Am Ende des Winters begeben sich Rostocker Forschende auf eine spezielle Reise: In Greifswalder Bodden und Strelasund suchen und zählen sie die Heringslarven. Seit 35 Jahren findet der Rügen-Heringslarvensurvey inzwischen statt. In diesem Frühjahr ist manches anders. Eine große Hoffnung begleitet die Forschenden des Thünen-Instituts für Ostseefischerei. Denn im Gegensatz zu den Wintern der vergangenen zehn Jahre war dieser Winter ab Januar kalt. Der Greifswalder Bodden, in den die Heringe zum Laichen schwimmen, war über Wochen eisbedeckt. Die Wassertemperaturen lagen bis Ende März unter vier Grad Celsius. Bei dieser Temperatur beginnen die Heringe zu laichen. Der Winter entspricht also eher dem Normalzustand vor 30 Jahren. Die Heringe könnten – wie früher – einen starken Nachwuchsjahrgang hervorbringen, der dann wiederum zu einer zügigen Erholung des Bestandes beitragen könnte. Seit vielen Jahren ist die Produktivität des Herings der westlichen Ostsee deutlich reduziert, weil die späteren und wärmeren Winter zu einer Verschiebung der Phänologie, also der jahreszeitlichen Abläufe, führen.
Surveystart verzögerte sich
Die ersten beiden Reisen vor und nach Ostern zeigten, dass viele Heringe auf die inzwischen zwischen fünf und acht Grad warmen Laichgründe eingewandert, aber nur wenige Larven geschlüpft waren. Die Larven benötigen bei diesen Temperaturen weniger als drei Wochen, um sich soweit zu entwickeln, dass sie als kleine Dottersacklarven aus den Eiern schlüpfen.
In diesem Jahr ist der Survey allerdings erst am 1. April gestartet – zwei Wochen später als geplant. Das hat weniger mit der langen Kälte als mit den technischen Problemen des Fischereiforschungsschiffes „Clupea“ zu tun. Das 2012 in Dienst gestellte Schiff hat eigens für den Einsatz in flachen Boddengewässern einen sehr geringen Tiefgang. „Wir haben das peak spawning trotz des verzögerten Starts nicht verpasst“, sagt Patrick Polte, der den Heringslarvensurvey leitet. „Den weiteren Verlauf werden wir nun genau beobachten.“ Denn die Ermittlung der Jahrgangsstärke ist wichtig für die Einschätzung, wie sich die Fangmöglichkeiten für die Küstenfischerei weiter entwickeln werden. Verlässliche Daten liegen dann nach dem Auszählen aller Proben im Oktober vor.
Um den Laichbeginn nicht zu verpassen, hat das Thünen-Institut den in Sassnitz beheimateten kommerziellen Kutter „Crampas“ für die ersten Wochen gechartert. Die 18 Meter lange „Crampas“ war einer der wichtigen Heringsfänger vor Sassnitz, bevor die Schleppnetzfischerei auf Hering 2022 geschlossen wurde. Ihr Tiefgang ist noch gering genug, um alle Versuchsstationen anfahren zu können. Gleichzeitig bietet das Schiff genügend Platz für zwei Forschende und Aussetzmöglichkeiten für wissenschaftliche Geräte, um die wichtigsten Daten erheben zu können.
Zahl der Larven ist Grundlage für Bestandsberechnung
Der Rügen-Heringslarvensurvey liefert die längste Zeitserie zur frühen Lebensgeschichte eines regional bedeutenden Meeresfisches. 16 Wochen lang werden in der Regel jede Woche 36 Stationen mit einem Bongonetz beprobt. Gezählt wird, wie häufig 20 Millimeter lange Heringslarven vorkommen. Daraus errechnen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den wichtigsten Nachwuchsindex des Heringsbestandes der westlichen Ostsee. Dieser fließt in die Bestandsberechnung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) ein.












