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Kommentar

Wie umgehen mit den Waldschäden?

Andreas Bolte, Bernd Degen und Matthias Dieter | 06.12.2019


WO Institut für Waldökosysteme
WF Institut für Waldwirtschaft FG Institut für Forstgenetik

Deutschlands Wälder leiden. Nach drei extrem heißen und trockenen Sommern in Folge sind 171 Millionen Kubikmeter Schadholz angefallen; nach Angaben des BMEL muss eine Fläche von 277.000 Hektar wiederbewaldet werden (Stand: 31.12.2020). Für die größten Waldschäden seit mehr als 80 Jahren sind neben den direkten Wirkungen von Trockenheit und Hitze vor allem Borkenkäfer, Insekten sowie Pilze verantwortlich.

Wie soll mit den Waldschäden umgegangen werden? Wiederaufforsten oder die Flächen der Natur überlassen? Darüber herrscht Uneinigkeit, und es gibt auch kein Patentrezept. Wo Pionierbaumarten wie Birke, Aspe oder Eberesche ein hohes Entwicklungspotenzial haben, kann es durchaus sinnvoll sein, diese als Folgebestand zu übernehmen oder als schützenden Vorwald für später gepflanzte Bestände zu nutzen. Auf Flächen mit Tendenz zu Ausbreitung von konkurrenzstarken Gräsern oder Kleinsträuchern wie Brombeere ist hingegen eine schnelle Wiederaufforstung zu empfehlen.

Und wofür sollen die Hunderte Millionen Euro Hilfsgelder von Bund und Ländern sinnvoll ausgegeben werden? Sicherlich nicht nur für die Beseitigung der aktuellen Schäden, sondern vor allem für eine umfassende Anpassung der Wälder an den Klimawandel und die daraus resultierende Versorgung der Holzwirtschaft mit gut verwertbaren Holzarten. Für die Wiederaufforstung wird forstliches Vermehrungsgut aus Gebieten benötigt, die heute schon ähnliche Umweltbedingungen haben, wie sie bei uns zukünftig zu erwarten sind („Assisted Migration“). Auch Naturverjüngung ist eine Option zur langfristigen Anpassung an den Klimawandel. Sie ist aber mit hohem Risiko verbunden, denn der Klimawandel lässt den Baumarten nicht genügend Zeit, sich anzupassen – insbesondere, wenn die genetische Basis des Ausgangsbestandes unzureichend ist.

Umbau von Reinbeständen

Eine wichtige Maßnahme zur Klimaanpassung der Wälder ist der Umbau von Fichtenreinbeständen in mittleren bis oberen Berglagen zu Misch- und Laubwäldern. Durch den Einsatz von zuwachsstarken Nadelbaumarten wie Weißtanne, Douglasie, Küstentanne in Mischung mit Laubbäumen kann die Produktivität in den Berglandregionen verbessert werden. Denn Wald ist nicht nur Natur-, sondern auch Wirtschaftsraum; die Forstwirtschaft erzielt ihre Einkünfte zum überwiegenden Teil aus der Vermarktung von Holz. Die Umbaumaßnahmen sollten daher auch als Chance für Anbauversuche mit unterschiedlichen Holzarten gesehen werden.

Im Tiefland und in wärmeren unteren Berglandlagen sollte die Walderhaltung im Vordergrund stehen. Wichtige Optionen sind dabei zum einen die Verwendung toleranter Herkünfte aus den Randbereichen des Verbreitungsgebiets unserer heutigen Hauptbaumarten sowie die gezielte Züchtung von besser klimaangepasstem Vermehrungsgut. Zum anderen könnten bisherige Nebenbaumarten wie Esskastanie, Elsbeere, Winterlinde sowie frostharte Baumarten südeuropäischer Verbreitung wie Orientbuche oder Ungarische Eiche stärker genutzt werden. Exoten aus trocken-warmen Klimaten anderer Kontinente bilden die letzte Möglichkeit der Walderhaltung.

Unbedingt notwendig ist ein forstliches Versuchswesen mit Baumarten-, Herkunfts- und Management-Experimenten, das an die Walderhaltung und den künftigen Rohholzbedarf ausgerichtet ist. Zusätzlich sind Forschungs-Praxis-Netzwerke gefragt – sie ermöglichen den schnellen Austausch neuer Erkenntnisse zwischen Wissenschaft und Praxis.

Prof. Dr. Andreas Bolte ist Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme, Dr. Bernd Degen ist Leiter des Thünen-Instituts für Forstgenetik, Prof. Dr. Matthias Dieter ist Leiter des Thünen-Instituts für Waldwirtschaft.

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