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Seetagebuch

An Bord der Walter Herwig III: Im Laichgebiet der Aale

Reinhold Hanel, Marko Freese


FI Institut für Fischereiökologie

Walther Herwig III, 498. Reise

Fahrtleitung: Reinhold Hanel

Thünen Team: Marko Freese, Reinhold Hanel, Lasse Marohn, Jan-Dag Pohlmann, Tina Blancke, Ulrike Wypler

Dauer der Reise im Forschungsgebiet: 17.03.-14.04.2026

Reiseziel: Sargassosee

Zweck der Reise

Im Fokus dieser regelmäßig stattfindenden Forschungsfahrt stehen die Verbreitung und Häufigkeit des Auftretens (Abundanz) der Weidenblatt- bzw. Leptocephalus-Larven des Europäischen Aals in seinem Laichgebiet – der Sargassosee im westlichen Nordatlantik.
Bislang gelten vor allem die Rekrutierungszeitreihen von ankommenden Glasaalen und jungen Gelbaalen an den Küsten Europas und Nordafrikas nach ihrer transatlantischen Wanderung als zentraler Indikator für die Bestandsentwicklung der Art. Ergänzende Informationen zur Anzahl und räumlichen Verteilung der jüngsten Larven direkt in ihrem Ursprungsgebiet können jedoch zusätzliche Einblicke liefern. 

Sie ermöglichen es, ozeanische Veränderungen besser einzuordnen und potenzielle Auswirkungen auf den Rekrutierungstrend frühzeitig zu erkennen. Die gefangenen Aallarven werden daher hinsichtlich einer Vielzahl biologischer und ökologischer Parameter untersucht. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zu ihrer Ökologie, Ernährung und Entwicklung zu gewinnen.

++25.03.2026++Internationale Gastwissenschaftler an Bord

Im Rahmen dieser Forschungsfahrt begrüßen wir mehrere internationale Gastwissenschaftler an Bord der Walther Herwig III. Sie bringen eigene Forschungsansätze und Fragestellungen mit, die sich eng mit dem zentralen Ziel der Expedition – der Untersuchung von Verbreitung und Abundanz europäischer Aallarven in der Sargassosee – verzahnen. Durch diese ergänzenden Perspektiven entsteht ein kollaborativer Forschungsrahmen, der zusätzliche Einblicke in ökologische Zusammenhänge ermöglicht und den wissenschaftlichen Mehrwert der Forschungsreise erweitert.

Mein Name ist Giaele Benetti, ich bin 27 Jahre alt und Promovendin aus Italien an der Wageningen University. Im Rahmen meiner Promotion beschäftige ich mich mit der mikrobiellen Besiedlung des Fischdarms in frühen Lebensstadien und deren Einfluss auf Entwicklung und spätere Leistungsfähigkeit. Über meinen Betreuer, Professor Kokou, wurde ich im vergangenen Oktober Professor Hanel vorgestellt und habe mich sofort über die Möglichkeit gefreut, an dieser Expedition teilzunehmen. Während der Fahrt werde ich Wasserproben sammeln, um die bakteriellen Gemeinschaften in der Sargassosee zu analysieren. Ziel ist es, das mikrobielle Umfeld besser zu verstehen, in dem die Larven des Europäischen Aals ihre Entwicklung und ihre ozeanische Reise beginnen.

Ich erwarte von dieser Expedition wertvolle Einblicke in die Ökologie der Aallarven sowie praktische Erfahrungen in der Forschung auf See. Außerdem freue ich mich auf den wissenschaftlichen Austausch an Bord und darauf, die Sargassosee aus nächster Nähe zu erleben.

Die tschechische FishEvo-Arbeitsgruppe untersucht die Evolution von Fischen mit genetischen Methoden, insbesondere im Hinblick auf ihre Sinnesleistungen wie das Sehen. Während dieser Expedition liegt der Fokus darauf, Tiefseefische zu beproben, um besser zu verstehen, wie sich deren Sinnesorgane an extreme Umweltbedingungen angepasst haben.

Im Fokus stehen unter anderem Arten wie der Silber-Stachelflosser (Diretmus argenteus) und der Röhrenaugenfisch (Stylephorus chordatus), die die höchste bekannte Anzahl an Genen für das Nacht-sehen unter den Wirbeltieren besitzen. Die Analyse ihrer Retina kann Hinweise darauf liefern, welche evolutionären Mechanismen hinter dieser außergewöhnlichen Genvielfalt stehen und ob dies einen Anpassungsvorteil bietet.“ Die Proben liefern Daten, um das Erbgut von Tiefseefischen besser zu entschlüsseln und zu erkennen, welche Gene aktiv sind und welche Funktionen sie haben.

