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Institut für

OL Ökologischen Landbau

Projekt

MinimA - Viertelselektives Trockenstellen von Milchkühen


Federführendes Institut OL Institut für Ökologischen Landbau

© Thünen-Institut/Alexandra Beckmann

MinimA-Nachhaltige Minimierung des Antibiotikaeinsatzes durch viertelselektive Trockenstellbehandlung bei Milchkühen

Die Erhaltung der Therapiefähigkeit von Antibiotika in der Human- wie der Veterinärmedizin erfordert ihren strikt am Bedarf orientierten Einsatz. In unserem Projekt wenden wir diesen Grundsatz beim Trockenstellen von Milchkühen auf Praxisbetrieben an.

Hintergrund und Zielsetzung

Die Erhaltung der Therapiefähigkeit von Antibiotika in der Human- wie der Veterinärmedizin erfordert ihren strikt am Bedarf orientierten Einsatz. In der Milchproduktion werden in der Trockenperiode antibiotikahaltige Medikamente eingesetzt, um Eutererkrankungen auszuheilen und Neuinfektionen zu verhindern. Das wissenschaftliche Arbeitsziel des Vorhabens besteht in der Erprobung einer konsequent am Nachweis von euterpathogenen Erregern orientierten Trockenstellbehandlung unter Praxisbedingungen, um den Antibiotikaeinsatz auf ein Mindestmaß zu reduzieren ohne die Tiergesundheit nachteilig zu beeinträchtigen. Es ist zu prüfen ob – die auf den beiden Versuchsstationen gemachten Beobachtungen – sich unter Praxisbedingungen bestätigen. Dabei sind insbesondere die folgenden Fragestellungen zu klären:

  • Kann die viertelselektive Anwendung antibiotikahaltiger Trockenstellpräparate empfohlen werden ohne das Risiko für Neuinfektionen bei solchen Kühen, bei denen nur in einem Teil der Euterviertel eutherpathogene Keime nachgewiesen wurden, zu erhöhen?
  • Bestehen Herdeneffekte, die den Erfolg des Verfahrens beeinflussen? Lassen sich diese beschreiben und ihre Auswirkungen quantifizieren?
  • In welchem Maße lässt sich der Einsatz der antibiotikahaltigen Trockenstellpräparate in den untersuchten Herden reduzieren?
  • Wie ist die Praxistauglichkeit des Verfahrens zu beurteilen? Welche Fehlerquellen und Hindernisse sind zu berücksichtigen, wenn das Verfahren in der breiten Praxis empfohlen werden soll?

Vorgehensweise

Entscheidungsbäume, welche die zu behandelnden Tiere aufgrund der Ergebnisse der Milchleistungskontrollen kombiniert mit einem Schnelltest auswählen, werden zwar zunehmend genutzt, beruhen allerdings oft auf Entzündungsparametern und nicht auf dem direkten Nachweis pathogener Keime. MinimA verfolgt einen anderen, konsequent auf den Erregernachweis orientierten Ansatz: nur infizierte Euterviertel der Kuh werden unter Antibiotikaschutz trocken gestellt. Alle anderen Viertel erhalten einen internen Zitzenversiegler, um Neuinfektionen zu verhindern. Dieses Vorgehen wurde bereits erfolgreich auf Versuchsbetrieben getestet und wird nun auf seine Praxistauglichkeit geprüft. Dies geschieht in einem Praxisnetzwerk von Milchviehbetrieben in Abstimmung mit den betreuenden Hoftierärzt*innen. Nach Abklärung des Infektionsstatus der Herden stellen die Betriebe die Euterviertel ihrer Kühe entsprechend des Erregernachweises trocken. Der Behandlungserfolg wird nach der Kalbung überprüft. In Workshops, die dem Stable School-Prinzip folgen, tauschen sich die Projektbetriebe über das Verfahren aus und melden in Feedback-Gesprächen den Wissenschaftler*innen direkt ihre Erfahrungen und Anregungen zurück. Basierend auf diesem wechselseitigen Wissenstransfer und den Versuchsergebnissen wird ein Handlungsleitfaden erstellt, der am Projektende frei zugänglich ist und es anderen Milchproduktionsbetrieben ermöglichen soll, das Verfahren bei ihren Kühen anzuwenden.

Daten und Methoden

Auf den Projektbetrieben werden zwei Wochen vor dem geplanten Trockenstellzeitpunkt sowie drei bis fünf Tage nach der Abkalbung von insgesamt 75 Milchkühen Viertelanfangsgemelksproben gewonnen und im Labor des MRI auf pathogene Erreger untersucht. In Abhängigkeit von den Ergebnissen der bakteriologischen Untersuchung vor dem Trockenstellen wird das jeweilige Euterviertel dann mit einem antibiotikahaltigen Trockenstellpräparat und einem internen Zitzenversiegler oder nur einem Zitzenversiegler trocken gestellt. Die Probe nach der Kalbung dient dann zur Kontrolle des bakteriologischen Heilungserfolges.

