Stellvertretende Institutsleitung

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Kerstin Martens
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"Nachhaltigkeitsmodul Milch“- Umsetzung und Praktikabilitätsprüfung eines branchenbezogenen Konzeptes zur nachhaltigen Entwicklung der Milcherzeugung in Deutschland

Projekt

Melkbecher (c) Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V.
(© Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V.)

Eine nachhaltige und verantwortungsvolle Wirtschaftsweise hat bei der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln national und international eine wachsende Bedeutung. Dies gilt auch für die deutsche Milchwirtschaft und deren internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Hintergrund und Zielsetzung

Eine nachhaltige Wirtschaftsweise wird immer mehr zu einer konkreten Anforderung an die Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung von Lebensmitteln. International wie national möchten Verbraucher und Öffentlichkeit, Handel und Hersteller auch von der deutschen Milchwirtschaft wissen, wie nachhaltig die Milch erzeugt wird. Die Integration der Urproduktion in (molkereispezifische) Nachhaltigkeitskonzepte birgt allerdings erhebliche Herausforderungen: zum einen ist eine Vielzahl von Milcherzeugerbetrieben mit zum Teil sehr unterschiedlichen Produktionsbedingungen zu berücksichtigen. Zum anderen kommt für die Abbildung von Nachhaltigkeit in Landwirtschaftsbetrieben generell eine sehr breite Palette an Nachhaltigkeitsaspekten aus den Bereichen Ökonomie, Ökologie, Soziales und Tierwohl in Betracht.

Dieser Herausforderung hat sich das Thünen-Institut zusammen mit dem QM-Milch e. V., dem Projektbüro Land und Markt und weiteren Akteuren der Milchwirtschaft gestellt und das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ erarbeitet. Bestandteile sind ein Fragebogen zur Erhebung von Nachhaltigkeitskriterien in den Milchviehbetrieben, ein Bericht mit Erläuterungen und Bewertungsoptionen sowie ein Online-Eingabetool des Fragebogens und eine zentrale Datenbank. Das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ baut unmittelbar auf zwei Vorläuferprojekten in Niedersachsen und Schleswig-Holstein auf. Es dient als Basistool für eine erste Abbildung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Milcherzeugung und ist als ein Auftakt und Instrument für einen kontinuierlichen Lern- und Entwicklungsprozess zu sehen.

Gesamtziel dieses Projektes war es, das Konzept „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ erstmals in einem größeren Rahmen in der Praxis einzusetzen und hinsichtlich seiner Praktikabilität und Anerkennung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette zu überprüfen und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse weiter zu entwickelten. Im Ergebnis sollte und wurde eine für die weitere erfolgreiche Verbreitung geeignete, nach außen transparente Branchenlösung zur nachhaltigen Entwicklung der Milcherzeugung erarbeitet. Das Projekt wurde gemeinsam mit dem QM-Milch e. V. und dem Projektbüro Land und Markt durchgeführt. Ebenfalls eingebunden war der Landeskontrollverband Nordrhein-Westfalen (Datenbank). Es nahmen 34 Molkereien unterschiedlicher Größe und Ausrichtung sowie eine Milcherzeugervereinigung an dem Pilotprojekt teil.

Vorgehensweise

Das Projekt beinhaltete folgende Arbeitsbausteine:

