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in grönländische Gewässer

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 431. Reise

Dauer der Reise: 30. September bis 15. November 2019

Fahrtgebiet: Nordatlantik

Zweck der Reise: Bestandsuntersuchungen an grönländischen Grundfischbeständen und ozeanographisch/klimatologische Untersuchungen.

Forschungsziele und Karte

Seit 1982 wird die West- und Ostküste von Grönland jährlich nach einem standardisierten Fangprogramm beprobt. Das Untersuchungsgebiet ist in 14 Strata unterteilt. Die jeweils erste Nummer der Strata-Bezeichnungen gibt die geografische Lage an, die zweite Nummer die Fangtiefe (1 = 0-200 Meter; 2 = 201-400 Meter) (© Thünen-Institut)

Das Forschungsprogramm der 431. Reise umfasst fischereibiologische Untersuchungen der grönländischen Kabeljau- und Rotbarschbestände sowie anderer ökologisch wichtiger Grundfischarten. Sie dienen als Grundlage für die Entwicklung von verbesserten Management- und Nutzungsstrategien.

Aufgaben während der Fahrt:

  1. Untersuchungen zur Dynamik des Kabeljaubestandes: Geplant sind ca. 100 Hols, von denen sich die Hälfte auf die Teiluntersuchungsgebiete (Strata; s. Abbildung) verteilt. Die restlichen Hols erfolgen proportional nach der mittleren historischen Häufigkeit der Kabeljau in den Strata.
  2. Untersuchungen zur Dynamik der Rotbarschbestände: Artenzusammensetzung, Länge, Gewicht, Otolithen, Geschlechterverteilung und Geschlechtsreife der Bankrotbarsche und der Tiefseerotbarsche.
  3. Untersuchungen zur Grundfischgemeinschaft: Aufnahme von Anzahl, Gewicht und Länge sämtlicher anderer gefangener Fischarten.
  4. Hydroakustische Untersuchungen.
  5. Ozeanographische Untersuchungen.

Die beiden Kolleginnen vom Hamburger Institut für Marine Ökosysteme und Fischereiforschung, Constanze Hammerl und Kristina Heidrich, fassen unsere letzte Reisephase zusammen:

Constanze und Kristina (© Thünen-Institut)

„Voller Elan starteten wir in die letzte Woche der Fischerei – motiviert, den 100. Hol zu knacken. Unser Eifer wurde direkt mit der Sichtung dutzender Buckelwale bei spiegelglatter See inklusive Sichtung der Fluken beim Abtauchen belohnt. Nachmittags folgte die Sichtung einer bisher unentdeckten Art; nennen wir sie mal den Arktischen Minipinguin, Pinguinus micrus arcticus – da soll nochmal jemand sagen, in der Arktis gäbe es keine Pinguine (… schlußendlich wars aber Uria aalgae, die Trottellumme)!

Danach folgte leider wieder Ernüchterung, da wir wegen des schlechten Wetters unsere 100 Hols leider doch nicht erreichen konnten. Also trösteten wir uns selbst mit einem Fischbratabend: Annika und Peter tischten leckeren Katfisch, Heilbutt, Rotbarsch, Kabeljau, Seelachs, Lumb und eine besonders beliebte Rarität auf, den Blauleng. Damit hatten wir dann wieder Energie für unseren letzten Fischereitag. 94 Hols haben wir geschafft, leider aber zwei ganze Teilgebiete im Norden Westgrönlands nicht beproben können.

Wir lassen Revue passieren und können kaum glauben, wie schnell die letzten fünf Wochen, 94 Hols und etliche Stürme vergangen sind. Wir schauen zurück auf viele schöne Ausblicke, wie die wunderschöne, weiße Küste Grönlands, die raue Landschaft Qaqortoqs, unglaubliche Begegnungen mit Walen, den Gletscher „Isblink” und beeindruckende Polarlichter.

Der Tag der Rückreise bricht an, und wir läuten den Morgen mit einem letzten Blick auf einen Eisberg und die atemberaubende Küste Grönlands ein. Wir stellen uns schon mal auf schlaflose Nächte und wildes Geschaukel ein. Bis dahin hoffen wir auf besseres Wetter und eine schnelle und sichere Heimreise. Bis irgendwann mal, Grönland!“

Wir danken der Besatzung und dem Kapitän Stefan Meier für die gute und erfolgreiche Zusammenarbeit während der Reise.

Heino Fock (Fahrtleiter)

Unsere Kolleginnen Janina Röckner und Mara Rosmann fassen die letzte Woche zusammen:

Die Autorinnen dieses Wochenberichts: Mara und Janina (© Thünen-Institut)

„Die spannende Reise geht weiter. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Es steht fest: Am Mittwoch geht es nach Qaqortoq, einer Stadt an der Südwestküste Grönlands. Hoch motiviert starten die fleißigen Forscher in die nächste Woche. Schnell wird der Eifer belohnt und die Besatzung der Walther Herwig darf Bekanntschaft mit einem Riesen aus der Tiefe machen, einem 3.5 Meter langen Grönlandhai.

