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Expertise

Bestandsuntersuchungen und Surveys

Von Patrick Polte, Norbert Rohlf, Matthias Schaber, Michael Welling


SF Institut für Seefischerei
OF Institut für Ostseefischerei

Bestandsuntersuchungen sind das Rückgrat für wissenschaftlich abgesicherte Fangempfehlungen. Auf verschiedenen Herings-Surveys erhebt das Thünen-Institut wichtige Daten.

Die Genauigkeit einer Bestandsberechnung hängt ab von der Qualität der Eingangsdaten und der Güte des verwendeten Modells. Deshalb versuchen wir, die biologischen Grunddaten so präzise und umfassend wie möglich zu erheben. Unsere Quellen sind

  • Daten der Fischer über Fänge und Anlandemengen (z.B. Logbücher und Anlandeerklärungen),
  • Biologische Daten über die Fangzusammensetzung und Rückwürfe von unseren Seebeprobungen auf kommerziellen Fischereifahrzeugen,
  • eigene, regelmäßige Surveys mit den bundeseigenen Fischereiforschungsschiffen, um Informationslücken der anderen Datenquellen zu füllen und repräsentativ die gesamten Verbreitungsgebiete abzudecken. Diese Surveys liefern, z.B. mit den Daten zur Nachwuchsproduktion, wesentliche Informationen für die Bestandsberechnungen.

Auf diese Weise gewinnen wir langjährige Zeitreihen zur Entwicklung und Altersstruktur der Bestände als Basis für die modellgestützte Berechnung von Bestandsgrößen und für die Prognosen zukünftiger Fangmengen.

Da sich Fischbestände über weite Meeresgebiete verteilen können und sich bei ihren Wanderungen nicht an Grenzen der jeweiligen Hoheitsgewässer halten, ist Fischereiforschung in Europa ein internationales Unterfangen. Unsere Ergebnisse fließen mit den Ergebnissen anderer Länder beim Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) zusammen. Hier werden mithilfe mathematischer Modelle jedes Jahr valide Einschätzungen zum Zustand der verschiedenen Fischbestände im Nordostatlantik (einschließlich Nordsee und Ostsee) gegeben und wissenschaftlich abgesicherte Fangempfehlungen erarbeitet. Auf Basis dieser Empfehlungen entscheiden alljährlich die Fischereiministerinnen und -minister der EU bzw. der Nicht-EU-Mitgliedstaaten die Fangquoten für das kommende Jahr.

Eine Übersicht über den Zustand kommerziell wichtiger Fischbestände in Nordsee, Ostsee und Nordatlantik gibt das Portal Fischbestände online. Derzeit sind dort 180 Bestände von 40 Arten aufgeführt – unter anderem auch des Herings.

Hering-Surveys

Alljährlich unternimmt das Thünen-Institut Forschungsfahrten in die Ostsee und Nordsee, um mit standardisierten Methoden die verschiedenen Heringsbestände zu untersuchen. Das Interesse gilt dabei sowohl den erwachsenen Tieren als auch dem Nachwuchs.

Seit 1977 ermitteln das Thünen-Institut für Ostseefischerei bzw. seine Vorgänger-Institute die Dichte der Heringslarven im Greifswalder Bodden und Strelasund, dem Haupt-Laichgebiet des Herings der westlichen Ostsee – seit 1992 jährlich und immer nach dem gleichen Standard. Die Anzahl älterer Larven ermöglicht eine frühe Vorhersage der Jahrgangsstärke und damit der Fischereimöglichkeiten drei Jahre später, wenn diese Heringe erwachsen sind.

Der Aufwand der Probennahme ist erheblich: Rund 16 Wochen lang werden jede Woche mindestens 35 Stationen beprobt, insgesamt also mehr als 560 Stationen. Das Bongonetz ist das wesentliche Probennahmegerät.

Der RHLS ist für 2022 von Mitte Februar bis Ende Juni mit dem Forschungsschiff Clupea vorgesehen (363. Reise). Im November findet noch eine zusätzliche Forschungsreise statt, auf der das Vorkommen und die Verteilung von Heringslarven aus Herbstlaicher-Beständen erfasst wird.

