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Soziale Benachteiligung in ländlichen Peripherien in Ostdeutschland und Tschechien

Projekt

Rollator an ländlicher Bushaltestelle (c) Thünen-Institut/Johanna Fick
Soziale Benachteiligung oder gelingende Bewältigung? Das deutsch-tschechische Forschungsprojekt geht solchen Fragen nach. (© Thünen-Institut/Johanna Fick)

Soziale Benachteiligung in ländlichen Peripherien in Ostdeutschland und Tschechien: Gelegenheitsstrukturen und individuelle Agency in vergleichender Perspektive

Prozesse sozialer Benachteiligung werden oft als städtische Probleme wahrgenommen, dabei sind solche Phänomene auch in ländlichen Räumen verbreitet. Wir untersuchen Muster sozialer Benachteiligung und Handlungsoptionen ausgewählter Bevölkerungsgruppen.

Hintergrund und Zielsetzung

Ländliche Regionen sind jüngst (wieder einmal) in den Fokus des politischen und medialen Diskurses gerückt – nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern Europas und in den USA. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Vorstellung, dass diese Räume in besonderem Maße von sozialer Benachteiligung, fehlender Infrastruktur sowie ökonomischen und demografischen Strukturproblemen betroffen seien. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion sind solche Themen seit längerem auf der Agenda. In Deutschland werden sie vorrangig mit dem Konzept der Peripherisierung verbunden – also mit einem dynamischen und multidimensionalen Verständnis der Benachteiligung bestimmter ländlicher Räume.  

Während die strukturellen Probleme ländlicher Peripherien ebenso wie die Diskurse darüber gut aufbereitet sind, ist die Frage nach den Bewältigungsstrategien benachteiligter sozialer Gruppen empirisch nicht beantwortet. Im Projekt interessiert uns besonders, ob und wie es sich auswirkt, wenn bestimmte Einrichtungen der öffentlichen und privaten Daseinsvorsorge (z. B. Behörden oder Arztpraxen) im lokalen und regionalen Umfeld vorhanden sind oder fehlen, und welche Rolle soziale Beziehungsnetzwerke spielen, um soziale Benachteiligung abzufedern oder zu verstärken. Darüber hinaus untersuchen wir, wie Prozesse und Strukturen sozialer und räumlicher Ungleichheit genau zusammenspielen und wie sie die Handlungsmöglichkeiten individueller Akteure beeinflussen.

Vorgehensweise

In diesem Projekt analysieren wir die Wechselwirkungen zwischen sozialer Benachteiligung, lokalen und regionalen Gelegenheitsstrukturen – wie öffentliche und private Daseinsvorsorgeeinrichtungen, aber auch Arbeitsplätze oder Vereine – sowie individuellen Handlungsspielräumen. Wirkungen von Prozessen auf der gesellschaftlichen Makroebene interessieren uns in ihren Auswirkungen auf Muster sozialer und räumlicher Ungleichheit. Die Mesoebene beinhaltet lokale und regionale Gelegenheitsstrukturen sowie soziale Netzwerkbeziehungen. Auf der Mikroebene untersuchen wir die individuellen Handlungsspielräume (Agency) und den Umgang mit den strukturellen Gegebenheiten des räumlichen Umfelds. Dabei stehen drei soziale Gruppen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses: Geringqualifizierte, Alleinerziehende und ältere Alleinlebende.

Einer deskriptiven quantitativen Analyse der räumlichen Muster sozialer Benachteiligung in Ostdeutschland und Tschechien folgen vertiefende regionale Fallstudien und qualitative Einzelinterviews. Im letzten Teil des Projektes werden die quantitativen und qualitativen Ergebnisse aufeinander bezogen (trianguliert) und vergleichende Analysen sowohl zwischen den Untersuchungsregionen als auch zwischen Ostdeutschland und Tschechien vorgenommen.

Daten und Methoden

Im Projekt führen wir zunächst kleinräumige statistische Sekundäranalysen aller ländlichen Räume durch: Dabei sollen ländliche Peripherien in Ostdeutschland und in Tschechien identifiziert, die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit lokaler und regionaler Gelegenheitsstrukturen analysiert sowie aktuelle regionale Dynamiken in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht untersucht werden. Dafür nutzen wir Daten der amtlichen Regionalstatistik und des Thünen-Erreichbarkeitsmodells.

Darauf aufbauend werden in Ostdeutschland und Tschechien je zwei unterschiedliche ländliche Peripherien auf die Zusammenhänge zwischen sozialer Benachteiligung, Gelegenheitsstrukturen und individuellen Handlungsfähigkeiten bzw. -möglichkeiten (Agency) vertiefend untersucht. Dies erfolgt mit einem methodenintegrativen Design, das Experteninterviews mit regionalen Schlüsselpersonen und qualitative, problemzentrierte Interviews mit Angehörigen sozial benachteiligter Gruppen kombiniert. Im Rahmen der problemzentrierten Interviews werden auch die persönlichen Beziehungsnetzwerke und die Aktionsräume der Befragten untersucht. Wiederholungsinterviews dienen dazu, mithilfe dieser Daten vertiefte Informationen zum Zusammenhang von lokalen und regionalen Gelegenheitsstrukturen, sozialen Netzwerken und individuellen Handlungsspielräumen zu erheben.

Unsere Forschungsfragen

(1) Räumliche Muster sozialer Benachteiligung

  • Welches Ausmaß hat soziale Benachteiligung in ländlichen Räumen?
  • Welche Besonderheiten prägen soziale Benachteiligung in ländlichen Peripherien?
  • Welche Defizite können in den Gelegenheitsstrukturen ländlicher Peripherien identifiziert werden?
  • Wie unterscheidet sich die Situation in Deutschland von der in Tschechien?

(2) Individuelle Agency und Gelegenheitsstrukturen

  • Welche lokalen und regionalen Gelegenheitsstrukturen haben für unterschiedliche sozial benachteiligte Gruppen Relevanz?
  • Welche Unterschiede zeigen sich im individuellen Umgang damit?
  • Wie wirken sich regionale Dynamiken, etwa im wirtschaftlichen Bereich (z. B. De- oder Reindustrialisierung), auf den Umgang mit Benachteiligung aus?
  • Wie unterscheidet sich die Situation in Tschechien von der in Deutschland?

Vorläufige Ergebnisse

In konzeptioneller Hinsicht leistet das Projekt einen raumsoziologischen Beitrag zur Rolle von Kontexteffekten auf das soziale Handeln und damit zur Frage der Interdependenzen von sozialer und räumlicher Benachteiligung. Empirisch untersucht das Projekt die Bedeutung lokaler und regionaler Gelegenheitsstrukturen in ländlichen Peripherien für individuelles Handeln und die gesellschaftliche Teilhabe sozial benachteiligter Gruppen. Die international vergleichende Perspektive trägt dazu bei, Forschungsergebnisse kontinuierlich kritisch zu hinterfragen und auf ihre Validität hin zu prüfen.

 

Download (Poster)
     

Poster zum Projekt
Poster (© Thünen-Institut)

 

Poster, präsentiert auf der internationalen Konferenz EURORURAL '18, 3.-6.09.2018, Mendel Universität, Brno, Tschechien.

Poster (PDF, nicht barrierefrei, englisch) 1.067 KB

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Beteiligte externe Thünen-Partner


Geldgeber

  • Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

8.2018 - 8.2021

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektstatus: läuft

Publikationen zum Projekt

Anzahl der Datensätze: 0