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Dossier

Landwirtschaftliche Tierhaltung im Spiegel der Gesellschaft

Von Inken Christoph-Schulz und Marie von Meyer-Höfer | 08.06.2022


MA Institut für Marktanalyse

Das Thünen-Institut untersucht die gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber der landwirtschaftlichen Tierhaltung in ihrer Vielfalt und Tiefe. Bestehende Kritik und Zielkonflikte können so differenziert durchdrungen und eine Weiterentwicklung der Tierhaltung wissenschaftlich begleitet werden.

Worin ist die gesellschaftliche Kritik an der Tierhaltung begründet? Wie nehmen Bürger die heutige Tierhaltung wahr, und was erwarten sie von ihr? Welche Haltungsbedingungen sind ihrer Ansicht nach besonders tiergerecht? Welche Prioritäten setzen die Bürger in ihrer Beurteilung? Wie reagieren Bürger auf Zielkonflikte in der Tierhaltung? Lösungsansätze auf diese Fragen können in einer verbesserten Kommunikation, aber auch in einer Anpassung der Tierhaltung auf den Betrieben, beim Transport von Tieren und ihrer Schlachtung oder in einem veränderten Konsumverhalten liegen.

Trotz vieler positiver Entwicklungen und Bemühungen von einzelnen Landwirten in der landwirtschaftlichen Haltung von Tieren, bleibt mancher Kritikpunkt über Jahre nahezu unverändert bestehen. Das zeigen unsere Forschungsergebnisse.

Bereits 2012 äußerten Befragte, dass wenig Platz für das einzelne Tier ein Hauptkritikpunkt an den Haltungsbedingungen von Mastschweinen ist. Viele Befragte führten schon 2012 Verhaltensstörungen von Tieren und einen hohen Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung auf Platzmangel zurück. Die wichtigsten Anliegen der Befragten bei der Schweinehaltung sind damals wie heute  mehr Platz und Bewegung, Beschäftigungsmaterial für die Schweine, Auslauf ins Freie und der Verzicht darauf, Antibiotika prophylaktisch zu verabreichen. „Zu wenig Platz“ und „zu wenig Natürlichkeit“ sind auch heute noch oft allgemeine Vorwürfe von Bürgerinnen und Bürgern an die intensive Tierhaltung – egal welcher Art.

Die Teilnehmer der Befragung wurden anhand ihrer geäußerten Meinung in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die Gegner (28 Prozent) der modernen Schweinehaltung sind häufiger weiblich und verfügen über ein mittleres bis gutes Wissen die Landwirtschaft betreffend. Sie sehen die Hauptverantwortung für eine tiergerechte Haltung primär bei den Verbraucher*innen (zu starke Preisorientierung und zu hoher Konsum) und beim Staat (zu wenig Vorschriften und mangelhafte Kontrolle), während sie Landwirt*innen oder die verarbeitenden Betriebe seltener in der Pflicht sehen.
  • Anders die Gruppe der Moderaten (35 Prozent), deren Mitglieder häufig männlich sind und nur über ein geringes Wissen zum Thema verfügen: Sie sehen die Hauptverantwortung primär bei den tierhaltenden oder den verarbeitenden Betrieben (zu starke Gewinnorientierung).
  • Die Gruppe der Tolerierenden (37 Prozent) – häufig männlich und eher unwissend – macht primär die Landwirt*innen für die Fehlentwicklungen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung verantwortlich, weniger Verbraucher*innen, Staat und verarbeitende Betriebe.

Seit 2015 arbeiten wir im Projekt SocialLab gemeinsam mit den Universitäten Bonn, Düsseldorf und Göttingen, der Technischen Universität München, der Fachhochschule Südwestfalen und dem INSTET (Privates Forschungs- und Beratungsinstitut für angewandte Ethik und Tierschutz) an den großen Fragen rund um die gesellschaftliche Sicht auf die landwirtschaftliche Tierhaltung.
Ausgangspunkt für dieses Projekt war, dass die landwirtschaftliche Tierhaltung mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückte und tierhaltende Betriebe immer stärker kritisiert wurden.