Montag stand den Forschern eine besondere Nacht bevor. Um Punkt 21 Uhr umrundete das Team das Südkap Grönlands und ließ den Osten hinter sich. Die Hälfte der Reise war geschafft. Passend zum Anlass durften die Forscher nach 24 Tagen auf See endlich wieder einen Fuß aufs Land setzen. Trotz der begrenzten Zeit ging der Zauber der Stadt mit ihrer unberührten Natur und den bunten Häusern auf alle über.

Wieder auf See blieb den Wissenschaftlern keine Pause. Die lange Nacht der hydrographischen Messungen stand bevor. Alle fieberten der 3000 m tiefen Sondenfahrt entgegen, um das Tiefenwasser aus der Dänemarkstraße zu messen. Zur allgemeinen Veranschaulichung der Wirkung des Wasserdrucks wurde ein Wettbewerb ausgerufen, um die Schrumpfung eines Styroporstückes zu schätzen. Dem Sieger winkte als Preis ein ebenfalls auf 3000 m herabgelassenes Ei als Frühstücksei, in welcher Form auch immer es wieder zur Oberfläche gelangen würde. Das Ei blieb ganz.

Am Ende dieser ereignisreichen Woche zeigten sich die Extreme der Natur ein weiteres Mal in Form eines Weißen Heilbutts mit einer Länge von 1,91 m. Mit Abschluss des 74. Hols begeben sich die zufriedenen Forscher in die nächste Woche.“

Für die meisten Mitglieder der wissenschaftlichen Crew ist es der erste Survey in arktischen Gewässern zu dieser Jahreszeit. Unsere Hamburger Kollegin Merle Twesten beschreibt ihre Eindrücke so: 

Die Autorin diese Beitrags: Merle (© Thünen-Institut)

„Wegen des schlechten Wetters konnten wir Montag und Dienstag nicht fischen, und auch der Mittwoch war nicht unbedingt mit Arbeit vollgepackt. Das schlägt so langsam auf die Gemüter und wir wissen nicht recht, wohin mit unserer Zeit. Zum Glück hält uns unsere Bordserie Breaking Bad aufrecht.

Fast schlimmer als die trostlosen Tage sind allerdings das mangelnde Tageslicht in den unteren Kammern aufgrund des anhaltenden Verschlusszustandes der Bullaugen und die schlaflosen Nächte. Das Geschaukel macht es nahezu unmöglich, genug Schlaf zu finden. Das zerrt an den Nerven. Was uns aber täglich Kraft verleiht, sind die unglaublichen Ausblicke auf die Ostküste Grönlands, Wale, Polarlichter, Eisberge und atemberaubend schöne Sonnenuntergänge in der ersten Reihe. Das glaubt einem zu Hause kein Mensch!

Am Donnerstag hatten wir einen riesigen Seelachshol, der uns bei einem Durchschnittsgewicht von 12 kg pro Fisch viel körperliche Kraft abverlangt hat. Zum Ende der Woche wurde das Wetter glücklicherweise besser und wir konnten regelmäßig weiterfischen. Die sonntäglichen Pfannkuchen waren – zusammen mit dem 50. Hol – der krönende Abschluss der Woche. Nun können wir weiterdampfen nach Qaqortoq.“

Ostgrönland: Seit acht Tagen fischen wir, davon sind letzte Woche zwei Tage ganz wegen Sturm ausgefallen. Keine einfachen Voraussetzungen für die Besatzung, um bei Temperaturen um 1 °C an Deck zu arbeiten. Wir versuchen, den Sturmgebieten weitestgehend auszuweichen, indem wir das Operationsgebiet den aktuellen Windvorhersagen entsprechend verschieben, um so machbare Arbeitsbedingungen zu finden. Bislang haben wir vier Eisberge angetroffen, die aber weit unter Land trieben und unsere Arbeit nicht behinderten. Insgesamt haben wir 30 Hols geschafft, wobei wir neben der Schelfkante auch auf dem Schelf bei ca. 100 bis 250 m Wassertiefe gut arbeiten konnten.

Die Fänge für Kabeljau und Rotbarsch fallen etwas geringer aus als 2016, dem letzten verfügbaren Referenzjahr (die Surveys 2017 und 2018 waren teilweise oder ganz ausgefallen). Auffällig sind viele juvenile Katfische (Gattung Anarhichas), was auf eine gute Rekrutierung für diese Art in den letzten beiden Jahren schließen lässt.

Das nächste Sturmtief zwingt uns erneut zu einer Zwangspause von Montag bis voraussichtlich Mittwoch. Wir sind aber zuversichtlich, in der zweiten Wochenhälfte die fehlenden Stationen abarbeiten zu können. Es grüßen von Bord Annika, Chiara, Constanze, Janina, Katharina, Kristina, Mara, Merle, Peter und Heino

Auslaufen bei stürmischen Winden – Sturmtief MORTIMER bestimmt die ersten beiden Tage und damit die Passage durch die Nordsee. Kollege LORENZO empfängt uns dann an den Pentlands und versperrt uns den direkten Weg durch den Nordatlantik. Wir weichen nach Norden aus und nähern uns über die Faröer und der Nordseite Islands dem Untersuchungsgebiet vor Ostgrönland. Morgen startet die Fischerei!

Es grüßen von Bord: Annika, Chiara, Constanze, Janina, Katharina, Kristina, Mara, Merle, Peter und Heino.