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Dossier

Aktuelle Lage der Welternährung

Von Daniela Weible und Aida González-Mellado | 24.06.2022


MA Institut für Marktanalyse

Das Hauptziel ist klar definiert: bis 2030 den Welthunger und die Unterernährung in all seinen Formen zu beenden. Die Herausforderungen, dieses Ziel zu erreichen, sind jedoch mit der COVID-19-Pandemie und den Folgen des Klimawandels und vor allem aufgrund von Gewaltkonflikten gewachsen.

Die landwirtschaftliche Produktion hat eine tragende Rolle, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Die nachhaltige Nutzung knappen Ressourcen sowie Umwelt-, Natur-, Klima- und Tierschutzaspekte machen erhebliche Fortschritte um die Produktivität der Landwirtschaft zu ersteigern, dennoch sind aber auch neue Technologien erforderlich. Dies gilt insbesondere für zahlreiche Entwicklungsländer.

Nicht zu vergessen ist der Handel mit Agrargütern und Nahrungsmitteln. Er trägt dazu bei, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, indem er Defizite in der lokalen Erzeugung ergänzt und Devisen erwirtschaftet.

Für die weltweite Ernährungssicherung ist daher noch einiges zu tun. Um nur einige Ansatzpunkte von vielen herauszugreifen:

 

  • Wir brauchen mehr Nahrungsmittel und eine gerechtere Verteilung von Nahrungsmitteln
  • Alle Menschen benötigen das Wissen, in welchen Kombinationen und Mengen die vorhandene Nahrung zur Gesundheit beiträgt
  • Wir brauchen insgesamt nachhaltige, gesunde und resiliente Ernährungssysteme
  • Wir benötigen sowohl nationale als auch internationale Politiken, die eine gesunde Ernährung für alle ermöglichen

Die Zahl der von Hunger betroffenen Menschen auf der Welt ist im Jahr 2020 im Schatten der COVID-19-Pandemie weiter gestiegen. In 2021 ungefähr 811 Millionen Menschen auf der Welt leiden unter Hunger. Die Zahl der Menschen in 2020, die weltweit an chronischem Hunger leiden, gemessen an der Prävalenz der Unterernährung (PdU), ist auf 161 Millionen Menschen gestiegen. Das ist der stärkste jährliche Anstieg seit Jahrzehnten. Neben der unzureichenden Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen prägt das Problem der zunehmenden Überernährung die Welternährung.

Diese Zahlen werden jährlich von der FAO zusammen mit IFAD, UNICEF, WFP und WHO im Bericht The State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI) veröffentlicht. Dabei definiert die FAO Unterernährung als einen Mangel an Energiezufuhr durch Nahrung, weil zu wenige Kalorien aufgenommen werden.

Das Minimum an Kalorien, das jeder Mensch für ein gesundes und produktives Leben benötigt, variiert dabei von Mensch zu Mensch. Es ist abhängig von Geschlecht, Alter, Statur und körperlicher Aktivität und bewegt sich zwischen etwa 1.650 und mehr als 2.000 Kilokalorien pro Person und Tag.

In der 2021er Ausgabe des Berichts wird die Prognose der jüngsten Vergangenheit für das Jahr 2020 in Bezug auf die weltweite Unterernährungsrate als eine brandbreite um die Hungerschätzungen herum dargestellt, die durch den unerwarteten Schock der COVID-19-Pandemie verursacht wurden. Es ist wichtig zu beachten, dass die PoU-Schätzungen für 2020 nicht auf den von den Ländern für 2020 gemeldeten Daten beruhen.

Besonders ernst ist die Situation in Afrika

Die akute Ernährungsunsicherheit in Afrika ist von 2019 auf 2020 um mehr als 60 Prozent gestiegen und droht sich weiter auszuweiten, da die Auswirkungen von COVID-19 sowie andere Ereignisse wie Konflikte und politische Instabilität die Situation verschärfen. Bisher wurde die absolute Zahl an Unterernährten betrachtet. Um aber zu erfahren, wie es sich mit der Unterernährung in einem Land bzw. in einer Region verhält, hilft es, sich die Prävalenzen (hier: die Häufigkeit, dass Unterernährung auftritt) anzusehen.