Jeder der drei Hauptakteure scheint bis heute nicht wirklich mit seiner Situation zufrieden zu sein.

Landwirt*innen:

  • produzieren meistens einfach nach den gesetzlichen Vorgaben ohne höhere und aufwendigere Standards für Tierwohl oder Bio-Label umzusetzen.
  • sehen für sich persönlich oftmals in einem System der langen Abschreibungsfristen und der komplizierten Genehmigungsverfahren für ihre Ställe kaum Spielraum für Änderungen der Haltungsform und für die Einführung höherer Tierschutzstandards.
  • wollen oder können das Risiko die Tierhaltung zu verändern nicht eingehen, da die Sicherheit fehlt, dass höherwertigere Produkte auch zu einem höheren, kostendeckenden Preis gekauft werden.
  • fühlen sich zudem oft zu Unrecht für ihre Tierhaltung an den Pranger gestellt.

Verbraucher*innen:

  • kaufen derzeit meistens noch die preiswerten Produkte, die auf Basis der gesetzlichen Standards produziert wurden.
  • träumen dennoch von einer Tierhaltung, die eher einem romantischen Bild entspricht, denn der Realität.
  • vermögen oftmals kaum oder gar nicht zu beurteilen, wie die Landwirtschaft und insbesondere die Tierhaltung heutzutage wirklich aussieht, denn nur wenige haben die Möglichkeit realistische Einblicke zu gewinnen.
  • werden oft mit unterschiedlichsten und zum Teil sehr widersprüchlichen Informationen zur landwirtschaftlichen Tierhaltung konfrontiert. Mal wird diese zu positiv, mal zu negativ dargestellt. Wie aber soll der Verbraucher beurteilen, welche Information die richtige ist?
  • sehen sich beim Einkauf verschiedenen Zielkonflikten gegenübergestellt: Der offensichtlichste ist der Wunsch nach mehr Tierwohl zu einem geringen Preis, weitere sind beispielsweise die Frage, was als schützenswerter bewertet wird – die Umwelt oder das Tierwohl?

Der Handel:

  • interessiert sich in erster Linie für Absatzzahlen. Und von diesen wird schnell auf die Präferenzen der Kunden geschlossen. In der vorliegenden Situation heißt das, dass primär die Produkte des gesetzlichen Standards gelistet und mitunter zu einem extrem günstigen Preis verkauft werden.
  • steht natürlich in Konkurrenz mit anderen Händlern und versucht durch Sonderangebote, Aktionen und Werbung Kunden zu gewinnen.

Das langfristige Ziel, zu dem SocialLab einen wesentlichen Beitrag liefern möchte, ist somit die Verbesserung der landwirtschaftlichen Tierhaltung im Sinne des Nutztieres UND dadurch die Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz. Aber dies alles muss gelingen, OHNE die Landwirt*innen zu „verlieren“.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein wichtiger Schritt, dass die Akteure intensiver miteinander kommunizieren, um die andere Seite besser zu verstehen oder überhaupt erst zu beginnen, die anderen Perspektiven kennenzulernen. Lange Zeit wurde vor allem übereinander geredet und nicht miteinander.

SocialLab I: Die Kernergebnisse

Im ersten Projekt, SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft, konnten in Diskussionsrunden mit Landwirt*innen und Verbraucher*innen bereits wichtige Erkenntnisse erzielt werden. So war es durchaus möglich, dass sich im Laufe eines Gespräches beide Seiten messbar annäherten, wenn die Kommunikation von Offenheit und gegenseitigem Respekt geprägt war. Fühlten sich die Verbraucher dagegen mit ihren Sorgen nicht ernst genommen oder aber die Landwirte zu Unrecht beschuldigt, gab es auch keine Basis für eine Annäherung.