  1. Das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ einführen und testen:
    Die Molkereien setzten den Fragebogen des „Nachhaltigkeitsmoduls Milch“ auf ihren Erzeugerbetrieben ein. In der Regel gaben die Milcherzeuger selbst mit Hilfe eines Online-Fragebogens die Daten in die zentrale Datenbank ein. Die Daten wurden daraufhin auf ihre Plausibilität gecheckt und von uns ausgewertet. Jede aktiv teilnehmende Molkerei erhielt mind. einen umfangreichen Ergebnisbericht, zudem wurden die Ergebnisse molkereiintern vorgestellt. Gemeinsam wurden die Fakten zum Status quo angesehen und diskutiert, Ziele zur Weiterentwicklung einer nachhaltigen Milcherzeugung formuliert und mögliche Maßnahmen zur Umsetzung erarbeitet. Zusätzlich zu den Berichten für die einzelnen Molkereien waren eine Gesamtauswertung der erhobenen Daten und vertiefende wissenschaftliche Analysen vorgesehen.
  2. Die internationale Anschlussfähigkeit des „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ prüfen:
    Im Rahmen einer Umfeldanalyse wurden die Nachhaltigkeitskonzepte internationaler Initiativen und ausgewählter Molkereien in den Niederlanden, Irland und Neuseeland untersucht. Auf diese Weise wurden wichtige internationale Entwicklungen im Themenfeld nachhaltige Milcherzeugung beobachtet, dass „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ im nationalen und internationalen Kontext eingeordnet und entsprechend weiterentwickelt.
  3. Die Praktikabilität und Akzeptanz des „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ prüfen:
    Für die Evaluierung wurden die Perspektiven der beteiligten Molkereien und ihrer Milcherzeuger sowie die Sicht von Handel, verarbeitender Industrie, Wissenschaft und NGOs auf das bisher umgesetzte Konzept und die in dessen Rahmen durchgeführten Aktivitäten eingeholt. Die Ergebnisse lieferten konkrete Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des Konzeptes.
  4. Ein zukunftsfähiges Konzept erarbeiten:
    Für die Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsmoduls sollen Workshops mit externen Beteiligten aus Wissenschaft und Beratung sowie Vertretern gesellschaftlicher Anspruchsgruppen stattfinden. Auf Basis dieser Workshops und aller anderen Projektbausteine werden dann die verschiedenen Bestandteile des Moduls überarbeitet.
Bausteine für Nachhaltigkeitsmodul Milch

Daten und Methoden

Die Erhebung der Daten erfolgte mit Hilfe eines schriftlichen Fragebogens. Die Auswertung der Daten für die Molkereien erfolgte vor allem deskriptiv. Für die vertieften wissenschaftlichen Analysen wurden zudem multivariate statistische Verfahren angewendet. Im Rahmen der Evaluation und Umfeldanalyse wendenten wir darüber hinaus auch qualitative Methoden (Gruppendiskussionen, Expertengespräche) an.

Ergebnisse

Drei Jahre lang wurde das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ auf Herz und Nieren geprüft. Die Ergebnisse der einzelnen Bausteine in Kürze:

1.  Das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ wurde eingeführt und getestet:
In den drei Jahren der Pilotphase haben insgesamt knapp 7.300 Milcherzeuger von 27 Molkereien am „QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch“ teilgenommen und den Nachhaltigkeitsfragebogen beantwortet (ca. 12 % aller deutschen Milchviehbetriebe). Sie produzieren etwa 18 % der deutschen Milchmenge. Mit durchschnittlich 93 Kühen pro Betrieb sind diese Betriebe größer als der deutsche Durchschnitts-Milchviehbetrieb mit 67 Kühen (Stand 2020). Der weit überwiegende Teil der teilnehmenden Milcherzeuger stammt aus den nördlichen und westlichen Bundesländern. Bezogen auf das gesamte Bundesgebiet ist die Teilnehmergruppe nicht repräsentativ. Dennoch erlauben die Gesamtergebnisse erste Rückschlüsse auf Stärken und Herausforderungen der deutschen Milcherzeugung. Im Ergebnis sind die deutschen Milcherzeuger sind in vielen Bereichen besser als sie selbst und als Außenstehende denken.

Die zusammengestellten Fakten bieten die Chance, dies aufzuzeigen und damit einen Beitrag zu mehr Transparenz zu leisten. Gleichzeitig gibt es Potenziale für die Weiterentwicklung. Detaillierte Ergebnisse zu den Ergebnissen der Nachhaltigkeitsbefragung können unter den angegebenen Links und der aufgelisteten Literatur gefunden werden.