Ergebnisse

Bundesweit 16 Milchviehbetriebe erprobten über zwei Jahre das viertelselektive Trockenstellverfahren in ihren Herden mit sehr gutem Erfolg: Bei insgesamt 1.155 Trockenstellvorgängen von 1.126 Kühen wurden 91,9 % der Euterviertel ohne Antibiotika trockengestellt. Im Mittel der Betriebe erhielten nur 8,1 % der Viertel (2,6 % - 28,8 % je nach Betrieb) ein Antibiotikum zum Trockenstellen. Zuvor praktizierten alle teilnehmenden Betriebe das kuhselektive Trockenstellen. Die Umstellung auf das viertelselektive Trockenstellen ergab ein zusätzliches Antibiotika-Einsparpotential von 80,8 %. Trotz des reduzierten Antibiotikaeinsatzes führte die gezielte antibiotische Behandlung von Infektionen mit majorpathogenen Erregern zu einer sehr hohen mittleren Heilungsrate von 97,1 % (86,2 % – 100,0 % je nach Erreger). Selbstheilungsraten von über 80 % bei den minorpathogenen Erregern (Koagulase-negative Staphylokokken und Coryneforme) zeigen, dass diese zum Trockenstellen nicht zwangsläufig mit Antibiotika behandelt werden müssen.

Wichtig für die praktische Umsetzung sind die Abstimmung mit der betreuenden Tierarztpraxis, eine gute Betriebsorganisation und strukturiertes Vorgehen sowie die saubere Entnahme von Viertelanfangsgemelksproben zur bakteriologischen Untersuchung vor dem Trocken­stellen. Nur so kann man rechtzeitig aussagekräftige Ergebnisse erhalten. Es hat sich bewährt, einen festen Wochentag für die Probenahme und das Trockenstellen festzulegen und diese Tätigkeiten wenigen verantwortlichen Personen zu übertragen.

Die konsequente Probenahme vor dem Trockenstellen liefert zusätzlich kontinuierlich Informationen über die im Betrieb vorherrschenden Mastitiserreger. Dieses Wissen kann so auch langfristig zur Verbesserung und Aufrechterhaltung der Eutergesundheit genutzt werden.

Die Projektergebnisse haben gezeigt, dass das viertelselektive Trockenstellen auf Basis einer bakteriologischen Untersuchung erfolgreich in Praxisbetrieben durchgeführt werden kann. Es wurden erhebliche Antibiotikamengen eingespart, ohne die Eutergesundheit negativ zu beeinflussen.

Thünen-Ratgeber zum Thema (download)

Beteiligte externe Thünen-Partner

Geldgeber

  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    (national, öffentlich)

Das Projekt MinimA ist Teil der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz in der Projektphase Wissen-Dialog-Praxis.

Die Förderung erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

Zeitraum

9.2020 - 12.2023

Weitere Projektdaten

Projektfördernummer: 2819MDT211
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen

  1. 0

    Knappstein K, Beckmann A, Barth K (2023) Chancen des viertelselektiven Trockenstellens zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in Milchviehbetrieben. In: 63. Arbeitstagung des Arbeitsgebietes Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz, 26.-29.09.2023, Garmisch-Partenkirchen/ online. Gießen: Verlag der DVG, pp 67-69

  2. 1

    Beckmann A, Barth K, Knappstein K (2023) Quarter-selective dry-off can reduce the use of antibiotics without putting the udder health at risk. In: Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (ed) European Buiatrics Congress and ECBHM Jubilee Symposium, Berlin, Germany, August 24-26, 2023 : Abstract-book. Gießen: Verlag der DVG, pp 226-227

  3. 2

    Beckmann A, Barth K, Knappstein K (2023) Unbedingt zu beachten: Neuinfektionen zwischen Trockenstellen und Kalbung. In: Tagung der DVG-Fachgruppe "Umwelt- und Tierhygiene", 05.-06.10.2023, UTH, Kiel. Gießen: Verlag der DVG, pp 19-20

  4. 3

    Beckmann A, Barth K, Knappstein K (2023) Viertelselektives Trockenstellen - ein Ansatz zur nachhaltigen Reduktion des Antibiotikaeinsatzes. In: Bibic V, Schmidtke K (eds) One step ahead - einen Schritt voraus! : Beiträge zur 16. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, 07.-10. März 2023, Frick (CH), FiBL Campus. 1. Auflage. Berlin: Verlag Dr Köster, pp 558-561

  5. 4

    Beckmann A, Knappstein K, Barth K (2023) Viertelselektives Trockenstellen : Antibiotikaeinsatz nachhaltig reduzieren ; Empfehlungen aus der Wissenschaft und Erfahrungen aus der Praxis ; Ratgeber. Trenthorst: Thünen-Institut für Ökologischen Landbau, 48 p, DOI:10.3220/MX1689668102000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn066642.pdf

  6. 5

    Knappstein K, Beckmann A, Barth K (2022) Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung des viertelselektiven Trockenstellens im Projekt "MinimA". In: Kühe - Klima -Käsespätzle : Gegenwärtige Herausforderungen für Eutergesundheit und Milchqualität ; 14. bis 15. März 2022, Online-Tagung. 1. Aufl. Gießen: DVG Service GmbH, pp 145-151

  7. 6

    Beckmann A, Barth K, Knappstein K (2022) Prävalenz von Mastitiserregern in Milchviehbetrieben mit Interesse am viertelselektiven Trockenstellen (Projekt MinimA). In: Kühe - Klima -Käsespätzle : Gegenwärtige Herausforderungen für Eutergesundheit und Milchqualität ; 14. bis 15. März 2022, Online-Tagung. 1. Aufl. Gießen: DVG Service GmbH, pp 45-56

  8. 7

    Beckmann A, Knappstein K, Barth K (2022) Viertelselektives Trockenstellen - was ist zu beachten und was kann ich erwarten? In: Tagungsband 22. Jahrestagung der WGM 4.-6. Oktober 2022 an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Grub. Iden: Wissenschaftliche Gesellschaft der Milcherzeugerberater, pp 53-58

  9. 8

    Barth K, Knappstein K (2021) Nur ein Euterviertel antibiotisch trockenstellen? Top Agrar 50(6):R16-R19

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