Federführendes Institut
Themenfelder

RTI: Räumlich-zeitlich präzises Fischerei Management

Projekt

 (c)

Von der Theorie in die Anwendung: Erprobung des alternativen Fischerei Management Ansatzes der RTI-Tarife mit echten Daten aus der gemischten Grundfisch-Fischerei der westlichen Ostsee

Fischer schätzen ihre Freiheit sehr. Und doch müssen ihre Aktivitäten immer auch den Grundsätzen der Nachhaltigkeit entsprechen. Die diesbezüglichen politischen Ziele betreffen sowohl die kommerziell genutzten Bestände als auch das marine Ökosystem. Wir erforschen erstmals mit Daten aus der echten Fischerei die Anwendbarkeit eines neuartigen Fischerei-Managementansatzes basierend auf aktuellen Technologien, der beides erreichen soll: Flexibilität für Fischer und Nachhaltigkeit.

Hintergrund und Zielsetzung

Hintergrund: Das traditionelle Fischereimanagement reagiert eher wenig auf die kleinskalig räumlich und zeitlich variierende Verteilung von Fischbeständen. Häufig handelt es sich um ein Ein-Arten-Management, das jährliche Fangquoten für relativ große Managementgebiete festsetzt. Doch mit der Entwicklung neuer Technologien ergeben sich auch neue Möglichkeiten für ein räumlich und zeitlich präzises Fischerei-Management. Mit der verpflichtenden Einführung des sogenannten „Vessel Monitoring Systems“ (VMS) für Fahrzeuge größer 12 m Länge, einem automatischen, satellitengestützten Überwachungssystem, und in Verbindung mit elektronisch geführten Logbüchern, können die räumliche und zeitliche Verteilung des Fangaufwands und Fänge spezifisch für verschiedene Fisch-Arten sowie Fischerei-Geräte und -Métiers viel genauer nachvollzogen und analysiert werden als es zuvor möglich war. Dies ermöglicht eine Anpassung des Fischerei-Managements, um quasi „in Echtzeit“ bspw. das Auftreten von Laichaggregationen oder die Überlappung sensibler und kommerzieller Arten zu berücksichtigen. Ein solcher Ansatz (genannt „RTI“ (Real-Time Incentives)) befindet sich seit 2011 in konzeptioneller Entwicklung (Kraak et al. 2012). Die Anwendbarkeit des RTI-Ansatzes wird nun erstmalig mit echten Daten erprobt. Untersucht wird die bodenberührende Fischerei der westlichen Ostsee, eine gemischte Fischerei mit Dorsch als Zielart und diversen Plattfischen als nur teilweise wertvollem Beifang.

Ziel des Projekts ist es, anhand dieses Fallbeispiels einen Lösungs-Ansatz für ein erfolgreiches ökosystembasiertes Fischerei-Management zu entwickeln, bei dem ungewollte Beifänge minimiert werden.

Zielgruppe

Politik, Fischerei, Wissenschaft

Vorgehensweise

Der RTI-Ansatz integriert sowohl fischereiliche als auch umweltpolitische Zielsetzungen in einem Tarif, den sogenannten „Real-Time Incentives“. Damit kann der gesamte Einfluss der Fischerei auf das marine Ökosystem mittels einer einzelnen „Währung“ gemanagt werden. Auf diese Weise wird zugleich ein Anreizsystem für die Fischer geschaffen, ihren negativen Einfluss auf das Ökosystem zu minimieren, da diese nun als „Kosten“ direkt auf sie zurück fallen.

