Carbon Farming und Klimalabeling

Projekt

 (c) Thünen-Institut/Zaur Jumshudzade, Thünen-Institut/Hans  Marten Paulsen, BLE/Thomas Stepha

Carbon Farming und Klimalabeling: Klimaschutz durch mehr Humus, wie können wir Landwirte dafür bezahlen?

Landwirtschaftlich genutzte Böden haben ein großes Potential, Kohlenstoff zu binden und so zum Klimaschutz beizutragen. Wenig erforscht sind die gesellschaftlichen Erwartungen und Vermarktungschancen für Carbon Farming und Klima Label.

Hintergrund und Zielsetzung

Die Debatte um die Klimaauswirkungen der Landwirtschaft beschäftigt Bürger, Landwirte, die Land- und Ernährungswirtschaft, Politik und Wissenschaft gleichermaßen.

Allerdings machen Intransparenz und Wahrnehmungsverzerrungen es bisher besonders Verbrauchern schwer, sich beim Einkaufen und Essen klimabewusst zu verhalten. Mangels Kennzeichnung haben Verbraucher bisher wenig Möglichkeiten, Klimabelastungen in ihrem Verhalten zu berücksichtigen.

Landwirtschaftliche Betriebe können den durch die langjährige Nutzung abgebauten Humusgehalt von Böden durch verbesserte Bewirtschaftung wiederherstellen und weiter aufbauen. Dadurch würde auch überschüssiges CO2 aus der Atmosphäre entzogen. Zum Beispiel können Zwischenfrüchte und Blühstreifen angebaut, Hecken angelegt oder Klee als Untersaat in Getreide gesät werden. Landwirte können damit auch bei der Abbremsung des Klimawandels eine wichtige Rolle spielen. Die Einführung solcher regenerativen Anbaupraktiken kostet allerdings Geld.

Wenig erforscht sind bisher die Erwartungen von Verbrauchern bzw. der Gesellschaft gegenüber dieser Art der Landwirtschaft und ob sie bzw. die daraus entstehenden Produkte überzeugend (z.B. mit Hilfe von Labels) vermarktet werden können.

Zielgruppe

Landwirte, Verbraucher / Bürger

Vorgehensweise

Um einen ersten Eindruck über die aktuellen Erwartungen von Verbrauchern und Landwirten in Bezug auf das Thema Carbon Farming, regenerative Landwirtschaft, klimapositive Lebensmittel und Klimalabelling zu gewinnen wurde ein multi-methodisches Vorgehen gewählt.

Aufbauend auf die Arbeiten des INTERREG Projekts wurden Fragen für leitfadengestützte Landwirte und Verbraucher Interviews entwickelt. Die Interviews (14) fanden alle telefonisch bzw. online satt um den geltenden Corona-Bestimmungen zu genügen und dauerten ca. 35 Minuten. Die Leitfragen gliedern sich in folgende Themenblöcke:

 

  • Verständnis und Erwartungen an Carbon Farming
  • Einfluss von Carbon Farming auf das Klima
  • klimabewusstes Ernährungsverhalten
  • Vertrauen in Klimalabeling
  • Möglichkeiten für positive Klima Kommunikation, Kooperation, Co-Kreation

 

Die Interviewteilnehmer meldeten sich freiwillig auf den vom Institut gestarteten Aufruf. Es handelt sich dementsprechend um eine Stichprobe von am Thema besonders interessierter Personen. In diesem Fall ist das jedoch von Vorteil, da das Thema bei weniger interessierten noch keine solche Bekanntheit hat, dass man die Interviews im gewünschten Detail hätte führen können.

Die Interviewergebnisse wurden ergebnisorientiert ausgewertet und für die Erstellung einer WebEx Umfrage genutzt, die während eines Workshops am 1.3.21 zum Thema mit Landwirten, Verbrauchern, Wissenschaftlern und Branchenvertretern durchgeführt wird.

Unsere Forschungsfragen

  • Verständnis und Erwartungen an Carbon Farming
  • klimabewusstes Ernährungsverhalten
  • Vertrauen in Klimalabeling
  • Möglichkeiten für positive Klima Kommunikation, Kooperation, Co-Kreation

Vorläufige Ergebnisse

Einschätzung des Klimawandels

Die Auswertung zeigt, dass Landwirte und Verbraucher große Hoffnungen hegen, mit entsprechend angepasster Landwirtschaft und dem Konsum der daraus entstehenden Lebensmittel zumindest teilweise zur Verminderung des Klimawandels beitragen zu können, der sie gleichermaßen beunruhigt.

