Weiter zum Inhalt
Dossier

Aktuelle Lage der Welternährung

Daniela Weible und Aida González-Mellado | 10.10.2022


MA Institut für Marktanalyse

Das Hauptziel ist klar definiert: bis 2030 den Welthunger und die Unterernährung in all seinen Formen zu beenden. Die Herausforderungen, dieses Ziel zu erreichen, sind jedoch mit der COVID-19-Pandemie, den Folgen des Klimawandels und vor allem aufgrund von Gewaltkonflikten gewachsen.

Die landwirtschaftliche Produktion hat eine tragende Rolle, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Die nachhaltige Nutzung knapper Ressourcen sowie Umwelt-, Natur-, Klima- und Tierschutzaspekte machen erhebliche Fortschritte in der Produktivität der Landwirtschaft erforderlich. Dazu zählen auch neue Technologien. Dies gilt insbesondere für zahlreiche Entwicklungsländer.

Nicht zu vergessen ist der Handel mit Agrargütern und Nahrungsmitteln. Er trägt dazu bei, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, indem er Defizite in der lokalen Erzeugung ergänzt und Devisen erwirtschaftet.

Für die weltweite Ernährungssicherung ist daher noch einiges zu tun. Um nur einige Ansatzpunkte von vielen herauszugreifen:

 

  • Wir brauchen mehr Nahrungsmittel und eine gerechtere Verteilung von Nahrungsmitteln
  • Alle Menschen benötigen das Wissen, in welchen Kombinationen und Mengen die vorhandene Nahrung zur Gesundheit beiträgt
  • Wir brauchen eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten in westlichen Ländern: das umfasst eine Reduktion der übermäßigen Zufuhr von Nahrungsenergie und die Förderung pflanzenbasierter Ernährungsweisen
  • Im globalen Süden benötigen wir insbesondere eine bessere Verfügbarkeit von nährstoffreichen Lebensmitteln
  • Wir brauchen insgesamt nachhaltige, gesunde und resiliente Ernährungssysteme
  • Wir benötigen sowohl nationale als auch internationale Politiken, die eine gesunde Ernährung für alle ermöglichen

Die Zahl der von Hunger betroffenen Menschen auf der Welt lag im Jahr 2021 bei ungefähr 768 Millionen Menschen. Nachdem im Schatten der COVID-19-Pandemie die Zahl der Unterernährten bereits in 2020 um 103 Millionen gestiegen war, kamen somit weitere 46 Millionen dazu. Das sind die stärksten jährlichen Anstiege seit Jahrzehnten. Neben der unzureichenden Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen prägt das Problem der zunehmenden Überernährung das Bild der Welternährung.

Diese Zahlen werden jährlich von der FAO zusammen mit IFAD, UNICEF, WFP und WHO im Bericht The State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI) veröffentlicht. Dabei definiert die FAO Unterernährung als einen Mangel an Energiezufuhr durch Nahrung, weil zu wenige Kalorien aufgenommen werden. Eine mangelhafte Aufnahme von bestimmten Makro- und Mikronährstoffen sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Das Minimum an Kalorien, das jeder Mensch für ein gesundes und produktives Leben benötigt, variiert dabei von Mensch zu Mensch. Es ist abhängig von Geschlecht, Alter, Statur und körperlicher Aktivität und bewegt sich zwischen etwa 1.650 und mehr als 2.000 Kilokalorien pro Person und Tag.

In der 2022er Ausgabe des Berichts werden prognostizierte Werte für die Zahl der von Hunger betroffenen Menschen für das Jahr 2021 als Spanne zwischen 701 und 828 Millionen dargestellt. Diese Spanne hat sich im Jahr 2021 vergrößert, was auf die unerwartete Krise durch die Corona-Pandemie zurückzuführen ist.

Besonders ernst ist die Situation in Afrika

Die akute Ernährungsunsicherheit in Afrika war von 2019 auf 2021 um mehr als 22 Prozent durch die Auswirkungen von COVID-19 sowie anderer Ereignisse (Konflikte und politische Instabilität) gestiegen. Bisher wurde die absolute Zahl an Unterernährten betrachtet. Um aber zu erfahren, wie es sich mit der Unterernährung in einem Land bzw. in einer Region verhält, hilft es, sich die Prävalenzen (hier: die Häufigkeit, dass Unterernährung auftritt) anzusehen.

