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Welchen Einfluss hat der Weidegang auf Gesundheit und Wohlbefinden von Milchkühen?

Projekt

 (c) Solveig March

Grazingcowhealth - Auswertung umfangreicher, im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau generierter Datensätze im Hinblick auf Beiträge des Graslandes und des Weideganges zu Gesundheit und Wohlbefinden von Milchkühen im Ökologischen Landbau

Tiere zu halten bedeutet in der ökologischen Landwirtschaft, es tiergerecht zu tun und ihnen arteigene Verhaltensweisen zu erlauben. Aber: Wie gesund ist etwa der Weidegang für Kühe?

Hintergrund und Zielsetzung

Tiergerechte Haltungsverfahren sind ein zentraler Aspekt der ökologischen Nutztierhaltung: Den Tieren soll möglich sein, arteigene Verhaltensweisen auszuleben. Weidegang ist obligatorisch für alle Wiederkäuer im ökologischen Landbau und zudem das Haltungssystem, das Rindern am ehesten gerecht wird. Da Wiederkäuer ein einzigartiges Verdauungssystem haben, können sie Pflanzen vom Grünland fressen und zu hochwertigen tierischen Lebensmitteln veredeln.

Die Milchviehhaltung ist ein relativ intensiver Produktionszweig innerhalb des ökologischen Landbaus. Hier kommt es darauf an, dass auch auf der Weide die Ansprüche der Tiere an Futterqualitäten und Inhaltsstoffe erfüllt werden. Erhebungen in Praxisbetrieben zeigen jedoch, dass die Leistungen auf Grasland im ökologischen Landbau oftmals unbefriedigend sind.

Bisher lagen jedoch keine bundesweiten Studien dazu vor, wie Grasland und Weidegang die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kühen in der ökologischen Milchviehhaltung beeinflussen.

Ziel des Vorhabens, das vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau und anderer Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) finanziert wurde, war daher:

  • die Variabilität der betrieblichen Konzepte der Weidenutzung bundesweit und überregional zu analysieren,
  • etwaige Strategietypen zu identifizieren und
  • auf dieser Basis die Effekte des Weidegangs auf Gesundheit und Wohlbefinden von Milchkühen im Ökologischen Landbau eingehend zu untersuchen.

Vorgehensweise

Wir haben die Effekte des Weidegangs anhand vorliegender Praxisdaten aus zwei bereits abgeschlossenen Projekten analysiert. In diesen ebenfalls vom BÖLN finanzierten Vorhaben wurden umfangreiche Daten zu Tiergesundheit und -wohlbefinden in 40 bzw. 106 ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben erfasst. Dabei zeigte sich, dass Produktionskrankheiten wie Störungen der Eutergesundheit und des Stoffwechsels sowie Lahmheiten in der ökologischen Milchviehhaltung nahezu ebenso häufig vorkommen wie in der konventionellen.

Während der regelmäßigen Betriebsbesuche in den Vorhaben wurden betriebsbezogene Daten zu Haltung, Herdenführung, Fütterung und Futterbau auf den Projektbetrieben er­hoben. Somit lagen detaillierte Informationen über das Management der erfassten Be­trie­be vor, eine Einschätzung des jeweiligen Niveaus des Herdenmanagements war möglich.

Spezifische Wetterdaten waren für die 106 Betriebe aus dem Forschungsvorhaben 07OE012-022 in ausreichender Tiefe vorhanden, um Witterungs­einflüsse ableiten zu können. Über die auf den Betrieben erhobenen Daten zu mittlerer Niederschlagsmenge, mittlerer Jahrestemperatur etc. hinaus konnten jahresbezogene Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) gesichert werden, die bereits in der Verknüpfung mit den einzelbetrieblichen Parametern vorlagen. Für die 40 Betriebe aus dem Forschungsvorhaben 03OE406/ 07OE003 lagen diese spezifischen Wetterdaten bislang noch nicht vor. Sie wurden daher im Projekt nachträglich angefordert, um sie mit den einzelbetrieblichen Parametern verknüpfen zu können.

Die aus den zwei oben angeführten Forschungsvorhaben (03OE406 / 07OE003 und 07OE012-022) vorliegenden Datensätze wurden um die Betriebe, die an beiden Projekten teilgenommen haben, bereinigt, so dass in die meisten der Auswertungen (inklusive der Clusteranalyse) 124 Betriebe einflossen.

Daten und Methoden

Für kontinuierliche Daten wurden im ersten Schritt Mittelwerte und Spannweiten deskriptiv dargestellt, für kategoriale Parameter Häufigkeiten angegeben. Damit erfolgte zudem eine Beschreibung der in den fünf Regionen vorherrschenden Betriebsstrukturen und Weideformen.

Um in die weitere Analyse vorherrschender Beweidungskonzepte und Weideintensitäten einsteigen zu können, wurden aus den vorliegenden Daten verschiedene Weideparameter identifiziert. Diese dienten im Folgenden als Unterscheidungsmerkmale für die Betrachtung von Betriebsgruppen. So wurden Betriebsgruppen gebildet, die sich im Weideumfang unterschieden, d.h. in der Anzahl Tage, die die laktierenden Milchkühe laut Angabe der Betriebsleiter jährlich auf der Weide verbrachten. Des Weiteren wurden Betriebe mit unterschiedlicher täglicher Weidedauer, unterschiedlichem Weideausmaß (Weidestunden pro Jahr) sowie unterschiedlicher Weidefunktion verglichen. Letztere basierte auf der vierstufigen Einschätzung der Hauptfunktion des Weidegangs im jeweiligen Betrieb (von „Fütterungsfunktion dominiert“ bis „Auslauffunktion dominiert“, basierend auf der Einschätzung von Zufütterungsintensität und täglicher Weidedauer).

