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Institut für

WI Innovation und Wertschöpfung in ländlichen Räumen

Projekt

Regionalökonomische Resilienz in Deutschland und Europa


Federführendes Institut WI Institut für Innovation und Wertschöpfung in ländlichen Räumen

Ob eine Regionalwirtschaft resilent ist, verrät oft erst ein Blick unter die Oberfläche
© Coloures-Pic/Fotolia

Regionalökonomische Resilienz in Deutschland und Europa

Die Rezession von 2008/2009 führte in Deutschland zum bislang größten Konjunktureinbruch der Nachkriegszeit. Heute liefert die Krise wertvolles Anschauungsmaterial, wie die ökonomische Widerstandsfähigkeit von Ländern, Regionen und Firmen gegenüber äußeren Schocks erhöht werden kann.

Hintergrund und Zielsetzung

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 werden die Krisenfestigkeit regionaler Ökonomien und ihre Kapazität zur Erholung nach äußeren Schocks zunehmend unter dem Schlagwort der Resilienz diskutiert. Das ursprünglich aus der Psychologie stammende und später von den Ingenieurswissenschaften adaptierte Konzept gewinnt – vornehmlich als Reaktion auf die Krise von 2008/2009 – auch in der Wirtschaftsgeografie und Regionalökonomie zusehends an Bedeutung.

In beiden Disziplinen spielt naturgemäß die Raumkomponente eine wichtige Rolle. Die für die Erforschung von Resilienz wesentliche Frage nach den ihr zugrunde liegenden Bestimmungsfaktoren lässt sich unter Einbeziehung räumlicher Gesichtspunkte wie folgt formulieren: Auf welchen räumlichen Ebenen können die relevanten Bestimmungsfaktoren von Resilienz verortet werden, und wie wirken diese Faktoren über mehrere Ebenen zusammen? 

Obwohl die Zahl raumwissenschaftlicher Arbeiten zum Thema ‚Resilienz‘ in jüngerer Zeit merklich gestiegen ist, existieren bislang nur wenige empirische Studien, die die hierarchische Struktur von Einflussfaktoren mit Hilfe größerer Datensätze und quantitativer Methodik analysieren.

Ziel dieses Projekts ist es, zentrale Bestimmungsfaktoren von Resilienz auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen zu identifizieren und herauszuarbeiten, über welche Wirkungszusammenhänge sie auf und zwischen den Ebenen miteinander verbunden sind. Beides soll dazu beitragen, die ungleichen regionalen Krisenverläufe in Deutschland und Europa zu erklären und politische Handlungsempfehlungen zur Erhöhung regionalökonomischer Resilienz abzuleiten.

Vorgehensweise

Der räumliche Fokus des Projekts liegt vornehmlich, aber nicht ausschließlich auf der regionalen Ebene. Weil Regionen weder räumlich isoliert noch völlig homogen sind, werden bei der Identifizierung von Resilienzfaktoren sowohl die Nachbarregionen als auch die (inter-)nationale Ebene sowie die Firmenebene in die Analyse einbezogen. Aus diesem Grund ist das Projekt in mehrere vertiefende Studien untergliedert, in denen die regionale Ebene je nach konkreter Fragestellung entweder mit der übergeordneten Makro- oder mit der darunter liegenden Mikroebene verknüpft wird.

Das Vorgehen erlaubt es, wichtige Bestimmungsfaktoren gemäß ihrer hierarchischen Struktur zusammenzutragen und die zwischen ihnen herrschenden Wechselwirkungen eingehend zu untersuchen.

Daten und Methoden

Das empirische Design des Projekts ist quantitativ angelegt. Zum Einsatz kommen je nach Fragestellung Netzwerk-, Zeitreihen- und/oder Mehrebenenanalysen, Instrumente der räumlichen Ökonometrie sowie weitere regressionsanalytische Verfahren.

Genutzt werden u.a. folgende Daten: Individualdaten des Global Entrepreneurship Monitors (GEM), Firmendaten der BioTechnologie Jahr- und Adressbücher (BIOCOM), Daten des Mannheimer Unternehmenspanels (MUP), Regionaldaten der Cambridge Econometrics' European Regional Database und von EUROSTAT sowie makroökonomische Daten der OECD.

