Expertise
Zwischen Beruf und Familienalltag in ländlichen Räumen
Sylvia Keim-Klärner , Stefan Neumeier | 06.03.2026
Immer mehr Frauen sind erwerbstätig – auch jenseits der Großstädte. Doch lange Wege und zum Teil schwache Arbeitsmärkte in ländlichen Räumen erschweren den Alltag und belasten besonders erwerbstätige Mütter. Dieser Expertise-Artikel zeigt, was Frauen herausfordert und was sie unterstützt.

Ob schneller Einkauf, Arztbesuch oder kurzfristige Kinderbetreuung – was in der Großstadt meist um die Ecke liegt, erfordert in ländlichen Räumen häufig eine längere Fahrt. Gleichzeitig sind auch familienfreundliche Arbeitszeiten und Kinderbetreuungsangebote, die die geforderten Arbeitszeiten abdecken, oft nicht in der Nähe verfügbar. Für erwerbstätige Mütter ist es deshalb nicht immer leicht, Beruf und Familienleben zufriedenstellend zu vereinbaren. Forschende des Thünen-Instituts untersuchen, vor welchen Herausforderungen Frauen und Familien in ländlichen Regionen stehen und welche Unterstützung sie benötigen.
Viele Frauen stehen unter einer Doppelbelastung
Der Anteil erwerbstätiger Frauen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – in ländlichen Räumen sogar teils stärker als in Großstädten. Während im Jahr 2001 noch 45 Prozent der Frauen in Großstädten und 46 Prozent der Frauen in Landgemeinden sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, waren es 2023 schon 58 Prozent in Großstädten und sogar 65 Prozent In Landgemeinden. Das zeigen Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Gleichzeitig liegt die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung meist weiterhin bei den Frauen. Arbeitszeiten müssen mit Öffnungszeiten von Kitas abgestimmt, Arzttermine organisiert und Einkäufe nebenbei geplant werden. Viele Mütter erleben deshalb einen hohen Zeitdruck, insbesondere dann, wenn Betreuungsangebote fehlen oder nicht verlässlich sind.
Das Auto macht den Unterschied
Wie gut sich Erwerbsarbeit und Sorgeaufgaben in ländlichen Regionen miteinander vereinbaren lassen, hängt häufig davon ab, ob Familien ein Auto besitzen. Größere Einkäufe werden beispielsweise meist mit dem Auto erledigt. Im Durchschnitt dauert der Weg zum nächsten Supermarkt mit dem Auto nur ein bis zwei Minuten länger als in nicht ländlichen Räumen. Ohne Auto können jedoch selbst alltägliche Besorgungen zur Herausforderung werden. Zu Fuß dauert der Weg zum nächstgelegenen Supermarkt in den unterschiedlichen Typen ländlicher Räume durchschnittlich zwischen 31 und 46 Minuten – fast doppelt so lange wie in nicht ländlichen Räumen. Busse und Bahnen sind häufig keine Alternative, da das Netz dünn und die Taktung niedrig ist.
Die Wege werden noch länger, wenn etwa die nächstgelegene Arztpraxis keine neuen Patientinnen und Patienten aufnimmt oder die Kita nicht die benötigten Betreuungszeiten anbietet. Oft liegen die Einrichtungen zudem in entgegengesetzten Richtungen. Mobilität wird damit zur wichtigen Voraussetzung für einen funktionierenden Familienalltag.
Bedingungen für eine gelingende Vereinbarkeit
Viele Familien sind trotz bestehender Herausforderungen zufrieden mit ihrer Wohnregion, weil es ihnen im Alltag gelingt, strukturelle Einschränkungen und weite Wege aktiv zu bewältigen. Das zeigt eine Befragung des Thünen-Instituts. Möglich wird das etwa, indem die Familien Fahrtwege vorausschauend planen, Erledigungen bündeln oder online erledigen. Besonders hilfreich sind verlässliche soziale Netzwerke. Wenn Verwandte, Nachbarinnen und Nachbarn oder Vereine bei der Kinderbetreuung oder mit Fahrdiensten unterstützen, werden die Familien spürbar entlastet.
Familien in ländlichen Räumen brauchen passende und verlässliche Betreuungsangebote für Kinder, flexible Arbeitszeitmodelle und eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur, wie sichere Fahrradwege oder Rufbusse. Ebenso wichtig ist, dass verschiedene Angebote an zentralen Anlaufstellen gebündelt werden. So lassen sich die alltäglichen Wege von Familien verkürzen. Die Vereinbarkeit zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit ist damit nicht nur eine Frage individueller Organisation und der Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau, sondern auch der strukturellen Rahmenbedingungen vor Ort.
Weitere Informationen:
- Im Landatlas des Thünen-Instituts stehen interaktive Karten zur Erreichbarkeit, etwa von Supermärkten, Kindergärten oder Arztpraxen, in Deutschland zur Verfügung.
- Thünen-Forschende untersuchen in den Forschungsprojekten Familien in ländlichen Räumen und Soziale Benachteiligung in ländlichen Peripherien in Ostdeutschland und Tschechien, vor welchen Herausforderungen Familien in ländlichen Regionen stehen.
- In einem Artikel der Zeitschrift Stimme der Familie erklären die Thünen-Forschenden ihre Ergebnisse. Die gesamte Ausgabe ist auf der Website des Familienbunds der Katholiken verfügbar.