Ungefähr 21 Prozent der Bevölkerung in Afrika waren im Jahr 2020 von Hunger bedroht. Afrika hat den höchsten Anteil im Vergleich zu anderen Regionen. Dies entspricht einem Anstieg von 3 Prozentpunkten von 2019 bis 2020. Es folgen Lateinamerika und die Karibik (9,1 Prozent) und Asien (9,0 Prozent) mit Zuwächsen von 2,0 bzw. 1,1 Prozentpunkten zwischen 2019 und 2020.

Von der Gesamtzahl der unterernährten Menschen im Jahr 2020 leben mehr als die Hälfte (418 Millionen) in Asien und mehr als ein Drittel (282 Millionen) in Afrika, während Lateinamerika und die Karibik etwa 8 Prozent (60 Millionen) ausmachen.

Prävalenz für Unterernährung (%)2005201020152020*
Welt12,69,68,39,9
Afrika21,018,918,319,1
Nordafrika9,88,86,26,5
Subsahara-Afrika23,921,321,222,0
Ostafrika32,228,926,927,2
Zentralafrika35,530,428,229,8
Westafrika13,812,114,315,2
Südliches Afrika4,95,47,08,4
Asien14,410,18,88,3
Zentralasien11,07,73,02,7
Ostasien7,63,8<2,5<2,5
Südostasien17,311,710,59,8
Südasien20,615,414,413,4
Westasien11,810,410,711,2
Lateinamerika und Karibik8,76,76,27,4

 Anmerkung: Werte mit * sind projektierte Werte. Quelle: FAOSTAT 2021.

 

Die Tabelle zeigt, dass Unterernährung in Subsahara-Afrika im Vergleich zu Asien 2021 mehr als doppelt so häufig vorkam. Besonders betroffen waren die Länder Ost- und Zentralafrikas mit 27,2 bzw. 29,8 Prozent.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass einzelne Regionen und ganze Kontinente Fortschritte bei der Beseitigung von Unterernährung machen, wenn auch nur langsam: So gibt es einige Regionen, in denen sich die Prävalenz für Unterernährung seit 2005 kontinuierlich verringert hat, wie beispielsweise in Zentral-, Südost- und Südasien.

Jedoch gibt es ebenso Regionen mit zuletzt gegenläufigem Trend. Dazu zählen beispielsweise Subsahara-Afrika (insbesondere Westafrika und das südliche Afrika), aber auch Nordafrika und Westasien. Weltweit gesehen bleibt die Prävalenz für Unterernährung seit 2016 bis 2020 bei 8,3 % (s. Graphik). Dies spiegelt sich auch in den absoluten Zahlen wider.

Um die Lage der Welternährung angemessen beurteilen zu können, bedarf es mehr als die Kalorienversorgung in den Blick zu nehmen. Denn neben der offensichtlichen Unterversorgung mit Energie bzw. Kalorien stellt der Mangel an Mikronährstoffen weltweit ein ebenso großes Problem dar. Auch wenn seine Auswirkungen auf die Gesundheit und die körperliche und geistige Entwicklung weniger offensichtlich sind.

In erster Linie zählen Vitamine und Mineralstoffe zu den Mikronährstoffen. Mikronährstoffe sind genauso essentiell wie die Makronährstoffe Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß und sind am Stoffwechsel innerhalb der Zellen beteiligt, etwa am Zellwachstum, an der Nervenreizleitung und an der Bildung von Sekreten und Botenstoffen.

Weltweit leiden mehr als zwei Milliarden Menschen vor allem Kinder unter Mikronährstoffmangel. Am häufigsten verbreitet ist der Mangel an Jod, Eisen, Vitamin A und Zink, wobei der Mangel an einem Mikronährstoff häufig in Kombination mit dem Mangel an anderen Mikronährstoffen auftritt.

