Stellvertretende Institutsleitung

Sekretariat

Annette Pontillo
Institut für Ökologischen Landbau

Trenthorst 32
23847 Westerau
Telefon: +49 4539 8880 0
ol@thuenen.de



Weidetiere vor Würmern schützen – mit Hilfe von Entscheidungsbäumen zu geringerem Arzneimitteleinsatz?

Projekt

 (c) Thünen-Institut/Sonja Bystron

Weideparasitenmanagement - Webbasierte Entscheidungsbäume: Vorausschauende Planung des Weidemanagements bei Wiederkäuern zur Verminderung der Belastung mit Magen-Darm-Würmern und zur Reduktion des Tierarzneimitteleinsatzes - Etablierung eines Online-Tools in der landwirtschaftlichen Praxis in Deutschland

Weidehaltung gilt als besonders tiergerecht und laut Umfragen bei Verbrauchern auch als erwünscht. Jedoch infizieren sich insbesondere Jungtiere auf der Weide häufig mit Magen-Darm-Parasiten. Bereits entwickelte und online verfügbare Entscheidungsbäume können bei der vorbeugenden Weideplanung helfen und den Einsatz von Entwurmungsmitteln (Anthelminthika) reduzieren helfen.

Hintergrund und Zielsetzung

Weidehaltung entspricht am ehesten den natürlichen Verhältnissen für Wiederkäuer. Infektionen mit Magen-Darm-Parasiten sind jedoch dabei unvermeidlich. Unbehandelt führen sie zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen, insbesondere in der Jungtieraufzucht. Sie können zu einem schwerwiegenden Gesundheitsproblem für die betroffenen Nutztiere werden und das Tierwohl massiv beeinträchtigen. Hauptsächlich gefährdet sind die Jungtiere in ihrer ersten Weidesaison, da es einige Monate dauert, bis ihre körpereigene Abwehr gegen die einzelnen Strongylidenarten belastbar ausgebildet ist. Die Bekämpfung der Endoparasiten basiert in der Regel auf dem Einsatz von verschreibungspflichtigen Tierarzneimitteln. Aus Gründen des Umwelt- und Verbraucherschutzes sollen Arzneimittel in der Nutztierhaltung möglichst reduziert werden. In der Parasitenbekämpfung wäre es daher sinnvoll, alternativ ein geschicktes Weidemanagement zusammen mit Kontrollen der Eiausscheidung zu verwenden.

Bereits in einem vorangegangen FuE-Projekt wurden webbasierte Entscheidungsbäume zur Unterstützung der Praxis entwickelt und 2010 veröffentlicht.

Unser Projekt wird im Rahmen der „Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz“ von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gefördert. Wir wollen die Online-Entscheidungsbäume modellhaft in die Praxis einführen, um

  • den Weidegang bei Wiederkäuern zu fördern,
  • die Gesundheit von Weidetieren zu stärken,
  • den Anthelminthikaeinsatz nachhaltig zu reduzieren und
  • zu verhindern, dass sich bei zu häufigem Wirkstoffeinsatz Resistenzen bilden.

Das Vorhaben erstreckt sich auf Milchvieh-, Mutterkuh-, Schaf- und Ziegenhaltung in Deutschland. Beteiligt sind sechs Beratungsorganisationen (Landwirtschaftskammern Schleswig-Holstein und Niedersachen, Tierseuchenkassen Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen sowie Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen und Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft) auf bundesweit 80 Betrieben. Projektmitarbeiter des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau (OL) überprüfen begleitend die Effektivität der Anwendung dieses Tools in Bezug auf die Belastung mit Magen-Darm-Würmern, den Einsatz von Anthelminthika sowie die Akzeptanz durch die beteiligten Praktiker.


Vorgehensweise

Gemeinsam mit Beratern von Landwirtschaftskammern/Tierseuchenkassen unterstützen wir bundesweit 80 Pilot-Betriebe – darunter ungefähr 50 mit Milchvieh oder Mutterkühen – beim Weidemanagement zur Parasitenprophylaxe. Wir wollen helfen, Entscheidungsbäume zu nutzen und die Parasitenbelastung über das Sammeln von Kotproben zu beobachten. Innerhalb des Projektzeitraums von 24 Monaten besucht alljährlich ein Berater der beteiligten Organisationen die Einzelbetriebe und wendet gemeinsam mit dem Tierhalter die Online-Entscheidungsbäume an. Die resultierenden Empfehlungen werden betriebsspezifisch angepasst und implementiert.

