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Pressemitteilung

Bundestagswahl: Ländlichkeit und Wahlverhalten

Thünen-Institut legt räumlich differenzierte Analyse der Zweitstimmenergebnisse mit Schwerpunkt auf ländliche Räume vor – Deutlicher Ost-West-Unterschied

Ein symbolischer Stimmzettel mit einem Stift darauf
© stock.adobe.com - Wolfilser

Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 wurde öffentlich diskutiert, ob Bürgerinnen und Bürger in ländlichen Räumen anders wählen als jene, die in großen Städten wohnen. Insbesondere ging es um die Frage, ob Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) dadurch erklärt werden könnten, dass sich ganze Regionen „abgehängt“ fühlten. Das Thünen-Institut für Ländliche Räume in Braunschweig hat deshalb die Ergebnisse der Bundestagswahlen 2017 und 2021 in Beziehung gesetzt zur Ländlichkeit der einzelnen Gemeinden und Kreise.

Bei der Analyse der Bundestagswahlergebnisse 2017 zeigte sich, dass der angenommene Zusammenhang zwischen der Ländlichkeit einer Region und einem hohen AfD-Wahlergebnis nur bedingt bestätigt werden kann. Es manifestierte sich allerdings ein deutlicher Ost-West-Unterschied. Während in den ostdeutschen Bundesländern insbesondere eher ländliche Gemeinden ein deutlich höheres AfD-Wahlergebnis als urbane Gemeinden aufwiesen, galt dieser Zusammenhang für westdeutsche Gemeinden nicht. Hier wiesen sehr ländliche Gemeinden ein ähnliches oder sogar niedrigeres AfD-Wahlergebnis auf als eher ländliche und urbane Gemeinden.

Auch die jüngste Bundestagswahl vom 26. September 2021 hat das Thünen-Institut zum Anlass genommen, die Zweitstimmenergebnisse aller in den Bundestag gewählten Parteien räumlich differenziert auf Gemeinde- und Kreisregionsebene zu analysieren. Dabei untersuchten die Forschenden, welche Unterschiede in den Stimmergebnissen es bezüglich des Faktors „Ländlichkeit“ gibt. Zugrunde liegen dabei der Ländlichkeitsindex des Thünen-Instituts für Ländliche Räume und die Thünen-Typisierung ländlicher Räume (www.landatlas.de).

Die Wahlanalyse 2021 zeigt: Die Zweitstimmenergebnisse der Parteien unterscheiden sich deutlich je nach Ländlichkeit der Gemeinden und auf Kreisregionsebene in Abhängigkeit vom Raumtyp (sehr ländlich, eher ländlich, nicht-ländlich), in dem die Gemeinde liegt (vgl. Tabelle). Große Unterschiede gibt es auch zwischen Ost- und Westdeutschland, wie Volkswirt Torsten Osigus vom Thünen-Institut ausführt: „Auffällig ist, dass sowohl die Linke als auch die AfD in Ostdeutschland eindeutig stärker ist, während die Grünen und die CDU dies in Westdeutschland sind. Bei der FDP und besonders bei der SPD fallen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland am geringsten aus.“

Zum unterschiedlichen Wahlverhalten in ländlichen und urbanen Räumen sagt der Soziologe Dr. Andreas Klärner: „Einen ausgeprägten Zusammenhang zwischen dem Grad der Ländlichkeit auf Gemeindeebene und dem Stimmenanteil finden wir zum Beispiel bei den Grünen. Verallgemeinert kann man hier sagen: je ländlicher eine Gemeinde, desto geringer der Stimmenanteil der Grünen. Dies gilt für Ost- wie Westdeutschland gleichermaßen.“ Anders bei der AfD: Vor allem in den ostdeutschen Gemeinden steigt ihr Stimmenanteil mit zunehmender Ländlichkeit, allerdings nur bis zu einem bestimmten Ländlichkeitswert: In den eher ländlichen Gebieten erreicht sie mit 24,3 Prozent der Zweitstimmen einen höheren Wert als in den sehr ländlichen Gebieten mit 22,7 Prozent. Andreas Klärner dazu: „Unsere Ergebnisse widersprechen der allzu einfachen Gleichung, je ländlicher eine Region ist, desto abgehängter fühlen sich die Menschen dort und umso mehr wählen sie auch die AfD. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, welchen Einfluss die Ländlichkeit des Wohnortes tatsächlich auf das Wahlverhalten hat. Sicher aber ist, dass Ländlichkeit nur ein Faktor unter mehreren ist, der dieses Wahlverhalten beeinflusst.“

Auf Ebene der Kreisregionen weisen CDU/CSU, AfD und „sonstige Parteien“ in eher ländlichen und sehr ländlichen Räumen deutlich höhere durchschnittliche Stimmenanteile auf als in nicht-ländlichen Räumen. Umgekehrt bei den Grünen und den Linken: Sie erzielen in nicht-ländlichen Räumen deutlich höhere Anteile als in den beiden ländlichen Regionstypen. Relativ ausgeglichen über die Regionstypen sind die Stimmenergebnisse von SPD und FDP.

Die Ergebnisse der Analysen sind im Thünen Working Paper 181 (für 2021) bzw. in der Schriftenreihe des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (für 2017) erschienen.

Original-Publikationen:
Klärner A, Osigus T (2021) Ergebnisse der Bundestagswahl 2021: ländliche Räume im Fokus. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 35 p, Thünen Working Paper 181, DOI:10.3220/WP1634627943000, https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-workingpaper/ThuenenWorkingPaper_181.pdf 
Deppisch L, Klärner A, Osigus T (2019) Ist die AfD in ländlichen Räumen besonders erfolgreich? In: Dieckmann J (ed), Wissen schafft Demokratie. Ländlicher Raum: Jena, pp 75-87, https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn061129.pdf 

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