Stellvertretende Institutsleitung

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Institut für Marktanalyse

 

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Was die Gesellschaft von der Landwirtschaft erwartet

Projekt

 (c) Thünen-Institut / Michael Welling

Erwartungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft

Wie nimmt die Gesellschaft die Landwirtschaft wahr? Ist die Wahrnehmung des größten Teils der Bevölkerung durch Medienberichte vorgespannt? In einer Studie sind Wissenschaftlerinnen des Thünen-Instituts für Marktanalyse dieser Frage am Beispiel der Schweinehaltung, des Agrarstrukturwandels und der Biogasproduktion nachgegangen.

Hintergrund und Zielsetzung

Die moderne Landwirtschaft und insbesondere die Tierhaltung ist ein großes Thema in der öffentlichen Diskussion und den Medien – nicht zuletzt durch die scharfe Kritik an der sogenannten Massentierhaltung und immer wieder aufkommenden Lebensmittelskandalen. Gesellschaftliche Wahrnehmung und Vorstellungen scheinen weit von der Realität entfernt zu sein und sich eher an Bilderbuchwelten zu orientieren. Dennoch, die genauen Erwartungen und Prioritäten der Bevölkerung sind nicht bekannt. Wie die Gesellschaft auf die Landwirtschaft blickt, haben wir als Verbraucherforscherinnen des Thünen-Instituts für Marktanalyse in einer Studie exemplarisch für die Schweinehaltung, Biogasproduktion und den Agrarstrukturwandel untersucht. Ziel war es einerseits, die in der Gesellschaft vorherrschende Kritik und Erwartungen in ihrer Vielfalt und Tiefe zu erfassen und andererseits Bevölkerungsgruppen mit weitgehend identischen Einstellungen zu ermitteln. Landwirte und politische Entscheidungsträger erhalten so eine Orientierung über Hauptpunkte der teilweise massiven Kritik und Vorschläge, wie sie darauf reagieren können.

Strohballen (© aid infodienst e.V., P. Meyer)
Schweine (© aid infodienst e.V., P. Meyer)

Vorgehensweise

Wir kombinierten zwei Methoden in einem „mixed methods“-Ansatz miteinander: Zunächst untersuchten wir in sechs Gruppendiskussionen in verschiedenen Regionen Deutschlands, welche Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf das jeweilige Thema in der Gesellschaft kursieren. Die gewonnenen Ergebnisse haben wir anschließend in einer groß angelegten Erhebung mit standardisiertem Fragebogen über etwa 1500 Bürger gespiegelt.

