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Droht eine Fischstäbchenkrise?
Christopher Zimmermann | 09.03.2026
Russland ist der viertgrößte Produzent von Meeresfisch weltweit. Welche Bedeutung russische Meeresfisch-Importe für Deutschland haben, wird hier gezeigt.

Russland ist der viertgrößte Produzent von Meeresfisch weltweit. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO haben russische Fischereifahrzeuge 2023 rund 5,39 Millionen Tonnen marine Fischereiprodukte angelandet. Auch für Importe in die EU und nach Deutschland hat Russland herausragende Bedeutung, vor allem bei einem der beliebtesten Meeresfische auf deutschen Tellern, dem Alaska-Seelachs oder Alaska-Pollack, der in vielen Fischstäbchen steckt.
Die direkten russischen Importe von Alaska-Pollack-Filets nach Deutschland sind zwischen 2020 und 2024 von 22.600 auf 54.000 Tonnen gestiegen. Der Wert der Alaska-Pollack-Einfuhren aus Russland betrug 2021 87,3 Millionen Euro. Bei ungefähr gleichbleibendem Gesamtvolumen der Importe dieser Fischart von knapp 150.000 Tonnen Produktgewicht (entsprechend ungefähr 450.000 t Frischgewicht) ist der russische Anteil damit in fünf Jahren von 15 auf 45 % gestiegen.
Importe von Alaska-Pollack-Filets aus China sind dagegen von 72.300 auf 14.900 Tonnen gesunken. Diese Ware wird in China aber nur erstverarbeitet und kommt ebenfalls ganz überwiegend aus russischen Fischereien im Westpazifik (FAO-Gebiet 61). Dort verfügen russische Flotten über mehr als 88 % der Gesamtfangmengen dieser Art. Insgesamt dürften aktuell also zwischen 55 und 72 % des in Deutschland verarbeiteten Alaska-Pollacks aus russischen Quellen stammen. Die starke Veränderung der Importe zwischen 2023 und 2024 wurde verursacht durch eine unerwartete Änderung der Zollvergünstigung für Alaska-Pollack russischen Ursprungs zum Jahresende 2023, was zu Vorzieheffekten im Dezember führte. Zu dieser Zeit war vor allem chinesische Ware verfügbar. Dies führte zu einer starken Zunahme des chinesischen Anteils an den Importen, dann aber zu einer ebenso starken Abnahme im Folgejahr.
Auch in anderen Gebieten hat die russische Fischerei entscheidenden Einfluss auf die Bestände – insbesondere in der Nordost-Arktis (Barentsmeer). Dort liegt der Anteil Russlands an den Fängen von Kabeljau bei 48 % (bei einem Gesamtfang von 277.000 Tonnen, alle Zahlen für 2023) und für Schellfisch bei 46 % (179.000 Tonnen). Im Meeresgebiet zwischen Ostgrönland und Neufundland liegt der Anteil Russlands an den Rotbarschfängen zudem bei 69 % (35.000 Tonnen). Russische Fischereien haben einen Anteil von 55,3% an den pazifischen Wildlachsfängen (Gesamtfang 1.069.000 Tonnen, und auch im Süßwasser spielt der russische Wildfischfang beim Zander eine entscheidende Rolle (45,0% vom Gesamtfang von 21.000 Tonnen).
Deutschland produziert aus dem weißen und grätenfreien Fleisch des Alaska-Pollacks vor allem Fischstäbchen sowie verschiedene Arten von „Schlemmerfilets“. Die größten Fischstäbchenfabriken der Welt stehen hierzulande, ungefähr 60% der EU-Produktion stammt aus deutschen Betrieben, und ein erheblicher Teil der Produktion wird in andere europäische Länder exportiert.

