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Dossier

Wo man in ländlichen Räumen wohnt, lebt und arbeitet

Von Annett Steinführer | 13.06.2022


LV Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Auch im „Jahrhundert der Städte“ konzentrieren sich Menschen nicht nur in Großstädten, sondern bleiben in ländlichen Räumen verankert. Siedlungsstrukturen und Lebenssituationen haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend gewandelt.

Dörfer und kleine Städte sind die wichtigsten Siedlungstypen ländlicher Räume in Deutschland und Mitteleuropa. Hier wird gewohnt und gearbeitet, findet gesellschaftliches Leben statt, wird Alltag immer wieder neu gestaltet. Der Laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zufolge lebten mit Stand 2019 etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland in Landgemeinden und weitere 29 Prozent in Kleinstädten. Diese Zahlen allein sind Grund genug, dass die sozialwissenschaftliche Raumforschung diese Siedlungstypen und ihre Lebensbedingungen genauer unter die Lupe nimmt.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stand das Dorf für viele Menschen für eine Einheit von Leben und Arbeiten – letzteres hieß in erster Linie Landwirtschaft, in manchen Regionen auch Forstwirtschaft oder Fischerei, zudem Handwerk und Gewerbe. Heute ist das Dorf vor allem Wohnort mit oft ausgedehnten Neubaugebieten am Dorfrand und ausgedünnter Versorgungsfunktion für die Bevölkerung sowie Arbeitsort für kleinere und Kleinstunternehmen, wie beispielsweise selbstständige Gewerbetreibende. Zwar meist umgeben von landwirtschaftlichen Flächen, spielt der primäre Sektor als Arbeitgeber hingegen kaum mehr eine Rolle für die lokale Wirtschaft – in manchem Dorf gibt es heute nicht eine einzige Landwirtin und nicht einen einzigen Landwirt mehr im Haupterwerb. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass kaum ein Prozess das Aussehen und die Funktion heutiger Dörfer in Deutschland so verändert hat wie der Strukturwandel der Landwirtschaft – also Prozesse der Mechanisierung, Rationalisierung und Intensivierung, die seit den 1950er Jahren (und teilweise bereits früher) zu einer langfristigen und außerordentlich starken Verringerung der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, zur Auflösung kleinbäuerlicher Betriebe und zur Steigerung der Produktivität landwirtschaftlicher Betriebe beigetragen haben.


Parallel zu diesem Strukturwandel erfolgte eine Urbanisierung der Gesamtgesellschaft und die infrastrukturelle „Möblierung“ des Dorfes – also ihre Ausstattung etwa mit Schulen, Gemeinschaftshäusern und technischen Infrastrukturen.  Heute sind Dörfer durch eine gemischte Sozialstruktur gekennzeichnet, Pendeln ist der Normalfall. Ihre Zusammensetzung in altersstruktureller Hinsicht hängt stark von der geographischen Lage des Dorfes (etwa hinsichtlich der Nähe zu einem Ballungszentrum) und der demographischen Entwicklung der jeweiligen Region ab: So gibt es Dörfer, in denen ältere Bevölkerungsgruppen überwiegen, und andere, in denen auch viele Familien mit Kindern leben. Deren Arbeitsorte befinden sich heute in aller Regel nicht mehr im Dorf, und Pendeln zum Arbeitsplatz und zu Versorgungseinrichtungen ist der Normalfall. Die Lebensverhältnisse in verschiedenen Dörfern bundesweit sind unter anderem Gegenstand eines einzigartigen Langzeitforschungsprojekts am Thünen-Institut.


