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Projekt

Tiergerechte Milchviehhaltung – Das Ergebnis messen und honorieren


Federführendes Institut BW Institut für Betriebswirtschaft

Tiergerechtheit wird anhand verschiedener Indikatoren gemessen: Zum einen sind das ressourcenbezogene Indikatoren wie die Ausstattung des Stalls mit Liegebox...
© Jan Brinkmann
Tiergerechtheit wird anhand verschiedener Indikatoren gemessen: Zum einen sind das ressourcenbezogene Indikatoren wie die Ausstattung des Stalls mit Liegebox...

Indikatoren für eine ergebnisorientierte Honorierung von Tierschutzleistungen

Die meisten Verbraucher wünschen sich Umfragen zufolge, dass Nutztiere „artgerecht“ gehalten werden. Aber wie lässt sich tiergerechte Haltung am Besten messen und über agrarpolitische Instrumente fördern? Dieser Frage geht unser Forschungsprojekt nach. Es wird von den Thünen-Instituten für Ökologischen Landbau und Betriebswirtschaft gemeinsam durchgeführt. Vor diesem Hintergrund entwickeln wir exemplarisch für den Bereich Milchvieh ein Konzept dafür, wie tiergerechte Nutzierhaltung im Rahmen der Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum sowie für den Ökologischen Landbau ergebnisorientiert honoriert werden kann.

Hintergrund und Zielsetzung

Die Richtlinien und Kontrollen im Ökologischen Landbau und bei den Fördermaßnahmen der Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum (EPLR) zur Förderung umwelt- und tiergerechter Haltungsverfahren sind bislang ausschließlich handlungsorientiert. Das bedeutet, dass es konkrete Vorgaben zum Beispiel zu Weidegang, Einstreu oder der Liegeboxengröße gibt. Diese müssen Landwirte und Landwirtinnen umsetzen, um in den Genuss von Prämien zu kommen oder als Biobetrieb anerkannt zu werden. So können gute Voraussetzungen für wichtige Aspekte des Tierverhaltens geschaffen werden, der tatsächliche Zustand der Tiere (Gesundheit und Verhalten) bleibt aber unberücksichtigt. Vor diesem Hintergrund entwickeln wir exemplarisch für den Bereich Milchvieh ein Konzept dafür, wie tiergerechte Nutzierhaltung im Rahmen der Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum sowie für den Ökologischen Landbau ergebnisorientiert honoriert werden kann.

Vorgehensweise

Im Rahmen des Projektes wurde zunächst anhand einer Literaturanalyse geprüft, welche Verfahren der ergebnisorientierten Honorierung sich im Umweltbereich bereits bewährt haben und wie diese auf eine Tierwohl-Förderung übertragen werden können.

Anschließend initiierten wir auf Basis literaturgestützter Vorarbeit eine schriftliche Delphi-Befragung um geeignete Indikatoren zur Messung der Tiergerechtheit in der Milchviehhaltung zu identifizieren. Bei der Auswahl der wichtigsten tierbezogenen Indikatoren zur Bewertung des Tierwohls unterstützten uns 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die ausgewählten Indikatoren wurden in einem Workshop im Mai 2013 in Braunschweig mit ca. 30 Fachleuten aus Beratung, Praxis und Verbänden hinsichtlich Aussagekraft und Anwendbarkeit diskutiert.
Diese und weitere tier- und ressourcenbezogene Indikatoren wurden auf ca. 115 Milchviehbetrieben erfasst.

Weitere Arbeitsschritte waren die Entwicklung und Diskussion eines Systems zur Festsetzung von Ziel- und Grenzwerten für die Förderung bzw. den ökologischen Landbau.

Aus den Ergebnissen sollen Empfehlungen für ein ergebnisorientiertes Honorierungsmodell für tiergerechte Haltungsverfahren entwickelt werden.