Daten und Methoden

Unter dem RTI Ansatz wird das Managementgebiet mit einer hohen räumlichen Auflösung in viele einzelne „Zellen“unterteilt. In jeder dieser Zellen fallen jeweils unterschiedlich hohe „Kosten“, sprich RTI-Tarife, für die dort stattfindende Fischerei an, wobei verschiedene fischerei- und umweltpolitische Zielsetzungen integriert werden können. Der natürlichen Bewegung von Fischbeständen Rechnung tragend werden diese Tarife regelmäßig (z.B. wöchentlich) aktualisiert. Diese Information über räumlich und zeitlich variierende Fängigkeit der Arten basiert auf Echtzeit-Daten aus der kommerziellen Fischerei oder aus wissenschaftlichen Surveys. Für die Verwendung der Daten aus der kommerziellen Fischerei werden VMS (Vessel Monitoring System)- und Logbuch-Daten miteinander verschnitten (Gerritsen and Lordan 2011). Dargestellt werden die RTI-Tarife auf farbkodierten Karten, anhand deren jeder Fischer frei entscheiden kann, wann und wo er fischen möchte, bis seine jährliche RTI-Quote erschöpft ist. Der für die Fischer jährlich verfügbare Betrag an RTIs orientiert sich hierbei an international abgestimmten Zielwerten für die fischereiliche Sterblichkeit des jeweiligen Bestandes entsprechend wissenschaftlicher Empfehlungen. Die Tarife können Metier- oder auch Geräte-spezifisch gestaltet werden, sodass Fischereien mit geringeren negativen Einflüssen (z.B. durch eine hohe Selektivität) profitieren. Traditionelle Fangquoten würden durch dieses System vollständig ersetzt werden.

Unsere Forschungsfragen

  • Lässt sich mit RTI ein (Anreiz-)System schaffen, mit welchem unerwünschte Beifänge (z.B. Plattfische) in der bodenberührenden Fischerei der westlichen Ostsee minimiert werden können?
  • Kann mit RTI das unter dem Anlandegebot möglicherweise entstehende Problem der limitierenden Arten, z.B. Scholle oder Dorsch („choke species“), in der gemischten demersalen Fischerei der westlichen Ostsee gelöst werden?
  • Wie ließe sich unter Anwendung des RTI-Ansatzes ein räumlich und zeitlich präzises Management der Sub-Populationen des Dorschbestands der westlichen Ostsee gestalten?
  • Handelt es sich bei dem RTI Ansatz um ein realistisch anwendbares Fischereimanagement in der Ostsee? Wo besteht noch Anpassungsbedarf?
  • Wie ist die Sicht von Fischerei, Umweltverbänden und Politik? Die Gespräche mit Interessenvertretern liefern wertvolle, praxisnahe Erkenntnisse. Nur eine Einbeziehung des Fischereisektors kann zur Akzeptanz des Konzepts führen.

Links und Downloads

rti-for-fisheries.info

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte externe Thünen-Partner


Zeitraum

3.2015 - 9.2018

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektstatus: läuft

Publikationen zum Projekt

Anzahl der Datensätze: 5

  1. Kraak SBM, Reid DG, Bal G, Barkai A, Codling EA, Kelly CJ, Rogan E (2015) RTI ("Real-Time-Incentives") outperforms traditional management in a simulated mixed fishery and cases incorporating protection of vulnerable species and areas. Fisheries Res 172:209-224, DOI:10.1016/j.fishres.2015.07.014
  2. Kraak SBM, Reid DG, Codling EA (2014) Exploring the RTI (real-time incentive) tariff-based approach to single-species fisheries management. Fisheries Res 155:90-102, DOI:10.1016/j.fishres.2014.02.014
  3. Kraak SBM, Reid DG, Codling EA (2013) Explorations of tactical fisher behaviour under the RTI (Real-Time Incentive) tariff-based fisheries management system using simple simulations. Copenhagen: ICES, 22 p
  4. Kraak SBM, Reid DG, Barkai A, Meredith G, Felaar F (2013) Olrac-RTI: a new and operational apprach to holistic management of fisheries for multiple commericial species and ecosystem objectives : Part 1. Copenhagen: ICES, 21 p
  5. Kraak SBM, Reid DG, Gerritsen HD, Kelly CJ, Fitzpatrick M, Codling EA, Rogan E (2012) 21st century fisheries management: a spatio-temporally explicit tariff-based approach combining multiple drivers and incentivising responsible fishing. ICES J Mar Sci 69(4):590-601, doi:10.1093/icesjms/fss033