Ein zweiter wichtiger Aspekt der Projektarbeit war es, die Wahrnehmung der Gesellschaft gegenüber der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu untersuchen. Hierfür wurden die sechs Hauptnutzungslinien der Tierhaltung (Mastschweine, Muttersauen und Ferkel, Masthühner, Legehennen, Milchkühe und Fleischrinder) vergleichend untersucht. Mithilfe einer Onlinebefragung konnte gezeigt werden, dass die Masthühner- und Legehennenhaltung als besonders verbesserungswürdig angesehen werden, während die Haltung von Milchkühen und Fleischrindern von deutlich weniger Befragten kritisiert wird.

Offensichtlich war zu dieser Zeit (2017), dass es den Befragten an Möglichkeiten fehlt beim Einkauf die Haltungsbedingungen der Tiere nachzuvollziehen. Dies zeigt den Bedarf nach einer nachvollziehbaren Kennzeichnung auf der Verpackung.

2019 startete SocialLab II – Akzeptanz durch Innovation, in dem die bisherige SocialLab-Forschung weitergeführt und vertieft wird. Denn zufrieden mit dem Ist-Zustand der landwirtschaftlichen Tierhaltung ist kaum jemand. Anzunehmen ist vielmehr, dass auf vermutlich allen Seiten ein Unbehagen herrscht, das je nach individueller Situation und Persönlichkeit unterschiedlich stark ausgeprägt sein dürfte. Um in dieser Problematik zielführende, ausgewogene und ethisch vertretbare Lösungen zu finden, ist es erforderlich, die Kritik der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen an den gegenwärtigen Formen und Praktiken der landwirtschaftlichen Tierhaltung noch differenzierter zu durchdringen und ihre zahlreichen Facetten besser zu verstehen, um neue Weiterentwicklungs- Lösungsmöglichkeiten aufzeigen zu können.

Zielsetzung von SocialLab II

  • Differenzierte Untersuchung der Kritik an der landwirtschaftlichen Tierhaltung durch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen (Verbraucher*innen, Bürger*innen, Landwirt*innen, Handel, NGOs). Was sind die Hauptkritikpunkte an der landwirtschaftlichen Tierhaltung und der dazu laufenden öffentlichen und politischen Debatte?
  • Aufzeigen von realistischen Wegen, wie die landwirtschaftliche Tierhaltung aus Sicht der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen verbessert werden kann. Wie können die Kritikpunkte langfristig reduziert werden?
  • Unterstützung der gesellschaftlichen Gruppen bei der Ausrichtung ihrer Aktivitäten im Sinne einer Weiterentwicklung der Tierhaltung. Unterstützung der Politik bei der Ausgestaltung entsprechender Maßnahmen. Unterstützung der Wissenschaft bei der Identifizierung von Forschungslücken zum Thema.
  • Abbau von Barrieren zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen im Umgang miteinander.
  • Aufbau eines Monitorings zu den Rahmenbedingungen, die Einfluss auf die Entwicklung der gesellschaftlichen Kritik und Akzeptanz der landwirtschaftlichen Tierhaltung haben. Langfristig soll eine Längsschnittstudie durchgeführt werden, die auf SocialLab I aufbaut.
  • Etablierung eines Diskussionsformats zu Fragen der marktwirtschaftlichen, gesellschaftlichen und/oder politischen Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Tierhaltung für alle interessierten Stakeholder und ihre unterschiedlichen Interessen.

Die Zwischenergebnisse der Arbeitspakete werden regelmäßig von allen beteiligten Wissenschaftler*innen des SocialLab II diskutiert. Durch die enge Vernetzung wird gewährleistet, dass es zu keinen Überschneidungen kommt und sich die verschiedenen Arbeitspakete bestmöglich gegenseitig ergänzen.

Arbeitspaket 3: Die SocialLab-Zukunftswerkstatt landwirtschaftliche Tierhaltung

Die SocialLab-Zukunftswerkstatt landwirtschaftliche Tierhaltung verläuft in den Phasen: Einstiegs- und Kritikphase, Utopiephase, Verwirklichungsphase, Nachbereitung. Beteiligte an der Zukunftswerkstatt sind Bürger*innen und Landwirt*innen, Vertreter der Land- und Ernährungswirtschaft, des Umwelt- und Tierschutzes sowie weitere Sachverständige (z.B. aus der Wissenschaft, den Medien oder der Politik).