Im Laufe der Pilotphase wurden insgesamt 58 Nachhaltigkeitsberichte für die teilnehmenden Molkereien erstellt. In diesen knapp 60-seitigen Berichten wurden die Befragungsergebnisse der molkereizugehörigen Milcherzeuger in anonymisierter Form ausführlich dargestellt. Die Auskunftsfähigkeit der Molkereien gegenüber deren Kunden zum Thema Nachhaltigkeit wurde/wird damit erheblich verbessert. Einige Molkereien haben zudem bereits begonnen, gemeinsam mit ihren Milcherzeugern Verbesserungspotenziale zu identifizieren und anzugehen. Sie haben die Stärken und Schwächen analysiert, Ziele für die Weiterentwicklung einer nachhaltigen Milcherzeugung formuliert sowie mögliche Umsetzungsmaßnahmen entwickelt. Über 5.000 Landwirte haben eine individuelle Ergebnisrückmeldung („Nachhaltigkeits-Benchmark“) erhalten, aus denen sie entnehmen können, wo sie im Vergleich zu ihren Mitlieferanten bei den verschiedenen Nachhaltigkeitskriterien stehen.

2. Internationale Anschlussfähigkeit des „Nachhaltigkeitsmodul Milch“:
Beim „Blick über den Tellerrand“ wurden internationale Nachhaltigkeitsaktivitäten in der Milchbranche beobachtet und mit der leitenden Frage analysiert: „Was läuft international zum Thema Nachhaltigkeit im Milchsektor, und was davon ist für uns relevant?“ Ein Vergleich mit Nachhaltigkeitskonzepten im internationalen Kontext hat gezeigt, dass das „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ breit aufgestellt und international anschlussfähig ist. Nachholbedarf gibt es allerdings bzgl. einer gemeinschaftlichen und professionellen Nachhaltigkeitsberichterstattung und -kommunikation des Milchsektors.

3. Praktikabilität und Akzeptanz des „Nachhaltigkeitsmodul Milch“:
Während der Pilotphase fanden mit Vertretern aller Stufen der Wertschöpfungskette Workshops und Interviews zum „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ statt, um die damit gesammelten Erfahrungen und Änderungswünsche zu ermitteln. Die Rückmeldungen zum „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ sind insgesamt betrachtet positiv. Es wird anerkannt, dass sich die Branche mit dem Modul auf einen zukunftsorientierten Weg im Sinne der Nachhaltigkeit gemacht hat. Milcherzeuger, Molkereien und deren Kunden sehen den Beginn eines ehrlichen Dialogs über Stärken und Schwächen der Milcherzeugung positiv. Landwirte sehen im „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ nicht nur eine „lästige“ Aufgabe, sondern auch eine Chance.

Wichtige Erkenntnisse der Molkereien durch die Teilnahme am „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ sind unter anderem: die gewonnene Transparenz (Kenntnis des Status quo der Milcherzeuger), die Möglichkeit gegenüber Kunden auskunftsfähig zu sein, die Vernetzung der relevanten Akteure zum Nachhaltigkeits-Dialog in der Milchbranche, aber auch die Möglichkeit aufzuzeigen, dass das Thema Nachhaltigkeit aktiv angegangen wird. Insbesondere die international tätigen Industriekunden der Molkereien fordern Konzepte und Programme zur Nachhaltigkeit, die über die reine Datenerhebung hinaus Verbesserungsprozesse anstoßen.