Knapp 10 Prozent der Bevölkerung weltweit war im Jahr 2021 von Hunger bedroht. Afrika hat die höchste Prävalenz (20,2 Prozent) im Vergleich zu anderen Regionen. Es folgen Lateinamerika und die Karibik (8,6 Prozent) und Asien (9,1 Prozent). Alle Regionen haben von 2020 auf 2021 ähnliche Zuwächse (0,4 bis 0,6 Prozentpunkte) zu verzeichnen.

Von der Gesamtzahl der unterernährten Menschen im Jahr 2021 leben mehr als die Hälfte (425 Millionen) in Asien und mehr als ein Drittel (278 Millionen) in Afrika, während Lateinamerika und die Karibik etwa 7 Prozent (57 Millionen) ausmachen.

Prävalenz für Unterernährung (%)2005201020152020*2021*
Welt12,38,68,09,39,8
Afrika20,716,515,819,620,2
Nordafrika8,46,45,25,96,9
Subsahara-Afrika23,918,918,322,723,2
Ostafrika33,826,524,430,229,8
Zentralafrika34,926,026,330,432,8
Westafrika12,29,910,113,213,9
Südliches Afrika4,95,87,49,19,2
Asien13,99,18,08,69,1
Zentralasien14,06,03,83,13,1
Ostasien6,8<2,5<2,5<2,5<2,5
Südostasien17,210,97,85,86,3
Südasien20,515,314,115,916,3
Westasien7,85,99,610,110,0
Lateinamerika und Karibik9,36,65,88,08,6

 Anmerkung: Werte mit * sind prognostizierte Werte. Quelle: FAOSTAT 2022.

 

Die Tabelle zeigt, dass im Jahr 2021 Unterernährung in Subsahara-Afrika im Vergleich zu Asien mehr als doppelt so häufig vorkam. Besonders betroffen waren die Länder Ost- und Zentralafrikas mit einer Prävalenz von 29,8 bzw. 32,8 Prozent. Nachdem diese beiden Regionen Afrikas zunächst große Fortschritte in der Beseitigung von Hunger zu verzeichnen hatten, ist seit 2018 ein gegenläufiger Trend zu beobachten. Dieser Trend ist in den letzten beiden Jahren besorgniserregend stark ausgefallen.

In Asien ist ein ähnlicher gegenläufiger Trend in den Ländern Südasiens zu beobachten. So stieg hier die Prävalenz von 12 Prozent im Jahr 2018 auf 16,9 Prozent im Jahr 2021. Zentral-, Ost- und Südostasien konnten seit 2005 die Anteile der unterernährten Bevölkerung deutlich verringern und blieben auch auf einem vergleichsweisen geringen Niveau.

Um die Lage der Welternährung angemessen beurteilen zu können, bedarf es mehr als die Kalorienversorgung in den Blick zu nehmen. Denn neben der offensichtlichen Unterversorgung mit Energie bzw. Kalorien stellt der Mangel an Mikronährstoffen weltweit ein ebenso großes Problem dar. Auch wenn seine Auswirkungen auf die Gesundheit und die körperliche und geistige Entwicklung weniger offensichtlich sind.

In erster Linie zählen Vitamine und Mineralstoffe zu den Mikronährstoffen. Mikronährstoffe sind genauso essentiell wie die Makronährstoffe Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß und sind am Stoffwechsel innerhalb der Zellen beteiligt, etwa am Zellwachstum, an der Nervenreizleitung und an der Bildung von Sekreten und Botenstoffen.

Weltweit leiden mehr als zwei Milliarden Menschen vor allem Kinder unter Mikronährstoffmangel. Am häufigsten verbreitet ist der Mangel an Jod, Eisen, Vitamin A und Zink, wobei der Mangel an einem Mikronährstoff häufig in Kombination mit dem Mangel an anderen Mikronährstoffen auftritt.

Subsahara-Afrika und Südasien besonders betroffen

Geografisch gesehen sind Subsahara-Afrika und Südasien die Hotspots des versteckten Hungers. Insbesondere Schwangere (Daten hier nicht angegeben), Kinder und Jugendliche sind häufig betroffene Bevölkerungsgruppen. So können geschätzte 1,1 Millionen der jährlich 3,1 Millionen durch Unterernährung verursachten Todesfälle bei Kindern auf einen Mangel an Mikronährstoffen zurückgeführt werden.