Unsere Forschungsfragen

  • Wie kann ökonomische Resilienz operationalisiert werden, damit sie für quantitative Forschungsfragen zugänglich wird?
  • Welches sind die entscheidenden Bestimmungsfaktoren regionaler Resilienz, auf welchen Ebenen lassen sie sich verorten und in welcher Wirkungsbeziehung stehen sie zueinander?
  • Welche wirtschaftspolitischen Handlungsempfehlungen lassen sich aus den theoretischen und empirischen Befunden ableiten

Ergebnisse

Regionalökonomische Resilienz wird nicht nur von regionalen Gegebenheiten beeinflusst, sondern auch von Faktoren auf europäischer, nationaler und Firmenebene. Das ist eine zentrale Erkenntnis des Projekts. Viele dieser Faktoren stehen zudem in einer Wechselwirkung zueinander. Als förderlich erweist sich im Allgemeinen eine Kombination aus stabilen makroökonomischen Bedingungen, wettbewerbsfähigen Clusterstrukturen und leistungsfähigen Ressourcen auf Firmenebene. Die Ergebnisse belegen weiterhin, dass zahlreiche Resilienzfaktoren zwischen Rezession und anschließender Erholung unterschiedliche, teilweise sogar gegensätzliche Wirkung entfalten. Das heißt, Faktoren, die zunächst die Anfälligkeit gegenüber Schocks erhöhen, tragen anschließend zur schnelleren Erholung bei und umgekehrt. Dies kann am Beispiel Deutschlands verdeutlicht werden.

In Deutschland war der Verlauf der Krise geprägt durch einen starken konjunkturellen Einbruch und eine rasche, umfassende Erholung. Beeinflusst wurde diese Entwicklung durch die hierzulande hohe wirtschaftliche Bedeutung des Industriesektors. Dieser begünstigte zwischen 2008 und 2009 infolge seiner starken internationalen Verflechtung einerseits das schnelle Übergreifen der globalen Rezession auf die heimische Wirtschaft. Andererseits trug er in den Folgejahren – unter anderem durch die hohe internationale Nachfrage nach Investitionsgütern aus Deutschland – maßgeblich zur raschen Erholung und dem bis 2018 anhaltenden Wirtschaftswachstum bei. Dieses wurde allerdings durch weitere Faktoren wie etwa der modearten Entwicklung der Lohnstückkosten sowie den sinkenden Außenwert des Euro zusätzlich gestützt. 

Für die Ausgestaltung einer resilienzsteigernden Wirtschaftspolitik legen die Ergebnisse nahe, zwei Strategien miteinander zu kombinieren: eine kurzfristige Strategie zur Ad-hoc-Stabilisierung nach dem Schockereignis, wie sie in Deutschland z.B. in Form der sogenannten Abwrackprämie oder der Ausdehnung der Kurzarbeit praktiziert wurde, sowie eine langfristige Strategie zur effektiven Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Letztere kann etwa mit dem Abbau von Wettbewerbshemmnissen sowie mit Investitionen in das Humankapital unterstützt werden. Eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, so zeigen die Ergebnisse, begünstigt sowohl die unmittelbare Erholung als auch das Wirtschaftswachstum in den Jahren nach dem Schock.

Beteiligte externe Thünen-Partner

  • Ruhr-Universität Bochum
    (Bochum, Deutschland)
  • Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)
    (Hamburg, Deutschland)
  • Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)
    (Mannheim, Deutschland)

Zeitraum

1.2018 - 12.2019

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen am Thünen-Institut zum Projekt

  1. 0

    Hundt C, Grün L (2022) Resilience and specialization - How German regions weathered the Great Recession. ZFW - Adv Econ Geogr:in Press, DOI:10.1515/zfw-2021-0014

  2. 1

    Holtermann L, Hundt C, Steeger J, Bersch J (2021) The utilization of cluster externalities and recessionary shocks. Ind Corporate Change 30(1):19-48, DOI:10.1093/icc/dtaa042

  3. 2

    Hundt C, Holtermann L (2020) The role of national settings in the economic resilience of regions - Evidence from recessionary shocks in Europe from 1990 to 2014. Growth Change 51(1):180-206, DOI:10.1111/grow.12356

    https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn061895.pdf

  4. 3

    Hundt C, Holtermann L, Steeger J, Bersch J (2019) Cluster externalities, firm capabilities, and the recessionary shock: How the macro-to-micro-transition shapes firm performance during stable times and times of crisis. Utrecht: Univ, 35 p, Papers Evolutionary Econ Geogr 07.19

  5. 4

    Margarian A, Hundt C (2019) Location, industry structure and (the lack of) locally specific knowledge: On the diverging development of rural areas in Germany's East and West. Marburg: Univ Marburg, 34 p, Working Papers Innov Space 04.19

  6. 5

    Pudelko F, Hundt C, Holtermann L (2018) Gauging two sides of regional economic resilience in Western Germany - Why sensitivity and recovery should not be lumped together. Rev Reg Res 38(2):141-189, DOI:10.1007/s10037-018-0124-4

  7. 6

    Holtermann L, Hundt C (2018) Hierarchically structured determinants and phase-related patterns of economic resilience - An empirical case study for European regions. Marburg: Univ Marburg, 38 p, Working Papers Innov Space 02.18

    Weitere Publikationen zum Projekt

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