Daten und Methoden

Als umfassendes Set von Indikatoren wandten wir im Praxisbetrieb die erarbeiteten Indikatoren und das Welfare Quality Protokoll an, um die Tiergerechtheit zu bewerten. Neben den selbst erhobenen Daten fließen Angaben aus dem Herkunfts-Informationssystem Tier (HIT) und der Milchleistungsprüfung (MLP) in die Analysen ein. Wir setzten quantitative statistische Methoden (deskriptive Statistik, multivariate Analysen) sowie qualitative Methoden (Gruppendiskussionen, Inhaltsanalysen) ein. Der Ansatz des Projektes ist sowohl trans- als auch interdisziplinär.

Ergebnisse

Im Rahmen des Projektes wurden 10 Indikatoren identifiziert, anhand derer eine ergebnisorientierte Honorierung von Tierwohlleistungen auf Milchviehbetrieben erfolgen kann. Da sich die ausgewählten Indikatoren ausschließlich auf die Dimension "Gesundheit" des Tierwohls beziehen, wird für die Ausgestaltung einer Fördermaßnahme eine Kombination aus handlungs- und ergebnisorientierten Elementen empfohlen. Diese sollten bspw. den Zugang zu Weide, das Tier-Liegeplatz-Verhältnis sowie den Einsatz von Sedation, Lokalanästhesie und Analgetika bei der Enthornung umfassen. Auf diese Weise kann eine Berücksichtigung der drei Tierwohl-Dimensionen Tiergesundheit, Tierverhalten und Emotionen erreicht werden.

Die 10 für die Fördermaßnahme ausgewählten Indikatoren sind:

Der Anteil Kühe mit

(1) klinischer Lahmheit,

(2) Karpus-/Tarsusveränderungen,

(3) mangelnder Körperkondition,

(4) Integumentschäden,

(5) gebrochenen Schwänzen,

(6) Verschmutzung,

(7) Zellgehalt >400.000 ml-1,

(8) Fett-Eiweißquotienten (FEQ) ≥ 1,5 in der Frühlaktation,

(9) FEQ < 1,0 und

(10) die Mortalitätsrate der Kühe.

Auf der Basis der auf den Praxisbetrieben erhobenen Indikatorenwerte wurde ein Ziel- bzw. Grenzwertesystem für die Indikatoren entwickelt, um praxistaugliche Kontrollstandards zu schaffen. Die folgende Abbildung visualisiert dieses System am Beispiel des Indikators Lahmheit.

 

Für die Festlegung der Förderkriterien sollten Betriebe:

  • eine Prämie für die Indikatoren erhalten, für die der Betrieb zu den 25 % Besten zählt,
  • keine Prämie für die Indikatoren erhalten, aber auch nicht aus der Maßnahme ausgeschlossen werden, für die das Ergebnis dem der mittleren 50 % der Betriebe entspricht,
  • von der Maßnahme ausgeschlossen werden, wenn der Betrieb mit mehr als einem Indikator zu den 25 % Schlechtesten zählt.

Im ökologischen Landbau könnten anstelle eines Prämiensystems Sanktionen wirksam werden: analog zu den beschriebenen Förderkriterien, könnte ein Betrieb mit problematischen Indikatorwerten zur Beratung verpflichtet oder aus der Kennzeichnung mit dem Verbandslabel für Milchprodukte ausgeschlossen werden. Für die Umsetzung einer entsprechenden kombinierten handlungs- und ergebnisorientierten Maßnahme in die Förderpraxis, wird eine wissenschaftlich begleitete „Probephase“ mit einer begrenzten Anzahl an Betrieben empfohlen.