Subsahara-Afrika und Südasien besonders betroffen

Geografisch gesehen sind Subsahara-Afrika und Südasien die Hotspots des versteckten Hungers. Insbesondere Schwangere (Daten hier nicht eingegeben), Kinder und Jugendliche sind häufig betroffene Bevölkerungsgruppen. So können geschätzte 1,1 Millionen der jährlich 3,1 Millionen durch Unterernährung verursachten Todesfälle bei Kindern auf einen Mangel an Mikronährstoffen zurückgeführt werden.

Im Gegensatz zum offensichtlichen Hunger ist der versteckte Hunger aber auch in Industrieländern weit verbreitet. Bei Teilen der deutschen Bevölkerung kann beispielsweise häufig eine mangelnde Aufnahme von Jod, Folsäure, Vitamin D oder Calcium festgestellt werden. Eine vielfältige Ernährung mit nährstoffreichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Samen und Nüssen ist wichtig für eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen. Auch tierische Produkte wie Eier, Fisch, Fleisch und Milchprodukte tragen dazu bei.

In vielen Ländern des globalen Südens ist für die Bevölkerung eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung oft nicht möglich, da Lebensmittel in dieser Produktbreite nicht verfügbar sind oder die Haushalte sie sich trotz ihrer Verfügbarkeit schlichtweg nicht leisten können.

Auf der anderen Seite haben viele Menschen Zugang zu einer breiten Palette an Lebensmitteln, sind sich aber der großen Bedeutung einer vielfältigen Ernährung nicht bewusst und nehmen daher das Lebensmittelangebot nicht wahr. Unter- und Mangelernährung sind häufig das Ergebnis eines Teufelskreises aus fehlendem Einkommen, Armut, Krankheit und ungenügender Bildung.

Viele Länder erleben drei Fehlernährungsprobleme gleichzeitig: Unterernährung, Übergewicht und Mikronährstoffmangel auf. Diese dreifache Bürde kann in selbem Land auftreten. In Ozeanien (ohne Australien und Neuseeland) lag die Prävalenz der akuten Unterernährung im Jahr 2020 bei 9,0 Prozent während der Prävalenz von Übergewicht 8,0 Prozent betrug.  Diese dreifache Bürde tritt sogar innerhalb einer Familie auf. Ein Beispiel davon ist eine Familie mit einer übergewichtigen Mutter und ein unterentwickeltes Kind.

Fehlernährung ist heutzutage in vielen Ländern unabhängig vom Wohlstand weit verbreitet. Die starke Zunahme an Übergewichtigen in Europa oder Nordamerika ist wenig erstaunlich. Vielmehr überrascht es, dass dieser Trend auch in Regionen zu beobachten ist, die stark von Unter- und Mangelernährung betroffen sind.

Der Übergang der Ernährung auch Niedrigeinkommensländer weg von traditionellen Ernährungsweisen, die auf wenig verarbeiteten Lebensmitteln basieren, hin zu stark verarbeiteten, energiedichten, nährstoffarmen Lebensmitteln wird als „nutrition transition“ bezeichnet.

Diese Ernährungsgewohnheiten tragen wesentlich zur Verbreitung von nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Daher rückt die Rolle des Ernährungsumfelds bei der Gestaltung der sich ändernden Ernährungsweisen und die unterschiedlichen Facetten der Fehlernährung nun zunehmend in den Blickpunkt der Politik.

Aktuell leben fast 7,9 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst zurzeit jährlich um rund 83 Millionen Menschen.  Das Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen berechnet Prognosen zum Wachstum der Bevölkerung und stellt einen 95% Projektionsintervall dar. Je weiter in der Zeitschiene der Prognose, desto ungenauer ist diese Prognose.

Nach dieser Grafik wird das Bevölkerungswachstum in Afrika deutlich bis 2100 zunehmen, wäh-rend in Europa, und Amerika ab 2050 stagniert. Die weltweite Bevölkerungszahl im Jahr 2050 wird bei 9,7 Milliarden bzw. im Jahr 2100 bei 11,2 Milliarden liegen.  Diese Prognose wurde noch nicht an die Bevölkerungsänderung der Corona-Pandemie angepasst.

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