Regionalwirtschaftliche Auswirkungen einer Reduzierung der Tierhaltung in Konzentrationsgebieten (ReTiKo)

Projekt

Fabrik in agrarischer Landschaft (c) Piotr Wawrzyniuk/stock.adobe.com
Zu sehen ist eine Fabrik in agrarischer Landschaft (© Piotr Wawrzyniuk/stock.adobe.com)

In Deutschland gibt es ländliche Regionen mit besonders intensiver Viehhaltung. Diese trägt nicht nur zur wirtschaftlichen Prosperität, sondern auch zu erhöhten Belastungen von Boden, Luft und Wasser in den betroffenen Regionen bei.

Hintergrund und Zielsetzung

Im Projekt ReTiKo untersucht das Thünen-Institut die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen einer möglichen Reduzierung der tierischen Produktion in Regionen mit besonders intensiver Viehhaltung. Eine solche Reduzierung wird von vielen Experten als notwendig erachtet, damit geltende Umweltstandards zum Schutz von Boden, Luft und Gewässern wieder eingehalten werden können.  Wir wissen aber noch nicht, wie stark die regionale Wirtschaft von der tierischen Produktion abhängt bzw. wie gut sie sich kurz-, mittel- und langfristig an Veränderungen anpassen kann. 

Vorgehensweise

Um Aussagen darüber treffen zu können, wie sich die Konzentrationsgebiete entwickeln werden, wenn sich die Viehhaltung stark reduziert, muss zunächst ein Verständnis für die besonderen strukturellen Eigenschaften der betroffenen Regionen geschaffen werden.  Zu diesem Zweck  entwickeln wir qualitative und formale Modelle, die das, was über die Regionen bekannt ist, möglichst gut widerspiegeln. Diese Modelle erklären die regionale Wirtschaftsstruktur ausgehend von Entscheidungen der wirtschaftlichen Akteure. Sie berücksichtigen aber auch das institutionelle Umfeld und die spezifischen Arbeitsmarktbedingungen der betroffenen Regionen. In den Erklärungsmodellen kommt den Faktoren "Wissen" und "Innovation" eine besondere Rolle zu.

Auf dieser Basis werden im Projekt ReTiKo zum einen unterschiedliche Regionen quantitativ miteinander verglichen. Zum anderen wird die Entwicklung in der ausgewählten Fallregion West-Niedersachsen, die bundesweit die höchsten Viehdichten aufweist, qualitativ analysiert und erklärt.

In beiden Ansätzen wird untersucht, wie sich der Agrar- und Ernährungssektor, und mit ihm das weitere wirtschaftliche Umfeld, in Zeiten beschleunigten strukturellen Wandels entwickelt haben. Dazu werden zuerst die Determinanten unterschiedlicher Anpassungsprozesse identifiziert und dann dazu genutzt, Szenarien möglicher zukünftiger Entwicklungen in den besonders betroffenen Regionen abzuleiten. Diese Szenarien werden mit Stakeholdern und Experten vor Ort diskutiert, um zu einer abschließenden Bewertung zu gelangen.

Daten und Methoden

Das empirische Konzept beruht auf einer kombinierten Auswertung quantitativer und qualitativer Daten:

(1) Der Zusammenhang zwischen der regionalen Wirtschafts- und Kompetenzstruktur und der Bedeutung des Strukturwandels in der Viehwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen wird überwiegend quantitativ ermittelt. Es werden Arbeitsmarktdaten und Daten der allgemeinen Regionalstatistik ebenso wie Mikrodaten zu Betrieben und Beschäftigten genutzt.

Die Daten werden für die Kalibrierung und Überprüfung von strukturellen Modellen sowie für ökonometrische Schätzungen zur Identifizierung spezifischer Modellparameter verwendet.

(2) Reaktionsmuster, Strategien und Steuerungsansätze werden in vergleichenden regionalen Fallstudien auf der Basis von qualitativen Daten analysiert. Zugrunde gelegt werden Informationen aus Interviews mit Stakeholdern und Experten  sowie aus historischen und aktuellen Dokumenten.