Besonders gewinnbringend waren die im Winter 2019 durchgeführten Workshops zur Überarbeitung der Nachhaltigkeitskriterien des Moduls. Hieran haben neben Landwirten, Molkereiunternehmen und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH), führende Konsumgüterhersteller, Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und landwirtschaftliche Berater teilgenommen. Die intensiven Diskussionen fanden lösungsorientiert und auf Augenhöhe statt und gaben die Möglichkeit zu einem echten Dialog. Zudem haben sie geholfen, das Modul zielorientiert und abgestimmt weiterzuentwickeln. Im Ergebnis haben alle voneinander gelernt und nun ein besseres Verständnis für die verschiedenen Perspektiven und Positionen.

4. Ein zukunftsfähiges Konzept erarbeiten:
Auf Basis der gewonnenen Erfahrungen und Rückmeldungen zum „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ und den Ergebnissen der Multi-Stakeholder-Workshops wurde das Modul erfolgreich für eine nächste Phase fit gemacht. Die Branchenlösung „QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch 2.0“ wird mit ca. 30 Molkereiunternehmen für weitere drei Jahre (2020-2023) in einem Folgeprojekt fortgeführt.

Links und Downloads

Internetauftritt:

www.qm-milch.de/nachhaltigkeit

www.qm-milch.de/publizierte-ergebnisse

 

Link zur Befragung für registrierte Erzeuger:

nachhaltigkeit-milch.de/qmnm/

 

 

 

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Beteiligte externe Thünen-Partner

  • Dr. Heike Kuhnert
    Land und Markt
    (Hamburg, Deutschland)
  • QM-Milch e.V.
    (Berlin, Deutschland)
  • Landeskontrollverband Nordrhein-Westfalen
    (LKV NRW) (Krefeld, Deutschland)

Geldgeber

  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

4.2017 - 8.2020

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektfördernummer: 2819108316
Förderprogramm: Innovationsförderung
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen zum Projekt

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  1. Lindena T, Claus A-S, Johns J, Nieberg H (2020) "QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch" - es geht weiter! Ausgewählte Ergebnisse nach 3 Jahren Pilotphase [online]. Braunschweig: Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, zu finden in <https://www.qm-milch.de/ergebnisse-in-der-pilotphase> [zitiert am 09.11.2020]
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 5556 KB
  2. Kuhnert H, Lindena T (2020) Alles gleich "grün"? Elite(4):24-26
  3. Lindena T, Johns J (2020) Animal Welfare on 7,297 German Dairy Farms: Results of the pilot study of the "QM-Dairy Sustainability Tool" [online]. IDF Anim Health Rep(14):6-8, zu finden in <https://store.fil-idf.org/product/idf-animal-health-report-n-14/> [zitiert am 05.11.2020]
  4. Lindena T, Johns J (2020) Auf Tierwohl für Milchvieh achten. Bauernzeitg 61(38):40-42
  5. Claus A-S, Lindena T, Heuer J (2020) Pilotprojekt "Nachhaltigkeitsmodul Milch" : 7 Ergebnisberichte zu Erzeugerbefragungen der im Projekt teilnehmenden Molkereien [Nicht veröffentlicht]. Braunschweig: Thünen-Institut für Betriebswirtschaft
  6. Lindena T, Claus A-S, Johns J, Heuer J (2020) Pilotprojekt "Nachhaltigkeitsmodul Milch" : Ergebnisse der Erzeugerbefragungen aller teilnehmenden Molkereien - Gesamtauswertung [Nicht veröffentlicht]. Braunschweig: Thünen-Institut für Betriebswirtschaft
  7. Lindena T, Johns J (2020) QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch: Start in Phase 2. Top Agrar 49(9):R6-R8
  8. Lassen B, Lindena T, Claus A-S (2019) 5000 Milchbauern im Nachhaltigkeits-Check. Top Agrar 48(2):R6-R8
  9. Lindena T (2019) Nachhaltigkeit als Produktionsfaktor. DLG Mitt(12):46-49
  10. Lassen B, Lindena T, Claus A-S (2019) Nachhaltigkeitsmodul Milch - Halbzeitbilanz. Dt Bauern Korrespondenz(3):15

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