in den Atlantik

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 455. Reise

Dauer der Reise: 21. März bis 25. April 2022

Fahrtgebiet: Biskaya, Keltische See und Seegebiet westlich von Irland

Zweck der Reise: Beteiligung am internationalen Makrelen- und Stöckereier-Survey

Hintergrund und Ziel des Surveys

Alle drei Jahre wird die Bestandsgröße der Nordostatlantischen Makrele, eine der wichtigsten kommerziellen Fischarten Europas, durch eine groß angelegte internationale Forschungskampagne abgeschätzt – in diesem Jahr zum ersten Mal mit der Abdeckung der Nordsee im gleichen Jahr. Bisher fand der Nordseesurvey immer erst im Jahr nach dem „großen“ Survey statt, da die beteiligten Länder nicht gleichzeitig beide Gebiete abdecken konnten. Mit der Teilnahme von Dänemark und dem Vereinigten Königreich ist das nun zum ersten Mal möglich. Weitere Teilnehmer 2022 sind Portugal, Spanien, die Niederlande, Irland, Norwegen und die Färöer Inseln.

Das Thünen-Institut für Seefischerei beteiligt sich bis zum 25. April an dieser Forschungskampagne und deckt dabei Gebiete in der nördlichen Biskaya, der Keltischen See und dem Seegebiet westlich Irlands ab. Dabei werden die Makreleneier mit dem Planktonfanggerät „Nackthai“ gesammelt sowie Fischereihols durchgeführt.

Die Populationsgröße der Makrele wird über die Anzahl der abgelegten Eier in Bezug zur Fruchtbarkeit der Elterntiere abgeschätzt. Dabei werden während der Laichzeit der Makrele und im Laichgebiet etwa alle 20 Seemeilen Planktonproben genommen und auf frisch geschlüpfte Makreleneier untersucht. Aus dieser Eiproduktion zusammen mit Untersuchungen zur Fruchtbarkeit der adulten Makrelen kann dann ein Index zur Populationsgröße gegeben werden. Zusätzlich wird der Survey auch für die Bestandsabschätzung des Stöckers genutzt, einer weiteren für die europäische Fischerei wichtigen Art.

Fahrtleiter: Jens Ulleweit, Thünen-Institut für Seefischerei

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, den 21. April, haben wir die Probennahmen abgeschlossen – 130-mal ist der Nackthai zu Wasser gegangen. Damit konnten wir das Gebiet des zweiten Abschnitts der Reise von der Biskaya bis zum nördlichsten Punkt Irlands erfolgreich abdecken. Zusammen mit den Fischereihols haben wir wertvolle Daten für die Bestandsabschätzung des nordostatlantischen Makrelenbestandes gesammelt.

Abbildung 2 zeigt die vorläufigen Ergebnisse des zweiten Abschnitts. Im Vergleich zu den Vorjahren zeigt sich sowohl für die Makrele als auch den Stöcker eine geringere Laichaktivität. Allerdings wird sich das vollständige Bild erst nach Abschluss aller beteiligten Forschungsreisen der europäischen Partner ergeben. Erst dann können Rückschlüsse auf die Entwicklung des gesamten Makrelenbestandes gezogen werden. Das wird im August dieses Jahres soweit sein.

Ich möchte mich beim wissenschaftlichen Team bedanken, das wieder mit super Elan dabei war und auch bei schlechtestem Wetter tapfer Fischeier unter dem Binokular aus den Proben gesammelt hat. Wer das schon mal auf einem stark schwankenden Schiff in stürmischem Wetter gemacht hat, der weiß, wie anstrengend das ist. Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei der hervorragenden seemännischen Crew unter Kapitän Werner Stumpp bedanken, ohne die der erfolgreiche Abschluss dieser Reise gar nicht möglich gewesen wäre. Vielen Dank an alle!