Geldgeber

  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

9.2012 - 3.2016

Weitere Projektdaten

Projektfördernummer: 2811NA026
Förderprogramm: Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN)
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen zum Projekt

  1. 0

    Bergschmidt A, March S, Wagner K, Brinkmann J (2021) A results-oriented approach for the animal welfare measure of the European Union’s rural development programme. Animals MDPI 11(6):1570, DOI:10.3390/ani11061570

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn063645.pdf

  2. 1

    Wagner K, Brinkmann J, Bergschmidt A, Renziehausen C, March S (2021) The effects of farming systems (organic vs. conventional) on dairy cow welfare, based on the Welfare Quality® protocol. Animal 15(8):100301, DOI:10.1016/j.animal.2021.100301

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn063747.pdf

  3. 2

    Bergschmidt A, March S, Mohr R, Renziehausen C, Wagner K, Brinkmann J (2019) Entwicklung einer ergebnisorientierten Tierwohl-Fördermaßnahme für Milchkühe. Ber Landwirtsch 97(2), DOI:10.12767/buel.v97i2.236

  4. 3

    Bergschmidt A, Brinkmann J, Renziehausen C, March S (2017) Evaluating 'Animal Welfare Payments' of the EUs Common Agricultural Policy. In: Jong IC, Koene P (eds) Proceedings of the 7th International Conference on the Assessment of Animal Welfare at Farm and Group Level : WAFL 2017 ; Ede, The Netherlands ; September 5-8, 2017. Wageningen: Wageningen Academic Publ, p 168

  5. 4

    March S, Brinkmann J, Renziehausen C, Bergschmidt A (2017) Indicators for a result-oriented approach for animal welfare policies and organic farming. In: Jong IC, Koene P (eds) Proceedings of the 7th International Conference on the Assessment of Animal Welfare at Farm and Group Level : WAFL 2017 ; Ede, The Netherlands ; September 5-8, 2017. Wageningen: Wageningen Academic Publ, p 178

  6. 5

    March S, Bergschmidt A, Renziehausen C, Brinkmann J (2017) Indikatoren für eine ergebnisorientierte Honorierung von Tierschutzleistungen. Bonn: BÖLN, 280 p

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn058972.pdf

  7. 6

    Bergschmidt A, March S, Renziehausen C, Brinkmann J (2017) Indikatoren für eine Tierwohlkontrolle in Fördermaßnahmen und in der ökologischen Milchviehhaltung. In: Wolfrum S, Heuwinkel H, Reents HJ, Hülsbergen KJ (eds) Ökologischen Landbau weiterdenken - Verantwortung übernehmen, Vertrauen stärken : Beiträge zur 14. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Freising-Weihenstephan, 7. bis 10. März 2017. Berlin: Köster, pp 506-509

  8. 7

    Bergschmidt A (2017) Tierwohl - Definitionen, Konzepte und Indikatoren. Land Raum 30(3):4-6

  9. 8

    Brinkmann J, March S, Bergschmidt A, Renziehausen C, Starosta S, Osterbuhr M, Wagner K (2017) Untersuchungen zum Einfluss der Wirtschaftsweise auf das Tierwohl von Milchkühen auf Basis des Welfare Quality Protokolls. In: Wolfrum S, Heuwinkel H, Reents HJ, Hülsbergen KJ (eds) Ökologischen Landbau weiterdenken - Verantwortung übernehmen, Vertrauen stärken : Beiträge zur 14. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Freising-Weihenstephan, 7. bis 10. März 2017. Berlin: Köster, pp 510-514

  10. 9

    Brinkmann J (2015) Geht es Kühen auf Bio-Betrieben besser? : Interview. Elite(6):5

  11. 10

    Zapf R, Schultheiß U, Achilles W, Schrader L, Knierim U, Herrmann HJ, Brinkmann J, Winckler C (2015) Indicators for on-farm self-assessment of animal welfare - Example: dairy cows. Landtechnik Agric Eng 70(6):221-230, DOI:10.15150/lt.2015.2678

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn056094.pdf

  12. 11

    Zapf R, Schultheiß U, Achilles W, Schrader L, Knierim U, Herrmann HJ, Brinkmann J, Winckler C (2015) Indikatoren für die betriebliche Eigenkontrolle auf Tiergerechtheit - Beispiel Milchkühe. Landtechnik Agric Eng 70(6):221-230, DOI:10.15150/lt.2015.2678