Doch wann bezeichnet man eine Siedlung eigentlich als Dorf? Ist dafür allein die Größe und Lage einer Ortschaft relevant, oder sind weitere Merkmale von Bedeutung? Auf diese Fragen gibt es zwar keine allgemeingültigen Antworten, dennoch ist das Dorf nicht beliebig definierbar. In Mitteleuropa, so der Geograph Gerhard Henkel, spricht man von einem Dorf, wenn es sich um eine ländliche Siedlung ab einer Größe von etwa 100 Einwohnerinnen und Einwohner bzw. 20 Hausstätten handelt. Kleinere ländliche Siedlungen werden, je nach Region und Agrarstruktur, beispielsweise als Bauerschaften oder Weiler bezeichnet. Große Dörfer können bis zu 400 Haus- bzw. Hofstätten und über 2.000 Einwohnerinnen und Einwohner haben. Oder auch mehr: So ist die Bevölkerungszahl der teilnahmeberechtigten Siedlungen am bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ (vormals „Unser Dorf soll schöner werden“) seit 1961 konstant auf 3.000 Einwohnerinnen und Einwohner begrenzt. Neben der Bevölkerungszahl sind es die landwirtschaftliche Prägung und eine agrarische Baustruktur – und zwar unabhängig davon, ob die Gebäude heute noch so genutzt werden oder nicht –, die als Bestimmungsmerkmale des Dorfes gelten.


Dörfer gibt es in vielerlei Gestalt und Lage: Da ist das Dorf als ländliche Einzelsiedlung, umgeben von und in Verbundenheit mit der umgebenden Kulturlandschaft. Doch gibt es auch im sogenannten Speckgürtel größerer Städte selbstverständlich Dörfer. Nicht zuletzt sind Dörfer Teil größerer und kleinerer Städte, denn schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts werden sie in übergeordnete administrative Einheiten eingemeindet.

Kleinstädte sind Versorgungs-, Wirtschafts- und kulturelle Zentren ländlicher Räume. Auch als Sitz von Verwaltungen und politischen Gremien spielen sie vielerorts eine wichtige Rolle für ihr Umland. Raumplanerisch wird ihre Bedeutung durch die Zuweisung eines Status als Grund- oder Unterzentrum mit Einrichtungen des Grundbedarfs für die städtische Bevölkerung und ihres Umlands oder als Mittelzentrum, in dem darüber hinaus zentralörtliche Einrichtungen und Angebote zur Deckung des gehobenen Bedarfs vorhanden sind, verstärkt.


Ob eine Stadt als „klein“ gilt, hängt vom Vergleichsmaßstab und von nationalen Konventionen ab. In Dänemark beispielsweise haben Kleinstädte zwischen 1.000 und 5.000, in den USA weniger als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In Deutschland werden Kleinstädte seit 1875 in der amtlichen Statistik als Orte mit 5.000 bis 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ausgewiesen. Noch kleinere Städte werden manchmal als „Landstädte“ bezeichnet, größere gelten als Mittelstädte. Ab 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern werden Siedlungen als Großstädte kategorisiert. Diese rein quantitative Stadtdefinition war im 19. Jahrhundert eine folgerichtige Antwort auf den gesellschaftlichen Megatrend der Urbanisierung im Zuge der Industrialisierung und den Bedeutungsverlust des zuvor so wichtigen rechtlichen Stadtstatus. Noch heute findet diese auf der Bevölkerungszahl basierende Typisierung Verwendung – teils ergänzt um sich wandelnde Zentralitätskriterien. In der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR werden Gemeinden eines Gemeindeverbandes oder eine Einheitsgemeinde als Kleinstadt verstanden, wenn dort entweder 5.000 bis unter 20.000 Einwohnerinnen und Einwohner leben oder wenn ihnen die Regionalplanung eine wenigstens grundzentrale Bedeutung bzw. Teilfunktionen eines Mittelzentrums zugewiesen hat.


Wie im Falle des Dorfes, so ist auch für die Kleinstadt festzuhalten, dass eine relativ geringe Bevölkerungszahl zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium ist. Hinzu kommt eine im Vergleich zu Großstädten weniger dichte, dennoch städtische Art der Bebauung. Diese ist mit einer kleinteiligen und relativ beständigen Eigentümerstruktur verbunden. Typisch für Kleinstädte in Deutschland und bedeutsam für die lokale Identität sind auch historische bauliche Überreste, wie beispielsweise eine Stadtmauer oder ein historisches Rathaus.