Im Gegensatz zum offensichtlichen Hunger ist der versteckte Hunger aber auch in Industrieländern weit verbreitet. Bei Teilen der deutschen Bevölkerung kann beispielsweise häufig eine mangelnde Aufnahme von Jod, Folsäure, Vitamin D oder Calcium festgestellt werden. Eine vielfältige Ernährung mit nährstoffreichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Samen und Nüssen ist wichtig für eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen. Auch tierische Produkte wie Eier, Fisch, Fleisch und Milchprodukte tragen dazu bei.

In vielen Ländern des globalen Südens ist für die Bevölkerung eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung oft nicht möglich, da Lebensmittel in dieser Produktbreite nicht verfügbar sind oder die Haushalte sie sich trotz ihrer Verfügbarkeit schlichtweg nicht leisten können.

Auf der anderen Seite haben viele Menschen Zugang zu einer breiten Palette an Lebensmitteln, sind sich aber der großen Bedeutung einer vielfältigen Ernährung nicht bewusst und nehmen daher das Lebensmittelangebot nicht wahr. Unter- und Mangelernährung sind häufig das Ergebnis eines Teufelskreises aus fehlendem Einkommen, Armut, Krankheit und ungenügender Bildung.

In vielen Länder treten 3 Formen der Fehlernährung gleichzeitig auf: Das sind Unterernährung, Übergewicht und Mikronährstoffmangel. In Ozeanien (ohne Australien und Neuseeland) lag beispielsweise die Prävalenz der akuten Unterernährung im Jahr 2020 bei 9,0 Prozent während die Prävalenz von Übergewicht 8,0 Prozent betrug. Auch kann die dreifache Last innerhalb einer Familie auftreten. Ein Beispiel dafür ist eine Familie mit einer übergewichtigen Mutter mit Eisenmangel und einem unterentwickelten Kind.

Fehlernährung ist heutzutage in vielen Ländern unabhängig vom Wohlstand weit verbreitet. Die starke Zunahme an Übergewichtigen in Europa oder Nordamerika ist wenig erstaunlich. Vielmehr überrascht es, dass dieser Trend auch in Regionen zu beobachten ist, die stark von Unter- und Mangelernährung betroffen sind.

Übergewicht nimmt mit besonders steilen Aufwärtstrends bei Kindern im Schulalter und bei Erwachsenen in allen Altersgruppen zu. Keine Weltregion ist von diesem Problem ausgenommen. Im Jahr 2018 waren weltweit 39 Prozent der Erwachsenen übergewichtig. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch knapp 31 Prozent.

Der Übergang der Ernährung in Ländern des globalen Südens weg von traditionellen Ernährungsweisen, die auf wenig verarbeiteten Lebensmitteln basieren, hin zu stark verarbeiteten, energiedichten, nährstoffarmen Lebensmitteln wird als „nutrition transition“ bezeichnet.

Diese Ernährungsgewohnheiten tragen wesentlich zur Verbreitung von nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Daher rückt die Rolle des Ernährungsumfelds bei der Gestaltung der sich ändernden Ernährungsweisen und die unterschiedlichen Facetten der Fehlernährung nun zunehmend in den Blickpunkt der Politik.

Aktuell leben fast 7,9 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst zurzeit jährlich um rund 83 Millionen Menschen. Das Department of Economic and Social Affairs der Vereinten Nationen berechnet Prognosen zum Wachstum der Bevölkerung und stellt diese in einem 95-Prozent-Intervall (mittleres Szenario) dar. Je weiter man sich auf der Zeitachse nach rechts bewegt, desto ungenauer werden die Prognosen auf Grund von Unsicherheiten (z. B. Dürren, Erdbeben, Konflikte etc).

Wie in der Grafik dargestellt, wird das Bevölkerungswachstum in Afrika bis 2100 deutlich zunehmen, während es ab 2050 in Europa, Ozeanien und Amerika stagniert. Die weltweite Bevölkerungsentwicklung unter der Annahme einer moderaten Geburtenrate wird im Jahr 2050 bei 9,5 Milliarden bzw. im Jahr 2100 bei 10,4 Milliarden liegen.

Expertise

Fahrplan für die Zukunft: Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ist auch bekannt unter dem Namen „Sustainable Development Goals“ oder den 17 Zielen. Was sich dahinter verbirgt und zu welchen Schwerpunkten das Thünen-Institut arbeitet, erfahren Sie hier.

Mehr erfahren
Fahrplan für die Zukunft: Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Nach oben