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn055985.pdf

  13. 12

    Brinkmann J, March S, Wagner K, Renziehausen C, Starosta S, Osterbuhr M, Bergschmidt A (2015) Indikatoren für eine ergebnisorientierte Honorierung von Tierschutzleistungen in der Milchviehhaltung. In: Häring AM, Hörning B, Hoffmann-Bahnsen R, Luley H (eds) Beiträge zur 13. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau "Am Mut hängt der Erfolg: Rückblicke und Ausblicke auf die ökologische Landbewirtschaftung". pp 451-454

  14. 13

    Brinkmann J, March S, Wagner K, Renziehausen C, Starosta S, Osterbuhr M, Bergschmidt A (2015) Indikatoren für eine ergebnisorientierte Honorierung von Tierschutzleistungen in der praktischen Milchviehhaltung. In: Gieseke D, Busch G, Ikinger C, Kühl S, Pirsich W (eds) Tierhaltung im Spannungsfeld von Tierwohl, Ökonomie und Gesellschaft : Tierwohl-Tagung in Göttingen ; 7.-8. Oktober 2015. Göttingen: Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, pp 30-33

  15. 14

    Brinkmann J (2015) Tatsächlich erbrachte Leistung fördern : [Interview]. DLG Mitt 130(8):87

  16. 15

    Zapf R, Schultheiß U, Achilles W, Schrader L, Knierim U, Herrmann HJ, Brinkmann J, Winckler C (2015) Tierschutzindikatoren : Vorschläge für die betriebliche Eigenkontrolle. Darmstadt: KTBL, 68 p, KTBL Schr 507

  17. 16

    Bergschmidt A, Renziehausen C, March S, Brinkmann J (2015) Tierschutzwirkungen der Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum - Ergebnisse aus der Evaluierung der Maßnahme "Förderung umwelt- und tiergerechter Haltungsverfahren". In: Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (ed) Herausforderung Tierwohl : KTBL-Tagung vom 13. bis 15. April 2015 in Halle (Saale). Darmstadt: KTBL, pp 208-213

  18. 17

    Bergschmidt A, Renziehausen C, Brinkmann J, March S (2014) Application of the welfare quality protocols for the evaluation of agricultural policies [Poster]. In: Mounier L, Veissier I (eds) Proceedings of the 6th International Conference on the Assessment of Animal Welfare at the Farm and Group Level : WAFL 2014 ; Clermont-Ferrand, France ; September 3-5, 2014. Wageningen: Wageningen Academic Publ, p 201

  19. 18

    Brinkmann J, March S, Renziehausen C, Bergschmidt A (2014) Indicators for a result-oriented approach for animal welfare policies and organic farming [Poster]. In: Mounier L, Veissier I (eds) Proceedings of the 6th International Conference on the Assessment of Animal Welfare at the Farm and Group Level : WAFL 2014 ; Clermont-Ferrand, France ; September 3-5, 2014. Wageningen: Wageningen Academic Publ, p 88

  20. 19

    Bergschmidt A, Renziehausen C, Brinkmann J, March S (2014) Tiergerechtheit landwirtschaftlicher Nutztierhaltung: Verbesserung durch ergebnisorientierte Honorierung? Ländl Raum (ASG) 65(2):32-33

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn053605.pdf

  21. 20

    Bergschmidt A, Renziehausen C (2013) Ergebnisorientierte Förderung von Tierschutzmaßnahmen: Welche Erkenntnisse aus dem Umweltbereich sind übertragbar? In: Grenzen der Qualitätsstrategie im Agrarsektor : 41. Jahrestagung der Schweizer Gesellschaft für Agrarwirtschaft und Agrarsoziologie & 23. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Agrarökonomie : Tagungsband 2013 ; ETH Zürich, Zürich, 12.-14. September 2013. ÖGA, pp 101-102

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