Informationen aus Experteninterviews werden dazu genutzt, die Beziehungen zwischen individuellen Akteuren, Unternehmen und Branchen des regionalen Wertschöpfungssystems zu bestimmen. Interviews mit Stakeholdern dienen dazu, Handlungsstrategien zentraler Akteure zu identifizieren und zu einer Einschätzung der individuellen und kollektiven Handlungsmacht zu gelangen.

Die Ansätze ergänzen sich und dienen der wechselseitigen Überprüfung. Zusammen schaffen die qualitativen und quantitativen Daten und Modelle ein Verständnis für Entscheidungen und Strategien der regionalen Akteure im regionalen Kontext. So wird eine Grundlage geschaffen, um mögliche Entwicklungspfade bei geänderten Rahmenbedingungen abzuleiten. Die so erstellten Modelle und Szenarien können dann mit Blick auf die konkreten regionalen Gegebenheiten interpretiert und diskutiert werden.

Unsere Forschungsfragen

Im Projekt ReTiKo werden folgende Forschungsfragen beantwortet:

(1) Welche Bedeutung kommt der Viehwirtschaft für die regionale Agrar- und Ernährungswirtschaft und für das weitere wirtschaftliche Umfeld und seine Entwicklung zu?

(2) Welche Reaktionsfähigkeiten und Anpassungsstrategien weisen die Beteiligten des regionalen Produktionssystems der Viehwirtschaft sowie ihrer vor- und nachgelagerten Bereiche auf?

(3) Wie reagieren regionale Akteure jenseits der Wertschöpfungskette „Vieh“ auf Entwicklungen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, und welche positiven und negativen Entwicklungsimpulse gehen davon für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Regionen mit intensiver Viehwirtschaftaus?

Vorläufige Ergebnisse

Die Ergebnisse der Analysen ermöglichen es, Entwicklungsszenarien für die Zeit eines beschleunigten Strukturwandels und danach abzuleiten. Mit Blick auf die Ist-Situation, von der die Szenarien abgeleitet werden, lassen sich zwei konkurrierende Erwartungen formulieren, zwischen denen analytisch entschieden werden muss:

(1) "Clusterfall": Entwicklungsfähige ländliche regionale Ökonomien basieren auf einem System von aufeinander abgestimmten Institutionen, Branchen, Unternehmen und Kompetenzen. Eine starke Verringerung der Viehproduktion würde den Verlust einer Reihe relevanter Kompetenzen und Synergien mit entsprechend spürbaren negativen Effekten für die regionale Gesamtwirtschaft mit sich bringen. Die Akteure der Produktionssysteme bemühen sich daher um die Bewahrung dieser spezifischen Vorteile, indem sie in Prozessen kooperativer und nicht-kooperativer Koordination entsprechende Anpassungsstrategien entwickeln und umsetzen.

(2) "Separationsfall": Die Agrar- und Ernährungswirtschaft war früher in Regionen mit intensiver Viehhaltung von hoher Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Heute ist jedoch sowohl die Entwicklung der Ernährungswirtschaft von der Landwirtschaft als auch die wirtschaftliche Regionalentwicklung insgesamt von der Agrar- und Ernährungswirtschaft weitgehend entkoppelt. Die Betroffenheit der regionalen Wirtschaft von einem möglichen Rückgang der Viehproduktion hängt dann neben der Anpassungsfähigkeit des Sektors v.a. von der Entwicklungsfähigkeit der sonstigen Wirtschaft und der weiteren Entwicklung der produktivsten und innovativsten Branchen und Unternehmen ab. Jenseits der betroffenen Unternehmen und Branchenorganisationen werden nur wenige Anstrengungen unternommen, die Viehproduktion mit ihren spezifischen Produktionskapazitäten zu stabilisieren.

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Geldgeber

  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

6.2019 - 5.2022

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektstatus: läuft

Publikationen zum Projekt

Anzahl der Datensätze: 0