswirkungen für die Fischerei, aber auch für nachgelagerte Wirtschaftszweige (Verarbeitung, Hafenwirtschaft, Tourismus).

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