Bis zum nächsten Mal in drei Jahren – 2025!
Jens Ulleweit (Fahrtleiter)

Als professionelle Eiersucher im Atlantik stießen wir am frühen Ostersonntag auf einen besonderen Fang auf einer unseren westlichsten Plankton-Stationen bei der Porcupine Bank: eine größere Anzahl von oval geformten Fischeiern (Abb. 1). In der Fachliteratur werden ovale Fischeier nur für sehr wenige Fischarten beschrieben. Es ist uns gelungen, diese Eier im Brutkühlschrank lebend zu hältern, so dass wir die Larvenentwicklung verfolgen konnten. Nach einer gründlichen Literaturrecherche kommt unser Experte Dr. Matthias Kloppmann zu dem Schluss, dass es sich dabei um Eier des Eingeweidefisches (Echiodon drummondi, Abb. 4) handelt. Diese Art hat eine eigentümliche Biologie und heißt so, weil sie in Körperöffnungen von Seeigeln, Seesternen oder auch Seegurken Schutz sucht.

Für das Hauptziel des Surveys, die Abschätzung der Bestandsgröße der Makrele, reicht es nicht, nur die Anzahl der im Meer schwimmenden frisch abgelaichten Makreleneier zu bestimmen. Es muss auch die Menge der Eier bestimmt werden, die durchschnittlich ein einzelnes Weibchen im Körper produziert. Weiß man das, dividiert man – vereinfacht dargestellt – diesen Durchschnittswert durch die Anzahl der frisch abgelaichten Eier und erhält die Anzahl der laichenden Weibchen. Darum führen wir auch Fischereihols durch, um Proben zur Bestimmung der Fruchtbarkeit der Makrele zu erhalten. Auch das Geschlechtsverhältnis bestimmen wir aus diesen Fischereihols. Mit diesen Daten kann man auf die Menge des Laichbestandes schließen und auch das Gewicht, die sogenannte Laicherbiomasse, abschätzen.

Wie in der Einleitung beschrieben, geht dieser Wert dann letztendlich in die Bestandsberechnungen ein, die von einer Arbeitsgruppe des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) durchgeführt werden. Es ist ein unabhängig von der kommerziellen Fischerei erhobener Wert, und damit ist er von besonderer Bedeutung für die Bestandsabschätzung. Andere Eingangsdaten für diese Bestandsberechnungen sind unter anderem die offiziellen Makrelen-Anlandemengen der einzelnen Fangnationen sowie Daten von wissenschaftlichen Beobachtern an Bord von Fischereifahrzeugen (Längen, Gewichte, Altersstruktur). Am Ende empfiehlt die Arbeitsgruppe eine Höchstgesamtfangmenge für den nordostatlantischen Makrelenbestand, die die Grundlage für die Fischereiquoten bildet.

In den Fängen der über dem Grund in 130 bis 180 m Tiefe von uns durchgeführten Fischereihols zeigt sich ein durchaus diverses Bild: Neben Makrelen und Stöcker waren Blaue Wittlinge, Eberfische, Seehechte, zwei Seeteufelarten, Schellfische, Wittlinge, Heringskönige, Flügelbutte, Streifenzungen und andere Arten im Netz. In einem in ca. 270 m Tiefe durchgeführten Hol fanden wir zusätzlich Grenadierfische, einen Meeraal, Lachshering und einen Eingeweidefisch.

Aus den Makrelenfängen wurden Unterproben für die Fruchtbarkeitsuntersuchungen näher untersucht. Dazu gehören neben der Bestimmung der Länge und des Gewichts des Tieres sowie der Gonade die Geschlechts- und Reifebestimmung. Weiterhin wurden zahlreiche Mikrokapillarproben für die Fruchtbarkeitsanalysen aus den Geschlechtsdrüsen von adulten weiblichen Makrelen gewonnen. Zusätzlich wurden auch die Otolithen (Gehörsteinchen) für die Altersbestimmung den Tieren entnommen.

Zurzeit befinden wir uns auf unserem nördlichsten Transekt auf 55.15N westlich von Tory Island. Wenn wir diesen Transekt abgeschlossen haben, werden wir wieder auf südlichen Kurs gehen und den letzten Abschnitt des Surveys beginnen.