Was tun Sie heute schon für eine klimafreundlichere Landwirtschaft / klimafreundliche Lebensmittel?

Landwirte engagieren sich bereits heute darin, ihre Produktionsweise klimaschonender zu gestalten. Humusanreicherung und -schutz sind Zielgrößen der regenerativen Landwirtschaft und des Carbon Farming. Beide Ansätze sind bisher nicht eindeutig geregelt, Begrünung und Biomassezufuhr in Böden sind aber zentrale Elemente. Für Humusaufbau und Zertifikate für mögliche damit verbundene CO2-Bindung existieren aktuell eine Reihe von Initiativen.

In einer Umfrage im INTERREG Projekt „Carbon Farming“ im Nordseeraum in 2019 (BE, NL, DE, N: N = 449, davon 85 ökologisch und 364 konventionell wirtschaftend, davon 44 in Norddeutschland) gaben 74 % der Landwirte an, bereits Maßnahmen zum Humusaufbau und Schutz umzusetzen. Am häufigsten genannt wurden dafür die Verwendung von Wirtschaftsdünger, der Anbau von Zwischenfrüchten und die breitere Gestaltung von Fruchtfolgen. Ähnliche Ergebnisse ergaben auch unsere Befragungen von Landwirten. Darüber hinaus kamen Formen der regenerativen Landwirtschaft wie die Nutzung von Agroforstsystemen zur Sprache. Auch die Verwendung von Pflanzenkohle wurde mehrfach genannt, deren Nutzungsmöglichkeiten und Wirkung auf Böden und Klima bisher weitgehend unklar sind.

Die für diese Studie befragten Verbraucher sind bereits sehr interessiert und in das Thema involviert. Viele von ihnen versuchen ihren Lebensmittelkonsum schon heute klimaschonend zu gestalten. Sie kaufen regionale, saisonale oder Bio-Produkte, verzichten auf Fleisch und versuchen sich insgesamt bewusst zu ernähren. Manch einem sind hier und da zwar schon Klimalabel beim Einkaufen aufgefallen, doch die wenigsten sind sich sicher, wie sie klimaschonende Lebensmittel erkennen können.

 

Klimalabeling: Informationsbedürfnisse und Vertrauen

Die Ergebnisse aus den Interviews und der online Befragung machen deutlich, dass das Thema klimaschonende Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung für viele Akteure noch sehr komplex und undurchschaubar ist. Viele Begrifflichkeiten und Zusammenhänge werden bisher nur vage durchschaut. Es sind dementsprechend noch mehr Informationen und ein intensiverer Austausch zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette nötig, um einen gemeinsamen Rahmen für chancenreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei kommt nach Ansicht der Befragten der Wissenschaft eine wichtige Rolle zu, glaubwürdige Informationen und Einschätzungen zu liefern. Aber auch einzelne Landwirte können aus Sicht der befragten Verbraucher auf Vertrauen hoffen, wenn sie authentisch und offen über ihre Bemühungen berichten.

Die Wissenschaft kann hier gemeinsam mit interessierten Akteuren der Agrar- und Ernährungswirtschaft dazu beitragen dem Wunsch nach nachvollziehbarer und glaubwürdiger Kennzeichnung klimaschonender Lebensmittel Realität werden zu lassen.

Aus der Labelingforschung zu Bio oder Tierwohl gibt es bereits zahlreiche Erkenntnisse über die Erfolgsfaktoren von Labeling:

  • Glaubwürdigkeit und Transparenz,
  • unabhängige Zertifizierung,
  • eindeutige Standards,
  • hoher Bekanntheitsgrad über reine Nischenmärkte hinaus,
  • breite Verfügbarkeit

 

Denn nur, wenn die gelabelten Produkte am Ende auch die Kaufentscheidung bewusst beeinflussen, können sie ihrem höheren Ziel, z.B. die Klimawirkung von Wertschöpfungsketten umfassend zu verbessern, gerecht werden.

Aus den Interviews und der online Befragung geht hervor, dass sowohl landwirtschaftliche, als auch gesellschaftliche und privatwirtschaftliche Akteure auf einen intensiveren Austausch vor allem zwischen Landwirten und Verbrauchern hoffen, denn das Interesse an klimaschonender Landwirtschaft und daraus entstehender Lebensmittel ist auf allen Wertschöpfungsstufen groß.