Alaska-Pollack ist auf dem Weltmarkt ein knappes Gut, obwohl es die weltweit ertragsreichste Weißfischart ist. Neben Russland (53,4% der Gesamtanlandungen von 3.543.000 Tonnen) produzieren nur die US-amerikanischen Fischereien vergleichbare Mengen (40,5%). Diese sind jedoch durch langfristige Lieferverträge gebunden und können einen Ausfall russischer Lieferungen nicht substituieren. Zudem leiden die Importe von Wildfischprodukten aus den USA unter der Unsicherheit durch die Auseinandersetzung zu Importzöllen, wobei hier reziproke Zölle der EU einen größeren Einfluss auf die Rohwarenversorgung der deutschen Fischindustrie hätten als die direkten US-Einfuhrzölle.
Ersatz gesucht
Die russischen Alaska-Pollack-Fischereien sind ebenso wie die amerikanischen MSC-zertifiziert. Entgegen der Erwartung kurz nach Kriegsbeginn haben die russischen Fischereien Wege gefunden, sich weiter jährlich auditieren zu lassen und das Zertifikat dadurch zu erhalten.. Die bisherigen Sanktionspakete der EU gegen Russland enthalten nicht unmittelbar Fischfilet oder Fischfiletblöcke, sondern vor allem Krebse und Kaviar. Ausserdem sind inzwischen einzelne russische Unternehmen sanktioniert, die für den Fischfilethandel mit der EU von Bedeutung sind. Noch sind die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland auf die Produktion von Fischstäbchen und Co. gering – das könnte sich aber mit weiteren Sanktionspaketen ändern. In der Industrie gibt es daher Überlegungen, die Fehlmenge durch andere Fischarten auszugleichen. In der Vergangenheit wurde dafür Pangasius verwendet, ein Süßwasserfisch aus Aquakultur.
Ein vollständiger Ausgleich wird jedoch nicht möglich sein, weder nach Menge, noch nach Darbietungsform oder Preis. Standardisierte Fischblöcke sind für die Verarbeitung unverzichtbar, sowohl für Alaska-Pollack als auch für Wildlachs. Auch das Ausweichen auf andere Fischarten ist nicht möglich. Ein Importstopp oder auch nur die drastische Erhöhung der Importzölle auf russischen Fisch, wie im Vereinigten Königreich erfolgt, würde daher erhebliche Auswirkungen auf das Angebot und die Preise der Produkte sowie auf die Arbeitsplätze in der deutschen fischverarbeitenden Industrie nach sich ziehen.
Der von der EU nicht mehr gekaufte Fisch aus russischen Quellen dürfte leicht in anderen Weltregionen, beispielsweise. in Asien gekauft werden, wenn auch mit Preisabschlägen. Russland hat außerdem Maßnahmen für die Steigerung des Inlandverbrauchs eingeleitet. In der Summe würde die deutsche Fischindustrie und damit auch die Versorgung des europäischen Marktes mit günstigen Fischprodukten unwiederruflich Schaden nehmen. Selbst nach einem Ende des Krieges würden Fischstäbchen dann aus Fernost kommen und nicht aus heimischer Produktion.
Andere Auswirkungen des Krieges auf die deutsche Fischwirtschaft
Wie in den meisten anderen Wirtschaftsbereichen stellt vor allem der stark angestiegene Preis für Treibstoff die Fischerei vor große Probleme. Dies gilt insbesondere für die energieintensiven Fischereien, also Grundschleppnetzfischereien, z. B. auf Plattfische oder auf Nordseegarnele. Viele kleinere Betriebe mussten die Tätigkeit daher vorübergehend einstellen. Das Entlastungsprogramm des Bundes, das Energie vor allem durch Steuersenkungen verbilligen sollte, griff nicht, weil der Treibstoff für die Fischerei ohnehin steuerbefreit ist. Direkte Beihilfen an die betroffene Fischerei waren zielführender.
Für die Versorgung des deutschen Marktes spielt die Eigenerzeugung durch die Küstenfischerei keine so große Rolle, dass Einschränkungen in der Ernährungssicherung erwartet werden. Durch den Austritt Russlands aus dem Internationalen Rat für Meeresforschung und aus vielen zwischenstaatlichen regionalen Fischereimanagement-Organisationen ist die nachhaltige Bewirtschaftung gemeinsam genutzter Ressourcen noch herausfordernder geworden.