Die Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung 1990 waren für den Großteil der Kleinstädte in wirtschaftlich schwachen Regionen mit ausgeprägtem Arbeitsplatzabbau in Industrie und Landwirtschaft, aber auch im öffentlichen Sektor (zum Beispiel in Verwaltungen und beim Militär) verbunden. Das gilt in besonderem Maße für Ostdeutschland, doch war und ist wirtschaftliche Strukturschwäche, verbunden mit negativen Folgen des demographischen Wandels auch ein Kennzeichen für Regionen in den westdeutschen Ländern, etwa in der Nähe zur vormaligen innerdeutschen Grenze. Viele Kleinstädte verloren wichtige Infrastruktureinrichtungen, wie etwa weiterführende Schulen, und mussten Bevölkerungsrückgange insbesondere durch Abwanderungen verkraften. Mit Blick auf neuere Daten konnten Kleinstädte in Westdeutschland seit dem Zensus 2011, genauer gesagt zwischen 2012 und 2019, wieder leichte Bevölkerungsgewinne verzeichnen und die Schrumpfung ostdeutscher Kleinstädte hat sich verringert. Die Zahl der Arbeitslosen im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist im gleichen Zeitraum überall zurückgegangen. Dies liegt nicht nur, aber auch an einer zurückgehenden Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter – eine von vielen Folgen des demographischen Wandels.
Kleinstädte ergänzen die vielfältige Städtelandschaft Deutschlands und verdeutlichen in besonderem Maße, dass „Stadt“ und „Land“ keine absoluten Raumkategorien sind, denn die typische Kleinstadt in Deutschland besteht heutzutage aus einem in den Ursprüngen oft mittelalterlichen Kern und einer kleineren oder größeren Zahl von im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts eingemeindeten Dörfern.

Publikationen

  1. 0

    Laschewski L, Steinführer A, Mölders T, Siebert R (2019) Das Dorf als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Zur Einführung. Ländliche Räume Beitr Lokalen Regionalen Entwickl 5:3-56

  2. 1

    Steinführer A, Porsche L, Sondermann M (eds) (2021) Kompendium Kleinstadtforschung. Hannover: ARL, 339 p, Forschungsber ARL 16

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn063897.pdf

    Expertise

    Gemeindegebietsreformen

    Die Territorial- und hier insbesondere die Gemeindegebietsreformen der vergangenen Jahrzehnte haben Dörfer und Kleinstädte in ländlichen Räumen grundlegend verändert. Tausende Dörfer und nicht wenige kleinere Städte haben im Zuge großflächiger Veränderungen ihrer Gebietsstände die politische und administrative Eigenständigkeit verloren.

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    Gemeindegebietsreformen

    „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012“ – eine einzigartige Langzeitstudie

    Seit den 50er Jahren werden zehn wetsdeutsche Gemeinden regelmäßig untersucht, vier ostdeutsche Kommunen ergänzen die Lanzeitstudie seit den 1993. Längsschnittanalysen wie diese sind in der Sozialforschung sehr selten, denn Aufwand und Kosten sind hoch, und die Kontinuität kann nicht immer gewährleistet werden.

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    Projekte

    Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel

    „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“ untersucht die Alltagswelt und die Entwicklung in 14 Dörfern und deren Umland in Deutschland - und das bereits seit 1952. Anfänglich auf 10 westdeutsche Dörfer bezogen, wurde die Studie 1992 um vier ostdeutsche Dörfer erweitert. Die 2012 begonnene Studie wird im Verbund von insgesamt sieben Forschungseinrichtungen durchgeführt und vom Thünen Institut für Ländliche Räume koordiniert.

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    Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel

    Kleinstädte im siedlungsstrukturellen und soziodemographischen Wandel

    Kleinstädte sind Ankerpunkte in ländlichen Räumen – zumindest im planerischen Ideal. In der Realität ergibt sich hinsichtlich ihrer Struktur und Funktionen sowie der kommunalen Handlungsspielräume ein weitaus vielfältigeres Bild.

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    Kleinstädte im siedlungsstrukturellen und soziodemographischen Wandel

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