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Landwirtschaftliche geprägte Landschaft, im Vordergrund eine Bank, im Hintergrund ein Ort
Landwirtschaftliche geprägte Landschaft, im Vordergrund eine Bank, im Hintergrund ein Ort
Institut für

LV Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Projekt

Digitalisierung und soziale Dienstleistungen auf dem Land


Federführendes Institut LV Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Tablet-Nutzung vor ländlichem Hintergrund
© eggeeggjiew - stock.adobe.com

Auswirkungen der Digitalisierung auf die ehrenamtliche Erbringung sozialer Dienstleistungen in ländlichen Räumen

Mit der Bevölkerungsstruktur ändern sich auch die Anforderungen an soziale Dienstleistungen. Ländliche Räume stehen dabei häufig vor besonderen Herausforderungen. Kann Digitalisierung helfen, sie zu bewältigen?

Hintergrund und Zielsetzung

Elektronische Fallbearbeitung, digitales Ehrenamt, Soziale Arbeit 4.0 – soziale Dienste sehen sich mit einer Vielzahl neuer Möglichkeiten und Praktiken konfrontiert,  soziale Dienstleistungen zu organisieren. Wie die Digitalisierung das Angebot und die Dienstleistungen verändern wird, ist derzeit noch offen. Ob sie langfristig zur Verbesserungen der Versorgung beiträgt und welche neuen Formen der Koordination sich zwischen Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Klienten etablieren, hängt von vielen Faktoren ab.

Ziel des Projektes ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich die Digitalisierung auf soziale Dienstleistungen in ländlichen Räumen auswirkt. Im Zentrum der Analyse stehen die Möglichkeiten und Hindernisse der Digitalisierung bei unterschiedlicher Organisation sozialer Dienstleistungsangebote.

Vorgehensweise

Aus einer Literaturstudie und feldtheoretisch fundierten Analyse werden mögliche Entwicklungstendenzen und -ambivalenzen abgeleitet. Die Untersuchung geht davon aus, dass sich Digitalisierung je nach ihrer Implementierung und der lokalen Organisation sozialer Dienstleistungen unterschiedlich auswirken kann. Daher erfahren die Raumdimension und die Organisationsformen besondere Berücksichtigung.

Aufbauend auf der theoretischen Arbeit wird ein Konzept für die weiterführende empirische Forschung erarbeitet. Darin sind unter anderem die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welche Bedeutung hat Digitalisierung für die Organisation sozialer Dienstleistungen in ländlichen Räumen?
  • Welche Rolle spielt Digitalisierung für die ehrenamtliche und für die professionelle Erbringung sozialer Dienstleistungen?
  • Welche Gestaltungs- und Partizipationsmöglichkeiten haben unterschiedliche Akteure?

Ergebnisse

Zur Rekonstruktion und Analyse von Digitalisierungsdiskursen wurden 2018 und 2019 insgesamt fünf praxisorientierte Fachveranstaltungen zu den Themenbereichen Digitalisierung, soziale Dienste, Zivilgesellschaft, Ehrenamt und ländliche Regionen besucht. Neben insgesamt 39 (Kurz-)Vorträgen, Panel- und Publikumsdiskussion wurden auch Hintergrundmaterialien zu den einzelnen Beiträgen ausgewertet.

Im Ergebnis zeigen sich zwei übergeordnete Diskurse zur „Organisation sozialer Dienstleistungen“ und zur „Entwicklung ländlicher Räume“. In Relation zu diesen beiden stehen insgesamt sechs Teildiskurse mit thematischem Bezug zur Digitalisierung. Diese behandeln die „professionelle Erbringung sozialer Dienstleistungen“, die „Organisation und Arbeit in zivilgesellschaftlichen Organisationen“, „soziale Dienstleistungen in ländlichen Räumen“, „Daseinsvorsorge und Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen“, „Bürgerbeteiligung“ sowie die „wirtschaftliche Entwicklung“. In den untersuchten Diskursen wird der Begriff „Digitalisierung“ weit gefasst, sodass er für viele Zuschreibungen und Interpretationen offenbleibt. Dementsprechend können verschiedene Akteurinnen und Akteure ihre eigenen Ziele und Aktivitäten in Bezug setzen. In besonderem Maße diskursprägend sind technikoptimistische Hoffnungen und digitaltechnischen Machbarkeitsvisionen. Gleichwohl wird dargelegt, dass sich digitale Lösungen nur dann wirkungsvoll implementieren lassen, wenn sie an den Interessen und Bedürfnisse der Akteurinnen und Akteuren vor Ort ausgerichtet und technische Neuerungen durch Reformen von Arbeitsprozessen und Organisationsstrukturen flankiert werden.

In den untersuchten Diskursen wird Digitalisierung vorrangig als neutraler und außergesellschaftlicher technischer Wandel dargestellt. Dadurch kann aus dem Blick geraten, dass digitale Veränderungen an Interessen gebunden sind und eine entsprechend politische Dimension haben. Akteurinnen und Akteure mögen sich dies zunutze machen, indem sie ihren Forderungen mithilfe des Fortschrittsnarrativ der Digitalisierung Nachdruck verleihen, etwa hinsichtlich der Mobilisierung unbezahlter Arbeit.

2020 wurden in einer ländlichen Gemeinde 14 leitfadengestützte  Interviews mit 17 Personen aus der Lokalpolitik und dem Vereinswesen geführt. Der Fokus dieser explorativen Studie lag auf der Bedeutung digitaler Technologien für das bürgerschaftliche Engagement und den Voraussetzungen eines gelingenden digitalen Wandels in den Vereinen.

Die Interviews in der ländlichen Gemeinde zeigen, dass zur erfolgreichen Modernisierung von Vereinen neue Menschen und Kompetenzen mobilisiert werden müssen. Dementsprechend sind ein lebendiges Engagement sowie in der Gemeinde und den dortigen Vereinen bereits vorhandene Ressourcen wesentliche Voraussetzungen, um neue digitale Technologien erfolgreich nutzen zu können. Die umgekehrte Wirkrichtung, dass digitale Technologien zu verbesserten Engagementstrukturen führen, ist demgegenüber schwächer ausgeprägt. Idealerweise ist die Digitalisierung Teil umfassenderer Modernisierungsprozesse, durch welche die Vereine für alte und neue Mitglieder an Attraktivität gewinnen.

Zeitraum

9.2018 - 9.2020

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen zum Projekt

  1. 0

    Janacek E, Margarian A (2022) Zwischen Tradition und Moderne: Strukturen bürgerschaftlichen Engagements einer ländlichen Fallgemeinde in der Digitalisierung. Land Ber 25(1):51-68

  2. 1

    Janacek E, Margarian A (2020) Digitalisierung sozialer Dienstleistungen in ländlichen Regionen: Eine Analyse feldkonfigurierender Diskurse. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 64 p, Thünen Working Paper 157, DOI:10.3220/WP1602153234000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn062730.pdf

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