Die Ausgangssituation der 80 Projektbetriebe sowie die Entwicklung der Infektionen von Weidetieren mit Magen-Darm-Strongyliden im Projektzeitraum dokumentieren wir einzelbetrieblich: Wir halten Behandlungen mit Anthelminthika und das bisherige Weidemanagement fest. Im Labor des Instituts in Trenthorst untersuchen wir Sammel-Kotproben erstsömmriger Jungtiere an zwei Zeitpunkten der Weidesaison und bestimmen den Herden-Ei-Index im Kot „EPG“ (Eizahl pro Gramm Frischkot). Parallel werden Proben aus jedem der Betriebe zu den jeweiligen regionalen Laboren geschickt (Monitoring auf Basis der Empfehlungen aus der einzelbetrieblichen Anwendung der Entscheidungsbäume). Aus der Höhe der Eiausscheidung schließen wir - mit der gebotenen Vorsicht - auf die Kontamination der Weiden mit infektiösen Larven der Magen-Darm-Strongyliden.

Dreimal im Projektzeitraum erheben Mitarbeiter des Thünen-Instituts Daten auf den Betrieben, um den Erfolg der Maßnahmen zu evaluieren. Hierbei wird untersucht, inwiefern Behandlungsroutinen und Entwurmungsstrategien einzelbetrieblich aufgrund der Arbeit mit den Entscheidungsbäumen geändert und Maßnahmen präventiven Weidemanagements umgesetzt wurden.

Arbeitsschritte:

  1. Schulung der am Projekt beteiligten Tierhalter sowie der beteiligten Beratungsorganisationen durch das Thünen-Institut.
  2. Informationsveranstaltungen für regionale Labordienstleister, um für eine Harmonisierung der Diagnose-Verfahren der Eizählung und die Einführung des McMaster-Verfahrens (als derzeit beste praxisverfügbare quantitative Technik) zu werben.
  3. Anwendung online-gestützter Entscheidungsbäume zur Kontrolle der Magen-Darm-Strongyliden (MDS) durch die Tierhalter (Unterstützung durch die im Projekt eingebundenen Beratungsorganisationen).
  4. Wissenschaftliche Prozessbegleitung und Untersuchung der Umsetzbarkeit sowie der Akzeptanz der webbasierten Entscheidungsbäume bei allen beteiligten Akteuren durch das Thünen-Institut.
  5. Evaluierung und Effektivitätsanalyse des Online-Tools „Entscheidungsbaum Weideparasiten“.

Anschließend wollen wir auf Basis dieser Ergebnisse das Konzept des Online-Tools weiterentwickeln, um die Nutzerfreundlichkeit zu steigern

Daten und Methoden

In unserem Modell- und Demonstrationsvorhaben begleiten wir wissenschaftlich die Praxiseinführung der bereits existenten webbasierten Entscheidungsbäume. Im Rahmen des Projektes untersuchen wir die Effektivität des Online-Tools: Zum einen beobachten wir die Entwicklung der parasitären Belastung über die McMaster-Untersuchungen zur quantitativen Eibestimmung in den zweimal pro Weidesaison eingesandten Sammelkotproben der erstsömmrigen Jungtiere. Zum anderen verfolgen wir den Anthelminthikaeinsatz in den Projektbetrieben, in dem wir die betrieblichen Aufzeichnungen und Dokumente (Stallbuch, tierärztliche Abgabebelege) auswerten. Über Befragen der TierhalterInnen dokumentieren wir das Weidemanagement (Weidesysteme, -ruhe, etc.).

Bei diesen Interviews erfassen wir zudem die Akzeptanz des Tools bei den teilnehmenden Landwirten und den einzelbetrieblichen Umsetzungsgrad der erarbeiteten strategischen Maßnahmen zur Optimierung des Weide- und Parasiten­managements.

Abschließend befragen wir alle am Projekt beteiligten Berater zu ihren Erfahrungen. Die angewendeten Fragebögen enthalten sowohl offene als auch geschlossene Bewertungsfragen. Sie ermöglichen es, die Zufriedenheit aller Beteiligten mit dem Online-Tool einzuschätzen.

Unsere Forschungsfragen

Wie schätzen Praxisbetriebe die Arbeit mit diesem Online-Tool ein? Kann es beim einzelbetrieblichen Weidemanagement unterstützen? Verringert sich die Belastung der Tiere oder führt die Anwendung der Entscheidungsbäume zu einem geringeren Einsatz von Anthelminthika?

Ergebnisse

Als Hinderungsgrund für die Weidehaltung von Wiederkäuern wird in der Praxis häufig die Parasitenbelastung genannt. Wenn die Tiere Weidegang erhalten, werden sie oftmals routinemäßig und ohne vorangegangene Kotprobenuntersuchung entwurmt, um so der Gefahr der Ansteckung mit Weideparasiten vorzubeugen. Um ein präventiv orientiertes Weideparasiten­management zu ermöglichen, wurden im Jahr 2007 von der Universität Utrecht und im Jahr 2012 vom Thünen-Institut webbasierte Entscheidungsbäume veröffentlicht, die eine vorausschauende Weideplanung zur Vorbeugung und Bekämpfung von Magen-Darm-Würmern vermitteln.