Camilla Kidmose

Mein Name ist Camilla, ich stamme aus Dänemark und bin derzeit Doktorandin in der FishEvo-Arbeitsgruppe in Prag. Für mich ist es die erste Fahrt auf einem Forschungsschiff, und ich freue mich besonders auf die praktische Arbeit auf See.

In meiner Promotion untersuche ich die Identität von Photorezeptoren bei Tiefsee-Perlaugen (Scopelarchidae). Die meisten Tiefseefische sehen vor allem mit lichtempfindlichen Sinneszellen, die auf schwaches Licht spezialisiert sind. Einige Arten zeigen jedoch ungewöhnliche Eigenschaften, bei denen sich Merkmale verschiedener Sehzelltypen vermischen. Um das genauer zu verstehen, untersuche ich, welche Gene in den einzelnen Zellen der Netzhaut aktiv sind.

Während der Expedition möchte ich Tiefseefische aus einer bestimmten Gruppe (Aulopiformes), vor allem sogenannte Scopelarchiden, sammeln. Wahrscheinlich werden wir hauptsächlich Larven finden, aber ausgewachsene Tiere wären besonders wertvoll, weil ihr Sehsystem vermutlich noch stärker an die Bedingungen der Tiefsee angepasst ist

Vit Kaufman

Mein Name ist Vit Kaufmann, ich bin Doktorand aus Tschechien und beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Fischen. Für meine Promotion untersuche ich die Evolution der Biolumineszenz (Lichterzeugung) bei Drachenfischen (Stomiiformes).

Indem ich vergleiche, welche Gene aktiv sind (transkriptomik) versuche ich, Gene zu identifizieren, die an der Lichtproduktion beteiligt sind. Während der Reise hoffe ich, Proben von Leuchtorganen sowie Augenmaterial zu gewinnen, insbesondere von Arten wie Drachenfischen und Viperfischen. Diese Proben sollen dazu beitragen, die molekularen Mechanismen und die evolutionäre Entwicklung der Biolumineszenz bei Tiefseefischen besser zu verstehen.

Hallo, mein Name ist Florian Lüskow, ich bin 36 Jahre alt und arbeite als Postdoc an der Universität Uppsala in Schweden. Nach 2017 und 2023 ist dies meine dritte Reise mit dem Thünen-Team in die Sargassosee. Ich freue mich sehr darauf, dieses besondere Ökosystem im offenen Ozean erneut zu erforschen.

Während der Expedition 2023 haben wir überall in der Sargassosee große Mengen sogenannter Dolioliden gefunden – Das sind sogenannte Manteltiere (Tunicata) also gallertartige, filtrierende Tiere, die zu den komplexeren wirbellosen Meeresorganismen gehören. Sie machten damals den Großteil der gesammelten gelatinösen Organismen aus. Ob solche Massenvorkommen regelmäßig auftreten oder eher seltene Ereignisse sind, ist bislang unklar. Auf dieser Reise möchte ich herausfinden, unter welchen Bedingungen sich Dolioliden so stark vermehren und ob es sich um ein wiederkehrendes Phänomen oder um eine Ausnahme handelt.

Ein zweiter Schwerpunkt meiner Arbeit betrifft die Sargassosee selbst: Neben ihrer Rolle als Laichgebiet des europäischen und amerikanischen Aals ist sie bekannt für große Mengen frei treibender Sargassum-Algen an der Meeresoberfläche. Ich untersuche, wie diese Algen verteilt sind und welche wirbellosen Tiere mit ihnen zusammenleben. Dafür nutzen wir unter anderem eine Methode (as sogenannnte Essential Ocean Variables-Framework), welches visuelle Beobachtungen mit Satellitendaten kombiniert, um Verteilungsmuster quantitativ zu erfassen.

Hallo, mein Name ist Coline Rey, ich bin 23 Jahre alt und beginne derzeit meine Promotion in Populationsgenetik am Centre national de la recherche scientifique (CNRS). Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie sich beim Europäischen Aal (Anguilla anguilla), einer vom Aussterben bedrohten Wanderfischart, genetische Strukturen ausbilden.

