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Dossier

Einkommen in der Landwirtschaft

Eva-Charlotte Weber, Raphaela Ellßel und Heiko Hansen | 01.02.2023


BW Institut für Betriebswirtschaft

Landwirtschaftliche Einkommen sind starken Schwankungen unterworfen: Die Preise, die ein Betrieb für einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch erzielen kann, verändern sich von Jahr zu Jahr – genauso wie die Preise für Saatgut, Dünger, Futter und Energie. Wir analysieren die Einkommensentwicklung über die Zeit.

Auf Grundlage des Testbetriebsnetzes Landwirtschaft können wir die wirtschaftliche Lage und Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland abschätzen. Diese Datenbasis umfasst die Buchführungsabschlüsse von repräsentativ ausgewählten landwirtschaftlichen Betrieben. Auch für Politikfolgenabschätzungen verwenden wir das Testbetriebsnetz Landwirtschaft – etwa wie sich eine neue Ausgestaltung der Direktzahlungen auf die Betriebe auswirkt.
 

Datengrundlage

Die Anfänge des Testbetriebsnetzes gehen auf das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahr 1955 zurück. Das Testbetriebsnetz hat große Bedeutung für die Politikfolgenabschätzung und -evaluierung, denn es ist die einzige repräsentative Datengrundlage, die neben betriebsstrukturellen und produktionstechnischen Merkmalen landwirtschaftlicher Betriebe auch wirtschaftliche Kennzahlen wie das Einkommen umfasst. Aktuell stellen etwa 8.000 landwirtschaftliche Betriebe ihre Buchführungsabschlüsse zur Verfügung.

Die Daten des Testbetriebsnetzes sind auch ein zentraler Bestandteil des betrieblichen Programmierungsmodells FARMIS, mit dem wir landwirtschaftliche Aktivitäten auf Betriebsebene detailliert abbilden und Projektionen vornehmen können. Über einzelbetriebliche Hochrechnungsfaktoren können wir unsere Ergebnisse auch auf die jeweils repräsentierte Grundgesamtheit beziehen.

Die Daten aus dem Testbetriebsnetz stehen externen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen für Forschungsfragen unter bestimmten Bedingungen und der Beachtung der strengen Anforderungen des Datenschutzes am Thünen-Institut zur Verfügung.

Im Folgenden beziehen wir uns auf das Einkommen familiengeführter landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland mit den Rechtsformen Einzelunternehmen oder Personengesellschaften. Sie machen etwa 98 % der landwirtschaftlichen Betriebe aus.

Das Einkommen der nicht entlohnten (Familien-)Arbeitskräfte wird dabei aus dem Gewinn ermittelt, der sich aus der Differenz von Erträgen und Aufwendungen eines landwirtschaftlichen Unternehmens berechnet. Diese Kennzahl ist ausschließlich für die Einkommenssituation der nicht entlohnten (Familien-)Arbeitskräfte aussagekräftig, nicht aber für angestellte Arbeitskräfte. Zudem fokussieren wir uns auf Haupterwerbsbetriebe und lassen Klein- und Nebenerwerbsbetriebe in unserer Betrachtung unberücksichtigt.

Im Durchschnitt über alle Betriebe hat das landwirtschaftliche Einkommen je nicht entlohnter (Familien-)Arbeitskraft in den letzten 15 Jahren leicht zugenommen. Allerdings gab es erhebliche Schwankungen: zwischen etwa 27.000 Euro im Wirtschaftsjahr 2005/06 und 44.500 Euro im Wirtschaftsjahr 2017/18.

Für den betrachteten Zeitraum sind die nominalen Einkommen um rund 2 % pro Jahr angestiegen, die realen Einkommen hingegen nur um 0,5 % pro Jahr. Dieser Unterschied ergibt sich, weil die Inflationsrate und damit die tatsächliche Kaufkraft in der nominalen Einkommensentwicklung nicht berücksichtigt wird, in der realen Einkommensentwicklung dagegen schon.

In dieser Durchschnittsbetrachtung über alle Betriebe hinweg bleiben die großen Unterschiede in der Landwirtschaft, z. B. durch spezifische Produktionsrichtungen, Betriebsgrößen und regionale Standortfaktoren, unberücksichtigt.

Die Einkommen zwischen den Betriebsformen unterscheiden sich teils deutlich. So hatten Ackerbaubetriebe im Durchschnitt ein höheres Einkommen je nicht entlohnter (Familien-)Arbeitskraft als die übrigen Betriebsformen. Das mit Abstand niedrigste Einkommen weisen die sonstigen Futterbaubetriebe auf.

Auffallend sind die starken Einkommensschwankungen bei den deutschen Veredlungsbetrieben. Sie weisen im Wirtschaftsjahr 2007/08 das niedrigste und im Wirtschaftsjahr 2019/20 das höchste Einkommen von allen Betriebsformen aus. Ein Grund für das außergewöhnlich gute Wirtschaftsjahr 2019/20 war die starke Schweinefleischnachfrage aus China als Folge der dort ausgebrochenen Afrikanischen Schweinepest (ASP). Im darauffolgenden Wirtschaftsjahr ist die Nachfrage nach Schweinefleisch aus Deutschland wieder stark eingebrochen, da auch hierzulande die ersten ASP-Fälle nachgewiesen wurden. Das Einkommen der Veredlungsbetriebe ist daher wieder stark gesunken.