Um auf Gruppenunterschiede zwischen den verschiedenen Betrieben mit unterschiedlicher Ausprägung der genannten Weideparameter in Bezug auf ausgewählte Tierwohlindikatoren testen zu können, wurden verschiedene Kategorien gebildet. Diese orientierten sich u.a. an bereits im Handel eingeführten Angaben und Vorgaben hinsichtlich des Weidegangs von Milchkühen, z.B. an den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung („Pflanzenfressern ist der Zugang zu Weideland zu ermöglichen, wann immer die Umstände dies gestatten“) und an den Definitionen von „Weidemilch“, wie einige Molkereien sie bereits im Handel kommuni­zieren (den Milchkühen muss an mindestens 120 Tagen im Jahr mindestens 6 Stunden Weidegang gewährt werden).

Als nichtparametrisches Testverfahren fand der Kruskall-Wallis-Test Anwendung; wenn dieser signifikante Gruppenunterschiede ausgab, wurden post-hoc paarweise Wilcoxon-Tests angeschlossen, um signifikante Unterschiede zwischen Betriebsgruppen zu ermitteln.

Zeitraum

10.2013 - 12.2016


Unsere Forschungsfragen

  • Wie gesund ist der Weidegang für die Milchkuh im ökologischen Landbau?
  • Welches sind die positiven Effekte auf die Tiergesundheit und das Tierwohlbefinden?
  • Gibt es auch negative Auswirkungen des Weidegangs?

Ergebnisse

Die Auswertungen ergaben keine eindeutige Abhängigkeit der Tiergesundheit von der Weidefunktion, dem Weideausmaß bzw. der Einhaltung der „Weidemilch“-Kriterien. Auch verschiedene Strategietypen (Weidekonstellations-Cluster), die  auf der Basis von Daten zu Standort, Betriebsstruktur und Managementfaktoren abgeleitet worden waren, unterschieden sich nicht eindeutig im Tiergesundheitsstatus. Die Gruppenunterschiede, die für die betrachteten Tiergesundheitsbereiche festgestellt wurden, konnten nur bedingt dem Weidegang zugeschrieben werden; die Einflüsse des Weidegangs (unterschiedlichen Ausmaßes) im engeren Sinne werden offensichtlich oft von anderen Managementfaktoren überlagert.

Es zeigte sich, dass Weidegang zwar - wie die derzeit rein handlungsorientierte EU-Verordnung zum ökologischen Landbau selbst - großes Potenzial für eine gute Tierwohl­situation bietet (z.B. weniger Lahmheiten und Gelenkschäden). Er stellt aber für alle Tiergesundheitsbereiche bei suboptimalem Management (z.B. mangelhafter Ausgleichs­fütterung) keine Garantie dafür dar, dass eine optimale Situation erreicht wird. Die EU-Verordnung zum ökologischen Landbau bzw. die teilweise bereits existierenden Weidemilchvorgaben einzelner Molkereien sollten daher um ergebnisorientierte Kriterien ergänzt werden, um insbesondere die tiergesundheitlichen Aspekte des Tierwohls besser einbeziehen zu können.


Artikel in "Wissenschaft Erleben"

Thünen-Ansprechpartner


Beteiligte Thünen-Partner


Beteiligte externe Thünen-Partner


Geldgeber

  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    (national, öffentlich)

Zeitraum

10.2013 - 12.2016

Weitere Projektdaten

Projekttyp:
Projektfördernummer: 12OE006
Förderprogramm: Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN)
Projektstatus: abgeschlossen

Publikationen

Anzahl der Datensätze: 6

  1. Wallenbeck A, Rousing T, Sørensen JT, Bieber A, Spengler Neff A, Fürst-Waltl B, Winckler C, Peiffer C, Steininger F, Simantke C, March S, Brinkmann J, Walczak J, Wojcik P, Ribikauskas V, Wilhelmsson S, Skjerve T, Ivemeyer S (2018) Characteristics of organic dairy major farm types in seven European countries. Organic Agric:in Press, DOI:10.1007/s13165-018-0227-9
  2. Wagner K, Brinkmann J, March S, Hinterstoißer P, Warnecke S, Schüler M, Paulsen HM (2018) Impact of daily grazing time on dairy cow welfare-results of the Welfare Quality® Protocol. Animals MDPI 8(1):1, DOI:10.3390/ani8010001
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 210 KB
  3. Ivemeyer S, Brinkmann J, March S, Simantke C, Winckler C, Knierim U (2018) Major organic dairy farm types in Germany and their farm, herd, and management characteristics. Organic Agric 8(3):231-247, DOI:10.1007/s13165-017-0189-3
  4. March S, Brinkmann J, Müller J, Winckler C (2017) Welchen Einfluss hat der Weidegang auf die Gesundheit von Milchkühen? : erste Ergebnisse von Auswertungen umfangreicher Praxiserhebungen in der ökologischen Milchviehhaltung. In: Wolfrum S, Heuwinkel H, Reents HJ, Hülsbergen KJ (eds) Ökologischen Landbau weiterdenken - Verantwortung übernehmen, Vertrauen stärken : Beiträge zur 14. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Freising-Weihenstephan, 7. bis 10. März 2017. Berlin: Köster, pp 546-548
  5. Hillmer A, March S (2015) Hinaus ins Grüne - Nachhaltige Milchviehhaltung: Interview. Hamburger Abendbl(04.05.15):Rubr. Wissen, S. 17
  6. Brinkmann J, March S (2014) Tiergesundheit nach Plan. Bio Land(10):34-36