Die Durchführung und wissenschaftliche Begleitung dieses transdisziplinären, professionell moderierten Multi-Stakeholder-Diskurses ermöglicht es, gesellschaftliche Debatten im „Labor“ nachzubilden, genauer zu beobachten und zu analysieren sowie vielleicht sogar zu beschleunigen.
Thematisch stehen Innovationen für die Tierhaltung mit besonderem Fokus auf die bestehenden Zielkonflikte zwischen Tier-, Umwelt-, Natur- und Klimaschutz im Vordergrund. Zusätzlich werden methodisch, organisatorisch und institutionelle Fragestellungen zu den Gelingensbedingungen von Diskursen zum Thema Tierhaltung angegangen.

Im Rahmen der Diskussionsrunden werden realistische Perspektiven zur Umsetzung gesellschaftlicher Erwartungen an die Tierhaltung identifiziert. Dabei ist vorrangig, dass die entwickelten Szenarien insbesondere im Sinne des Tier- und Umweltschutzes gesellschaftlich akzeptabel und gleichermaßen ökonomisch sinnvoll umsetzbar sind. Der Politik und Landwirtschaft werden so Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, mit denen eine zukunftsfähige mehrheitlich akzeptierte Tierhaltung in Deutschland umgesetzt werden kann.

Weiterführende Links

Einen Überblick über die bisherigen Ereignisse und Ergebnisse finden Sie auf der SocialLab-Homepage.

Literatur zum Weiterlesen

  1. 0

    Mukhamedzyanova R, Gier NR, Berkes J, Schütz A, Christoph-Schulz IB (2021) "Landwirtschaftliche Nutztierhaltung" : Begriffsdefinition zum zentralen Untersuchungsobjekt im Projekt SocialLab². Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 45 p, Thünen Working Paper 186, DOI:10.3220/WP1639647850000

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn064342.pdf

  2. 1

    Christoph-Schulz IB, Rovers AK (2020) German citizens’ perception of fattening pig husbandry - Evidence from a mixed methods approach. Agriculture 10(8):342, DOI:10.3390/agriculture10080342

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn062583.pdf

  3. 2

    Christoph-Schulz IB, Hartmann M, Kenning P, Luy J, Mergenthaler M, Reisch L, Roosen J, Spiller A (2018) SocialLab - Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft : erste Ergebnisse und Implikationen. J Consumer Protect Food Safety 13(2):145-150, DOI:10.1007/s00003-017-1144-7

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn059717.pdf

  4. 3

    Brümmer N, Petersen W, Christoph-Schulz IB (2018) Consumer acceptance of dual-purpose chickens : a mixed methods approach [online]. German J Agric Econ 67(4):234-245, zu finden in <http://www.gjae-online.de/inhaltsverzeichnisse/pages/protected/show.prl?params=recent%3D1%26type%3D2&id=943&currPage=&type=2> [zitiert am 12.11.2018]

  5. 4

    Rovers AK, Mergenthaler M, Wildraut C, Sonntag WI, Meyer-Höfer M von, Christoph-Schulz IB (2017) Roundtable on hotspots in livestock production - A mixed-methods-approach for a better understanding of farmers’ and consumers’ views : contribution presented at the XV EAAE Congress, "Towards Sustainable Agri-food Systems: Balancing Between Markets and Society" August 29th - September 1st, 2017 Parma, Italy. 13 p

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn059666.pdf

  6. 5

    Weible D, Christoph-Schulz IB, Salamon P, Zander K (2016) Citizens' perception of modern pig production in Germany: a mixed-method research approach. Brit Food J 118(8):2014-2032, DOI:10.1108/BFJ-12-2015-0458

  7. 6

    Zander K, Isermeyer F, Bürgelt D, Christoph-Schulz IB, Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft. Münster: Stiftung Westfälische Landwirtschaft, 117 p

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn052711.pdf

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