Nach 11 Tagen auf See haben wir nun den ersten Abschnitt der Reise – Keltische See und südlich der Porcupine Bank – abgeschlossen. Seit vorletzten Samstag konnten wir knapp 40 Nackthaistationen abarbeiten, bevor uns am Mittwoch ein Sturmtief zu anderthalb Tagen Pause zwang. Wenigstens hatten wir dabei einen schönen Blick, dann wir konnten in der irischen Dingle Bay abwettern. Am Donnerstagnachmittag konnten wir dann wieder die Arbeiten aufnehmen und weitere Nackthaihols sowie Fischereihols zur Gewinnung von Gonadenproben durchführen.

Bis jetzt haben wir gut 10.000 Fischeier aus den bisherigen Nackthaiproben heraussortiert, wovon über 6.700 als Makreleneier und über 2.000 als Stöckereier identifiziert wurden. Die Identifikation der Eier erfolgt neben äußerlichen Merkmalen über die Größe des Eidurchmessers sowie über die Größe der Ölkugel, die die Eier beider Arten aufweisen. Eine oder mehrere Ölkugeln findet man in den Eiern vieler Fischarten. Sie dienen wahrscheinlich als Schwebehilfe. Sind die Makrelen- und Stöckereier identifiziert, müssen wir noch das Entwicklungsstadium bestimmen. Denn nur die frühen Entwicklungsstadien gehen in Berechnung der Eiproduktion ein.

Eine erste vorläufige Auswertung zeigt die Konzentration des Laichgeschehens während dieses ersten Abschnittes auf einigen Regionen am Schelfrand bei etwa 200 m Wassertiefe und in flacheren Bereichen des Kontinentalschelfs (Abb. 4).

Neben Fischeiern der unterschiedlichsten Arten finden sich in den Planktonproben auch viele andere Bestandteile wie Fischlarven, Krebschen, Mollusken und anderes. Auffallend sind dabei zum Beispiel juvenile Stadien von Seesternen oder auch Cephalopoden (Abb. 5). Beeindruckend sieht auch Phronima sedentaria aus, ein Flohkrebs, der das Innere einer Salpe auffrisst und dann darin wohnt wie Diogenes in der Tonne (Abb. 6).

Seit gestern haben wir nun den zweiten Abschnitt unseres Surveys begonnen und arbeiten gerade die südlichsten Transekte des Untersuchungsgebietes ab, bevor wir wieder auf nördlichen Kurs gehen.

Leider blieb unser Survey, wie vieles anderes, nicht von der Pandemie verschont. Positive Coronatests bei Wissenschaft und Crew sorgten dafür, dass sich unsere Abfahrt um mehrere Tage verzögerte und wir erst am 30. März ausgelaufen sind. Die Reisezeit von zweieinhalb Tagen in das Untersuchungsgebiet haben wir dazu genutzt, die Labore einzurichten; wir wurden in der Schiffssicherheit unterwiesen und auch ein Sicherheitsmanöver fand schon statt. Wir haben uns also schon an das Bordleben gewöhnen können und sind jetzt gut eingeschaukelt.

Am Ausgang des Englischen Kanals starteten wir gestern Mittag mit einem Probehol, um die Systeme und den Ablauf zu testen. Eine erste Überraschung gab es im Fang des Testhols: Larven von Tiefseefischen, die eigentlich in diesen flachen Bereichen nicht vorkommen und wahrscheinlich durch starke Atlantikwassereinströmungen in den Kanal gedriftet worden sind.

Zurzeit sind wir gut auf dem Weg. Wir haben am frühen Samstagmorgen in der Keltischen See mit unserem Routineprogramm begonnen. Von nun an werden wir Tag und Nacht etwa alle 20 Seemeilen einen Planktonfang mit dem Hochgeschwindigkeits-Planktonfanggerät „Nackthai“ durchführen und die Fänge auf das Vorhandensein von frisch abgelaichten Makrelen- und Stöckereiern untersuchen. Ob wir schon welche gefangen haben, werden wir ab heute Nachmittag herausfinden, wenn wir die erste Probe nach der vorgeschriebenen Fixierungszeit von 12 Stunden genauer anschauen können.

Viele Grüße von Bord der „Walther Herwig III“
Jens Ulleweit (Fahrtleiter)