Daten und Methoden

Die Gruppendiskussionen wurden digital aufgezeichnet, anschließend in Schriftform übertragen (transkribiert) und mithilfe des offenen Codierens ausgewertet. Hierbei bildeten wir Kategorien (zum Beispiel: Wahrnehmung Schweinestall, Wahrnehmung Tiere) und ordneten die in den Diskussionen gegebenen Antworten den verschiedenen Kategorien zu. So konnten wir den Kenntnisstand der Befragten und die Vielfalt an vorhandenen Meinungen aufdecken. Weiterhin dienten die Daten dazu, den Online-Fragebogen zu erstellen, mit dem wir eine weitgehend repräsentative Stichprobe des Meinungsbildes in der deutschen Bevölkerung zu den drei Themen gewinnen konnten. Die Daten dieser Online-Befragung haben wir mit multivariaten Analysemethoden ausgewertet. So konnten wir sowohl die Befragten in Bevölkerungsgruppen mit möglichst identischen Einstellungen einteilen, als auch ermitteln, wie Meinungen und Erwartungen mit sozioökonomischen Merkmalen verknüpft sind – etwa mit dem Geschlecht und dem Einkommen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie zeigen insgesamt eine überwiegend ablehnende und kritische Haltung zu den Themen Agrarstrukturwandel und Schweinehaltung. Die Biogaserzeugung wurde dagegen als nicht ganz so problematisch gesehen.
In den Diskussionsrunden zur Schweinehaltung zeigte sich beispielsweise, dass die Teilnehmer die Schweinehaltung generell als stark industrialisiert wahrnehmen. Das wirtschaftliche Denken der Agrarindustrie dominiere und ginge zulasten der Tiere, kritisierten die Diskussionsteilnehmer. Begriffe wie „Massentierhaltung“, „Agrarfabriken“ oder „total überfüllte Ställe" sind gefallen. In Bezug auf die Haltungsbedingungen der Schweine bemängelten die Diskussionsteilnehmer hauptsächlich den geringen Platz für das einzelne Tier. Verhaltensstörungen und einen hohen Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung führten viele auf Platzmangel zurück. Die überwiegend ablehnende oder kritische Haltung bestätigte sich in der anschließenden Befragung: Beispielsweise forderten über 90 Prozent der Befragten, dass die Einhaltung der Vorschriften strenger kontrolliert werden müsse. Weiterhin stimmten über 80 Prozent der Befragten der Auffassung zu, dass es den Tieren in der modernen Schweinehaltung an Platz zum Bewegen fehle. Trotz der insgesamt eher kritischen Haltung wurden bei der Befragung auch Unterschiede in der gesellschaftlichen Wahrnehmung deutlich. Basierend auf den Einstellungen ließen sich drei Bevölkerungsgruppen identifizieren: Neben den sehr engagierten „Gegnern“ der modernen Schweinehaltung machten die Wissenschaftlerinnen eine Gruppe unbeteiligter „Moderater“ und eine Gruppe „Tolerierender“ aus. Dabei verfügen die Gegner oft über eine bessere Bildung und über einen besseren Kenntnisstand der Landwirtschaft. Ursache der verbreiteten Kritik in der Bevölkerung ist also nicht das geringe Wissen über moderne landwirtschaftliche Produktionsmethoden. Im Gegenteil, die Studie gibt Hinweise darauf, dass „aufgeklärte“ Bürger der modernen Landwirtschaft besonders kritisch gegenüberstehen. Um die Form der Nutztierhaltung mit den gesellschaftlichen Erwartungen stärker in Einklang zu bringen, reicht es daher nicht aus, die Bevölkerung besser über die heute üblichen Haltungsformen aufzuklären.Vielmehr sollten sowohl Staat als auch Berufsstand stärker auf die Einhaltung der Gesetze achten. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf dem Platz pro Tier, dem Auslauf ins Freie sowie dem Medikamenteneinsatz liegen.

Thünen-Ansprechpartner


Zeitraum

2.2012 - 11.2013

Publikationen zu dem Projekt

Anzahl der Datensätze: 5

  1. Efken J, Christoph-Schulz IB, Weible D, Käsbohrer A, Tenhagen B-A, Appel B, Bäurle H, Tamasy C, Spemann K (2014) Der Markt für Fleisch und Fleischprodukte [online]. German J Agric Econ 63(Suppl.):58-72, zu finden in <http://www.gjae-online.de/news/pdfstamps/freeoutputs/GJAE-747_2014.pdf> [zitiert am 30.06.2014]
  2. Weible D, Christoph-Schulz IB, Salamon P (2013) Does the society perceive its own responsibility for modern pig production? In: The ethics of consumption : the citizen, the market and the law : EurSafe 2013, Uppsala, Sweden, 11-14 September 2013. Wageningen: Wageningen Academic Publ, pp 386-392
  3. Weible D, Christoph-Schulz IB, Salamon P (2013) Does the society perceive its own responsibility for modern pig production? In: Röcklinsberg H, Sandin P (eds) The ethics of consumption : the citizen, the market, and the law ; conference proceedings. Wageningen: Wageningen Academic Publ, pp 386-394
  4. Zander K, Isermeyer F, Bürgelt D, Christoph-Schulz IB, Salamon P, Weible D (2013) Erwartungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft. Münster: Stiftung Westfälische Landwirtschaft, 117 p
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  5. Christoph-Schulz IB, Bürgelt D, Salamon P, Weible D, Zander K (2012) A holistic approach to consumer research on exceptions regarding animal husbandry. In: Rickert U, Schiefer G (eds) Proceedings in system dynamics and innovation in food networks 2012 : Bonn, February 13-17, 2012. Bonn: Univ, pp 292-304