In den letzten Jahren ging die Anzahl an Larven massiv zurück. Der weltweit einmalige ökologische Datensatz des Heringslarven-Surveys half, die Ursachen dafür zu verstehen: Es ist vor allem die Erwärmung des Meerwassers im Winter, die für den Rückgang der Heringslarven verantwortlich ist.

Der internationale Heringslarven-Survey in der Nordsee (IHLS) wird in der jetzigen Form seit 1972 durchgeführt. An dem Survey, der vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) koordiniert wird, beteiligen sich neben Deutschland aktuell noch die Niederlande. In der fast 50-jährigen Historie des IHLS haben sich nahezu alle Nordsee-Anrainerstaaten zumindest ein paar Jahre beteiligt, sogar die ehemalige DDR, die selbst keine Berührung mit der Nordsee hatte. Seit Anfang der 1990er-Jahre sind viele Nationen auf den damals aufkommenden Hydroakustik-Survey (s.u.) umgeschwenkt.

Das Thünen-Institut für Seefischerei erfasst auf den IHLS-Reisen die Häufigkeit und Verteilung von Heringslarven auf den Hauptlaichplätzen in der Nordsee. Die Anzahl an frisch geschlüpften Heringslarven steht in einem Verhältnis zu der Menge an Elterntieren, die sich am Laichgeschäft beteiligt haben, und lässt Rückschlüsse auf die Größe des Laicherbestandes zu. Die Ergebnisse sind daher eine wichtige Grundlage für die Festlegung der wissenschaftlichen Fangquotenempfehlung für den Nordseehering.

Die IHLS-Reisen finden jeweils im Januar im Ärmelkanal und im September in der nördlichen Nordsee statt und werden mit dem Forschungsschiff Walther Herwig III durchgeführt (Reisen 2021: 442. Reise und 449. Reise).

Seit 1987 nimmt das Thünen-Institut an der internationalen Hydroakustik-Aufnahme von pelagischen Fischbeständen in der Ostsee teil (BIAS). Hydroakustik bedeutet hier die Nutzung von Unterwasserschall durch den Einsatz wissenschaftlicher Echolote. Aus Messdaten von Echoloten in Kombination mit biologischen Informationen aus Netzfängen lassen sich die räumliche Verteilung und die Bestandsdichte von Schwarmfischen wie Hering und Sprotte ermitteln.

Im Rahmen des BIAS deckt Deutschland als Arbeitsgebiet das Kattegat und die westliche Ostsee mit Belten und Sund ab. Die von Deutschland und Dänemark gewonnen Daten werden direkt als Bestands-Index für die Berechnung der Biomasse des Frühjahrslaicher-Herings der westlichen Ostsee und – zusammengefasst mit den Daten anderer Länder – der Ostseesprotte eingesetzt.

Die letzte BIAS-Reise wurde im Oktober 2021 mit dem Forschungsschiff Solea (798. Reise) durchgeführt.

Der Nordsee-Akustiksurvey wird seit 1979 durchgeführt. An der internationalen, vom ICES koordinierten Hydroakustik-Aufnahme des Herings nehmen neben dem Thünen-Institut für Seefischerei auch Forschungseinrichtungen aus Dänemark, den Niederlanden, Norwegen, Irland und Schottland teil. Der HERAS liefert die wichtigsten fischereiunabhängigen Daten für die Bestandsberechnung des Nordseeherings und zweier westbritischer Bestände. Er deckt ein großräumiges Gebiet vom Kattegat und Skagerrak über die Nordsee bis nordwestlich der britischen Inseln ab.

Im Rahmen des HERAS ist das Arbeitsgebiet des deutschen Schiffes die Deutsche Bucht und die südliche Nordsee bis zum Eingang des Englischen Kanals.

Neben dem Hering als primärem Untersuchungsobjekt werden auch die Sprottenbestände erfasst und – je nach Nachweis – das Vorkommen und die Verbreitung von Sardelle und Sardine im Untersuchungsgebiet.

Der HERAS wird alljährlich im Sommer durchgeführt, zuletzt Ende Juni bis Mitte Juli 2021 mit dem Forschungsschiff Solea (794. Reise).

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