Alle Betriebsformen zeigen eine große Streuung in den Einkommen. Besonders ausgeprägt ist die Streuung bei den Ackerbau-, Gartenbau-, Obstbau- und Veredlungsbetrieben. Im Durchschnitt der drei Wirtschaftsjahre 2018/19 bis 2020/21 wurde über alle Betriebe ein durchschnittliches Einkommen von etwa 42.000 Euro je nicht entlohnter (Familien-)Arbeitskraft erzielt.

Die dargestellten Quantile machen deutlich, wie sich das Einkommen verteilt. Etwa die Hälfte aller Betriebe erwirtschaftete ein Einkommen von weniger als 30.000 Euro (Median) und etwa ein Viertel der Betriebe erwirtschaftete weniger als 12.000 Euro (25 %-Quantil). Dagegen erwirtschaftete das erfolgreichste Viertel der Betriebe (75 %-Quantil) ein Einkommen von mehr als 55.000 Euro. 10 % der Betriebe machten Einkommensverluste von mehr als 3.800 Euro je nicht entlohnter (Familien-)Arbeitskraft (10 %-Quantil), während das Einkommen der erfolgreichsten 10 % aller Betriebe mehr als 95.000 Euro je nicht entlohnter (Familien-)Arbeitskraft erwirtschafteten (90 %-Quantil).
 

Die Bedeutung von Direktzahlungen

Die Direktzahlungen sind ein zentraler Diskussionspunkt, wenn es um die zukünftige Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geht. Die Auswertungen der Buchführungsabschlüsse aus dem Testbetriebsnetz Landwirtschaft zeigen, dass die Direktzahlungen ein wesentlicher Bestandteil des Einkommens landwirtschaftlicher Betriebe sind. Im Durchschnitt der letzten drei Wirtschaftsjahre (2018/19 bis 2020/21) machten sie über alle Betriebe 43 % aus – also etwa die Hälfte des Einkommens. Dass der Anteil der Direktzahlungen von Jahr zu Jahr schwankt, liegt vor allem am jährlichen Auf und Ab des Gewinns, während die von der Produktion entkoppelten und flächenbezogenen Direktzahlungen im Zeitverlauf relativ konstant sind.

In Ackerbau- und Futterbaubetrieben ist der Anteil der Direktzahlungen am Einkommen je (Familien-)Arbeitskraft am höchsten. In Betrieben mit der höchsten Wertschöpfung je Hektar – Obstbau, Weinbau und Gartenbau – ist ihr Anteil am niedrigsten.

Eine weitere häufig verwendete Darstellungsform ist der Anteil der Direktzahlungen an den betrieblichen Erträgen. Danach machen sie im Durchschnitt über alle Betriebe einen Anteil von annähernd sieben Prozent aus. In Betrieben mit einer hohen Wertschöpfung je Hektar – wie den Garten-, Wein und Obstbaubetrieben – ist der Anteil der Direktzahlungen an den betrieblichen Erträgen deutlich geringer als in den Ackerbau- und Sonstigen Futterbaubetrieben.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wird häufig argumentiert, dass die Direktzahlungen von existenzieller Bedeutung für die landwirtschaftlichen Betriebe seien. Allerdings wird im Fall von Pachtflächen ein Großteil der flächenbezogenen Direktzahlungen an die Bodeneigentümer und Bodeneigentümerinnen weitergegeben. Empirische Untersuchungen zeigen, dass diese sogenannten Überwälzungseffekte etwa 50-60 % der Direktzahlungen ausmachen dürften. Die Effekte sind umso größer, je höher der Pachtflächenanteil ist und je länger die abgeschlossenen Pachtverträge noch laufen. Deshalb sollte ein Abbau bzw. Umbau der Direktzahlungen über mehrere Jahre geplant werden und progressiv sowie verlässlich erfolgen, damit eine schrittweise „Rückumwälzung“ stattfinden kann.

Die Einkommenssituation der landwirtschaftlichen Familien lässt sich allein mit der Auswertung landwirtschaftlicher Jahresabschlüsse nur unzureichend erfassen. Zu komplex sind die Strukturen und Verflechtungen der landwirtschaftlichen Unternehmen. Vor allem in Regionen mit intensiver Viehhaltung gibt es häufig mehrere, rechtlich selbständige Betriebe, die im Familienverbund bewirtschaftet werden. Aufteilungen oder Neugründungen finden hier oftmals statt, um die Gewerblichkeit des gesamten Unternehmens zu vermeiden und um Vorteile des Umsatzsteuerrechts (Pauschalierung) nutzen zu können.

Um die Einkommenssituation  sachgerecht beurteilen zu können, müssten folglich die Einkommen aus allen Betrieben herangezogen werden, die zur Betriebsleitungsfamilie gehören – auch die nichtlandwirtschaftlichen und/oder gewerblichen Einkommen. Viele Betriebe sind zudem diversifiziert und haben mehrere Betriebszweige (z. B. Biogas-, Photovoltaik-, Windenergieanlagen), die bei einer sachgerechten Analyse der Einkommenssituation mit betrachtet werden müssen.

Das bedeutet: Die tatsächliche Einkommenssituation der landwirtschaftlichen Haushalte wird durch das Testbetriebsnetz nur teilweise abgebildet und tendenziell unterschätzt. Die Unternehmensgewinne alleine sind nur eingeschränkt verwendbar für die Analyse und Beurteilung der Haushaltseinkommen. In diesem Zusammenhang ist ferner zu bedenken, dass die Vermögen in den landwirtschaftlichen Betrieben durch die sehr stark gestiegenen Bodenpreise in den vergangenen Jahren erheblich angewachsen sind.

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