Darüber hinaus erhoffen sich Landwirte mehr Wertschätzung für ihre Arbeit, gute Vermarktungs-möglichkeiten und nachhaltige Vorteile für ihre Böden.

Verbraucher erhoffen sich, durch ihre persönlichen Konsum- und Kaufentscheidungen einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können.

 

Ausblick: Möglichkeiten für erfolgreichen Dialog und Marktentwicklung

Die Ergebnisse der Befragungen und ihre Diskussion zeigen den Wunsch aller Beteiligten nach mehr Klarheit bei der Definition von Maßnahmen und der Kennzeichnung klimaschonender Praktiken und Produkte. Darüber hinaus wird es als wichtig angesehen, den Austausch zwischen den Interessengruppen auf Augenhöhe und vor allem auch regionaler Ebene weiter zu führen.

Im Fall der Produktion und des Konsums klimaschonender Lebensmittel geht es dabei vor allem darum, ethische Zielkonflikte der aktuellen Landwirtschafts- und Ernährungssysteme gemeinsam mit allen an den jeweiligen Wertschöpfungsketten beteiligten Akteuren zu lösen und so neues Vertrauen ineinander zu gewinnen.

Die Analysen der hier vorgestellten Studie zeigen vor allem Chancen der Annäherung auf regionaler Ebene, im Aufbau dezentraler Strukturen und in der Bemühung, echte Fairness entlang der Wertschöpfungskette durch authentisches persönliches Engagement zu erreichen.

Preisbereitschaften sollten in diesem kommunikationsbetonten frühen Stadium der Marktentwicklung zunächst eine untergeordnete Rolle spielen. Viele Verbraucher geben in Studien an, bereit zu sein mehr für glaubwürdig klimaschonende Produkte ausgeben zu wollen. Bevor sie diese nicht flächen-deckend zur Auswahl vorliegen haben, wird sich aber nur schwer feststellen lassen, ob und inwiefern sich Einstellungen und geäußerte Absichten letztlich auch in entsprechendes Verhalten verwandeln. Angesichts der Erkenntnisse aus der Verbraucherforschung zu nachhaltigem Lebensmittelkonsum wird aber deutlich, dass zumindest für bestimmte (wachsende) Zielgruppen ein Markt für klimafreundliche Lebensmittel durchaus erschließbar erscheint.

Aus Klimaschutzsicht sollten dabei in der Landwirtschaft verlässliche Kohlenstoffspeicherleistungen angestrebt werden, die helfen, den Transformationsprozess bis zu einer insgesamt klimafreundlicheren Wirtschaft mit drastisch geringerem Einsatz fossiler Energien zu überbrücken. Eine einheitliche Zertifizierung ist für die genaue weltweite Aufrechnung von Treibhausgasquellen und senken darüber hinaus sinnvoll. Praktikable Verfahren, die eine Berechnung der Klimabilanz der Produktion unter Berücksichtigung aller Faktoren einheitlich ermöglichen, sollten aus Forschung und Beratung heraus entwickelt und für die Optimierung der Produktionsverfahren ergänzt werden. Insbesondere sind die Entwicklung und die Verlässlichkeit einer Kohlenstoffbindung in natürlichen und landwirtschaftlichen Systemen nur unscharf vorauszusagen und der Erfolg analytisch nur über lange Zeiträume nachzuweisen. Bereits heute könnten aber Verpflichtungen in Programmen und ein entsprechendes Labeling zur zügigen Einführung und Beibehaltung von Maßnahmen mit hohem Potential für die Kohlenstoffbindung beitragen. Ein begleitendes Monitoring der Maßnahmen untersetzt mit einfachen Messungen z.B. zum Humusgehalt in Böden ist dabei für alle Seiten motivierend, zudem viele der Maßnahmen gleichzeitig auch die Biodiversität, die Bodenfruchtbarkeit und den Gewässerschutz fördern.

Links und Downloads

www.thuenen.de/index.php

 

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Publikationen zu dem Projekt

Anzahl der Datensätze: 2

  1. Meyer-Höfer M von, Jumshudzade Z, Paulsen HM, Gerlach R (2021) Ein Ziel, viele Erwartungen. DLG Mitt(8):80-81
  2. Meyer-Höfer M von, Gerlach R, Jumshudzade Z, Paulsen HM (2021) Klimaschonende Landwirtschaft angehen - Dialog zwischen Verbrauchern und Landwirten fördern. Braunschweig: Thünen-Institut für Marktanalyse, 2 p, Project Brief Thünen Inst 2021/29, DOI:10.3220/PB1635773726000
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