Ziel des Projekts war es, dieses Online-Tool bei Wiederkäuern in der landwirtschaftlichen Praxis zu etablieren. Die Entscheidungsbäume wurden in 79 Betrieben mit Mutterkuh-, Milchvieh-, Schaf- oder Ziegenhaltung eingeführt und durch Berater über zwei Projektjahre begleitet. Im dritten Projektjahr wendeten die Projektbetriebe die Entscheidungsbäume selbstständig ohne explizite Beratung an.

Die Anwendung der Entscheidungsbäume stellte für die meisten Betrieben kein Problem dar. Die Fragen zum Weidemanagement waren verständlich formuliert und die Empfehlungen nachvoll­ziehbar. Durch das Projekt fand auf den Betrieben eine intensive Beschäftigung mit dem Thema statt. Viele erkannten die Notwendigkeit, Kotprobenanalysen durchzuführen und/ oder das Weidemanagement umzustellen. Die Umsetzung der Empfehlungen der Entscheidungsbäume war in den Jahren mit Beratung auf den Betrieben deutlich besser als ohne Beratung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Kotprobenahme wurde diese im Projektzeitraum vor allem in den Schaf- und Ziegenbetrieben erfolgreich durchgeführt. Die Entwurmungen erfolgten jedoch häufig noch routinemäßig und nicht immer nach Befund. Hier muss weiterhin – vor allem im Rinderbereich – eine verstärkte Aufklärung der Betriebsleiter seitens der Berater und Tierärzte im Hinblick auf Gefahren von Resistenzentwicklungen und Umweltbelastungen erfolgen.

Links und Downloads

Webseiten des Vorgängerprojektes auf orgprints.org:

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Beteiligte externe Thünen-Partner


Geldgeber

  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
    (national, öffentlich)
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

1.2014 - 3.2018

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektfördernummer: 13MDT020
Projektstatus: abgeschlossen

Literatur

Anzahl der Datensätze: 9

  1. Koopmann R, Kühne S (2017) Entwurmungsmittel im Dung - ein Risiko für Nicht-Ziel-Organismen. Tierärztl Umsch 72(10):392-395
  2. Koopmann R, Kühne S (2017) Tierarzneimittel (Antiparasitika) im Kuhfladen - Ein Risiko für Nicht-Ziel-Organismen (Literaturübersicht). Landbauforsch Appl Agric Forestry Res 67(2):70-92, DOI:10.3220/LBF1501500814000
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 235 KB
  3. Koopmann R (2015) Ein Weg zur gezielten Entwurmung bei Ziegen. Forschungsrep Spezial Ökol Landbau:20-21
  4. Koopmann R, Dämmrich M, Ploeger H (2014) Online decision trees to support the control of gastrointestinal worms in ruminants. Thünen Rep 20, Vol. 2:331-334
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 584 KB
  5. Koopmann R, March S, Brinkmann J (2014) Parasitenprophylaxe durch Weidemanagement - Entscheidungsbäume können helfen. Tierärztl Umsch 69(4):107-111
  6. Koopmann R, Dämmrich M, Ploeger H (2013) Entscheidungsbaum zur vorausschauenden Bekämpfung von Magen-Darm Würmern bei Wiederkäuern. In: Neuhoff D, Stumm C, Ziegler S, Rahmann G, Hamm U, Köpke U (eds) Beiträge zur 12. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau : Ideal und Wirklichkeit: Perspektiven ökologischer Landbewirtschaftung . Berlin: Köster, pp 474-475
  7. Koopmann R (2013) Hilfe bei Weideparasiten. Wochenbl Magazin Baden-Württemberg(2):23
  8. Koopmann R, Dämmrich M, Ploeger H (2013) Weidegang ohne Risiko : neue Wege zur Kontrolle von Darmparasiten bei Wiederkäuern. Forschungsrep Spezial Ökol Landbau 2013:12-13
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 137 KB
  9. Dämmrich M, Ploeger H, Koopmann R (2011) Parasitenkontrolle und Weidemanagement mithilfe eines interaktiven Entscheidungsbaumes am Beispiel der Magen-Darm-Strongyliden bei Rindern in Norddeutschland. In: Leithold G, Becker K, Brock C (eds) Beiträge zur 11. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau : Es geht ums Ganze: Forschen im Dialog von Wissenschaft und Praxis : Bd. 2, Tierproduktion und Sozioökonomie. Berlin: Köster, pp 68-69