In meinem Projekt untersuche ich verschiedene mögliche Ursachen dafür – zum Beispiel zufälligen Fortpflanzungserfolg, den Einfluss von Meeresströmungen oder Anpassungen an unterschiedliche Umweltbedingungen. Dafür kombiniere ich moderne und historische genetische Daten mit Modellierungen und räumlichen Analysen. Diese Expedition ist für mich eine besondere Gelegenheit, praktische Erfahrung im Rahmen meiner Promotion zu sammeln. Durch die Mitarbeit bei der Beprobung von Aallarven kann ich wichtige Daten für meine eigene Forschung gewinnen. Gleichzeitig ist es meine erste praktische Erfahrung auf See – und vermutlich die einzige Gelegenheit, selbst an der Datenerhebung für meine spätere Arbeit beteiligt zu sein. Umso mehr freue ich mich darauf, diese Chance bestmöglich zu nutzen.

Hallo, ich bin Ulrike und arbeite als Technikerin am Thünen-Institut für Fischereiökologie. Dort habe ich auch meine Faszination für den Aal entdeckt. Mit dieser besonderen Seereise erfüllt sich für mich ein großer Traum. Es ist meine erste Fahrt in die Sargassosee, und ich blicke mit einer Mischung aus Neugier, Vorfreude und etwas Anspannung darauf.

Im Vorfeld habe ich mir viele Fragen gestellt: Wie funktioniert das Leben und Arbeiten im Schichtsystem über so lange Zeit? Werde ich die Aallarven im Plankton erkennen können? Wie wird das Essen sein? Werde ich seekrank? Und werde ich vielleicht sogar Wale sehen?
Durch eine notwendige Reparatur des Schiffes in Bermuda hatten wir ein paar zusätzliche Tage Zeit, um uns gegenseitig, die Crew und das Schiff in Ruhe kennenzulernen und auch Bermuda etwas zu erkunden. Gleichzeitig konnten wir erste Vorbereitungen treffen und die Labore einrichten. Das war für mich ein angenehmer Einstieg für diese Reise. 

An Bord übernehme ich verschiedene Aufgaben. Wie alle im wissenschaftlichen Team beteilige ich mich am sorgfältigen Sortieren der Planktonfänge sowie am Verpacken und Beschriften der Proben. Zusätzlich bin ich für die Sauerstofftitration zuständig, die zur Kalibrierung der Messsonden dient. Besonders freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und darauf, mehr über ihre Arbeit zu lernen.

++20.03.2026++Erneut brechen wir zu einer Reise in die Sargassosee auf.

Am 17. März verlässt die Walther Herwig III mit insgesamt 36 Personen an Bord – 24 Seeleuten und 12 Wissenschaftlern – den Hafen von St. George’s und nimmt Kurs auf den Atlantik. Nach den obligatorischen Sicherheitseinweisungen sollen die ersten Arbeiten im geplanten Stationsbetrieb nach etwa 16 Stunden Fahrt in der westlichen Sargassosee beginnen.

Ein paar Worte vom Fahrtleiter Prof. Dr. Reinhold Hanel:

„Es ist meine siebte Reise in dieses Seegebiet und trotzdem sind die Erwartungen fast dieselben wie im Jahr 2007, als ich als Mitglied der dänischen Galathea-Expedition meine Forschung zu den frühen Lebensstadien der Atlantischen Aale begann. Nun nehmen meine Crew und ich die Erfahrungen der vergangenen Seereisen mit und hoffen dadurch auf weitere wichtige Erkenntnisse zu Verbreitung und Häufigkeit des Auftretens von Larven des Europäischen und Amerikanischen Aals.

Wie in den vergangenen Reisen haben wir unser Kern-Team aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Thünen-Instituts für Fischereiökologie um internationale Gäste ergänzt, die uns bei der Probenahme unterstützen und zusätzliche Aspekte an den genommenen Proben erforschen werden. Doktorandinnen, Doktoranden und PostDocs aus Schweden, den Niederlanden, Frankreich und Tschechien werden genetische und genomische Untersuchungen an Aal-Larven durchführen und sich auch mit den Beifängen an Tiefseefischen und driftenden Braunalgen beschäftigen.

Nach einem etwas verzögerten Auslaufen von Bermuda sind wir jetzt alle froh, unsere erste Probenahmestation auf 67°W, 30°N erreicht zu haben und unsere ersten Fänge auszuwerten. Mal sehen, was uns erwartet...“
 

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