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Interview

„Die Netze für Wale wahrnehmbarer machen“

Von Erik Eschbach mit Isabella Kratzer und Fanny Barz (Wissenschaft erleben 2021/1) | Mai 2021


OF Institut für Ostseefischerei

Schweinswale sind die einzige in deutschen Gewässern heimische Walart und in ihrem Bestand stark gefährdet. Stellnetze der Küstenfischerei stellen eine große Gefahr für sie dar, denn als luftatmende Säugetiere können sie sich darin verfangen und ertrinken. Zu dieser Problematik arbeiten am Thünen-Institut für Ostseefischerei Isabella Kratzer, die Netze modifiziert hat, und Fanny Barz, die soziologische Aspekte untersucht hat.

Frau Kratzer, warum sind Stellnetze eine Gefahr für die Schweinswale?

IK: Schweinswale senden ein akustisches Signal aus, das reflektiert wird. Anhand dieses Echos orientieren sie sich. Stellnetze bestehen aus dünnen Nylonfäden, die ein sehr schwaches Echo zurücksenden. Schweinswale können die Netze zwar wahrnehmen, aber sie verstehen nicht, dass diese ein undurchdringliches Hindernis sind.

Frau Barz, wie erleben denn die Fischer diesen ungewollten Beifang?

FB: Für sie ist es das, was wir eine „kritische Situation“ nennen. Da wird eine Routine durchbrochen, die verarbeitet oder reflektiert werden muss – auch emotional. Erschwerend ist es, wenn Schweinswalkälber involviert sind.

Wie ist das mit Seevögeln oder anderen Beifängen?

FB: Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Seevogelbeifang, wenn er vorkommt, von den Fischern eher als Teil der Routine gesehen und in den Arbeitsalltag integriert wird. Das ist für die meisten nicht so schwerwiegend wie der Beifang von Schweinswalen.

Frau Kratzer, sie haben eben gesagt, die Netze sind schwer erkennbar für die Wale. Was ist denn der Clou an ihrem neuen Netz?

IK: Man muss die Netze für die Wale wahrnehmbarer machen. Zunächst haben wir die akustischen Eigenschaften von Stellnetzen betrachtet und festgestellt, dass es völlig egal ist, ob Nylonfaden oder etwa Stahlfaden – sie werfen quasi kein Echo zurück. Als Nächstes haben wir die Echos von Kugeln mit unterschiedlichen Materialeigenschaften analysiert und festgestellt, dass Acrylglas-Kugeln ein großes Echo im Verhältnis zu ihrem Umfang zurückwerfen. Wir haben also kleine, transparente Acrylglas-Kügelchen, etwa so groß wie eine Kichererbse, in regelmäßigen Abständen in die Netze eingeklebt.

Das klingt sehr aufwändig. Gibt es Möglichkeiten, das zu automatisieren?

IK: Bisher haben wir ausschließlich Prototypen für einen ersten Fischereiversuch hergestellt. Das waren zwei Kilometer lange Netze, womit fünf Menschen zwei Wochen lang beschäftigt waren. Das geht natürlich nicht, wenn man das im großen Stil machen will. Wir sind schon in Kontakt mit verschiedenen Netzherstellern und Textilforschungsinstituten und versuchen einen Weg zu finden, das Perlennetz halb- oder vollautomatisch herzustellen. Für neue Fertigungsideen sind wir da sehr offen.

Wie waren die Versuchsergebnisse mit dem modifizieren Netz?

IK: Wir haben einen ersten Pilot-Versuch in der Steinbutt-Fischerei im Schwarzen Meer durchgeführt, da dort die Schweinswal-Beifangrate zwar niedrig ist, aber immer noch höher als in der Ostsee. Dabei wurden in der Variante mit dem Perlennetz weniger Schweinswale gefangen. Auch wenn die Daten wegen der insgesamt geringen Beifänge statistisch nicht signifikant waren, können wir einen Trend in Richtung Beifang-Reduktion prognostizieren. In der Ostsee findet dieses Jahr auch ein Versuch statt, in dem wir das Verhalten der Schweinswale rund um das Perlennetz im Vergleich zum Standardnetz quantifizieren werden.

Frau Barz, Sie haben unterschiedliche Handlungstypen von Fischern beschrieben. Welche Fischer würden denn sofort auf das Perlennetz umsteigen und welche eher nicht?

FB: Ich habe drei Typen identifiziert: projektiv, evaluativ und iterativ. Projektive Fischer weisen ein besonders zukunftsgerichtetes Handeln auf. Fischer aus dieser Kategorie wären vermutlich am empfänglichsten für alternative Geräte. Nicht, weil es ein neues Netz ist, sondern weil sie erwarten, dass sie mit herkömmlichen Netzen künftig in bestimmten Gebieten nicht mehr werden fischen können. Der evaluative Typ entscheidet eher kurzfristig oder mittelfristig. Auch dieser Typ würde vielleicht ein Perlennetz verwenden, wenn es die Lage erfordert. Iterative Fischer hängen stärker an ihren Gewohnheiten und sind für Neuerungen weniger offen. Es hängt viel davon ab, wie man versucht, Neuerungen in die Fischerei einzubringen.

Welche Anreize wären denn denkbar, die Fischer zu motivieren, auf Schweinswal-schonendere Netze umzusteigen, außer mit einer Vorschrift?

FB: Bessere Informationen zum Beispiel und eine gezieltere Umweltbildung. Fischer haben ja per se kein Interesse daran, Schweinswale oder Seevögel zu fangen. Da könnte man ansetzen und schon in der Berufsschule vermitteln, dass es Wege gibt, Beifänge zu reduzieren, und dass diese Tiere schützenswert sind.

Wie sieht es in der Praxis aus?

FB: In Schleswig-Holstein werden zum Beispiel partizipative Ansätze praktiziert. Da haben Fischereiverbände und ein Ostsee-Infozentrum in Kooperation mit einem Landesministerium eine freiwillige Vereinbarung aufgesetzt, bei der alle beteiligt waren und zusammen überlegt haben, was man machen kann, um den Schweinswal- und Seevogel-Beifang zu reduzieren. Solche partizipativen Ansätze, vor allem wenn sie flexibel gestaltet sind, gehen in die richtige Richtung. Es gibt eben nicht dieses „one size fits all“ – die Fischer sind unterschiedlich. Wir müssen daher flexibel sein in dem, was wir zusammen mit ihnen gestalten wollen.

Frau Kratzer, Frau Barz, vielen Dank für das Gespräch.

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