in die Nord- und Ostsee

Expedition

Walther Herwig III, Seetagebuch der 441. Reise

Dauer der Reise: 1. bis 20. Dezember 2020

Fahrtgebiet: Das Arbeitsprogramm beginnt in der Nordsee, danach Weiterfahrt in die Ostsee, Zwischenstopp in Rostock und Fortsetzung des Programms Richtung Finnischer Meerbusen mit Untersuchungen im Bornholmbecken, östlichen Gotlandbecken und der nördlichen Ostsee.

Zweck der Reise: Untersuchungen zu biologischen Schadstoffeffekten / Meeresumwelt. Auf der Fahrt werden u.a. Fischproben für die Analytik von radioaktiven Substanzen, Schwermtallen und organischen Schadstoffen gewonnen und Abfälle/Müll gemäß ICES-Protokoll erfasst.

Fahrtleiter: Dr. Pedro Nogueira, Thünen-Institut für Fischereiökologie

Am Morgen des 30. November brechen wir in aller Frühe auf. Ziel ist noch nicht die Walter Herwig III, sondern das Corona-Testcenter in Bremerhaven. Schließlich ist es wichtig, dass wir alle negativ getestet werden, damit die Reise planmäßig verlaufen kann.

Und tatsächlich – kein einziges positives Ergebnis! Dennoch tragen wir in der Anfangszeit noch Mund- und Nasenschutz und achten auf genügend Abstand, denn sicher ist sicher.

Wir laufen erst am 1. Dezember aus, haben also noch genügend Zeit, die Labore einzurichten und alles festzuzurren. Auch erhalten wir eine Sicherheitseinweisung und eine Einweisung für die CTD-Sonde, die auf dieser Reise von uns HiWis bedient werden wird. Darüber werden wir später noch mehr berichten.

Mit an Bord ist dieses Mal der ROTV, Spitzname Juli, mit dem wir live unsere Geräte unter Wasser im Einsatz beobachten können. Auch darüber werden wir noch in einem extra Eintrag genauer berichten.

Auf dieser Reise sind wir nur ein siebenköpfiges Wissenschaftsteam. Da ist es besonders wichtig, dass jeder seine Aufgaben kennt und weiß, was wann wie getan werden soll. Aber ich bin zuversichtlich. Da fast alle von uns schon einmal auf der Herwig gefahren sind, werden wir schnell eine eingespielte Gruppe sein. Für mich ist das nun schon das dritte Mal an Bord. Ich freue mich, wieder dabei sein zu dürfen!

Dann ist es endlich so weit: Um 14 Uhr sind wir in der Schleuse angemeldet. Es geht hindurch, hinaus aus Bremerhaven und hinein ins offene Meer.

Viele Grüße von Bord
Murielle Muesfeldt

Übermorgen laufen wir in Warnemünde ein. Dort wird uns der ROTV, der Unterwasser-Schleppkörper mit Kameras und Sonar, vorzeitig verlassen.

Wir alle waren voller Freude gewesen, hatten das Gerät zusammengebaut, die Kabel über das ganze Schiff gelegt und uns auf der Brücke mit Monitoren eingerichtet. Der ROTV – auf englisch (R)emotly (O)perating (T)owed (V)ehicle – erlaubt es, unter Wasser Netze und anderes Fischereigerät zu beobachten. Eigentlich! Mit dem ROTV wollten wir live in die Unterwasserwelt eintauchen und verschiedene Geräte im Einsatz studieren. Die Kameras liefen, die Steuerung funktionierte – jetzt musste das Gerät nur noch zu Wasser gelassen werden. Aber dann begann die Tragödie: Die Bildschirme wurden schwarz. Das Bild war weg. Ein technisches Problem. Vermutlich ein Knick im Lichtwellenleiter des Schleppkabels.

Trotz vieler Bemühungen haben wir es leider nicht geschafft, ihn zu reparieren. Jetzt heißt es „Auf Wiedersehen“, mögest du bald repariert werden.

Doch es sind nicht nur schlechte Nachrichten, die wir hier mit euch teilen wollen. Wir hatten schon unsere ersten beiden Hols. Gewiss seid ihr gespannt, was uns Netz gegangen ist. Mit dabei waren viele Wittlinge, einige Klieschen, Heringe und Sprotten sowie drei Katzenhaie und eine Seezunge.

Jetzt ist es soweit – wir legen in Warnemünde an. Hier bleiben wir aber nur einige Stunden zum Abladen. Selbstverständlich bleiben wir wegen möglicher Corona-Ansteckungsgefahr auf dem Schiff und gehen nicht von Bord. Dann, im Dunkeln, geht es wieder los.

Morgen früh soll der nächste Hol gleich nach dem Frühstück an Deck kommen. Wir freuen uns alle, die folgenden Tage mit Fischen verbringen zu können.

Trotz des starken Windes haben wir die letzten Tage mit Fischen verbracht. Vor allem Dorsche und Flundern sind uns hier in der Ostsee ins Netz gegangen. Wir sind zwar nur ein kleines Team, aber jeder kennt seine Aufgaben genau.

Um einen besseren Einblick in die Forschung hinter unserer Arbeit zu geben, hat sich unser estländischer Gastwissenschaftler Randel Kreitsberg zu einem Interview bereit erklärt. Er ist Wissenschaftler im Bereich Umwelttoxikologie an der Universität Tartu.

-> Fünf Fragen an Randel Kreitsberg:

Randel Kreitsberg, Umwelttoxikologe aus Estland, forscht über Mikroplastik und über Krebserkrankungen bei Fischen. Randel ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist gern draußen, segelt und macht Sport. Wenn er sich selbst beschreiben soll, hält er es mit Karlsson vom Dach von Astrid Lindgren: „Ich bin ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in meinen besten Jahren.“

Was für eine Fragestellung hat dich an Bord an der Herwig gebracht?

Ein Projekt zu Krebserkrankungen von Fischen. Unser Plan ist, die Evolution der Ostsee-Flundern in Beziehung zu setzen zur toxischen Verschmutzung der Ostsee. Dazu schauen wir uns mit Biomarkern die Gesundheit der Fische an. Zurzeit kartographieren wir die Ostsee und Teile der Nordsee für die Common-garden-Experimente der nächsten Jahre. Bei einem Common-garden-Experiment werden zwei Arten ihrer natürlichen Umwelt entnommen und in eine gemeinsame Umgebung – also den ‚gemeinsamen Garten‘ – gebracht, um so die Auswirkungen der Umwelt zu erforschen. Wir planen also, Fische von verschiedenen Bereichen der Ostsee zu nehmen, zusammen in einen Fischtank zu setzen und zu schauen, wie sie sich in dieser Situation entwickeln. Die große Frage ist, ob sich die Fische an die verschmutzte Umgebung in der Ostsee angepasst haben und ob sie molekulare oder genetische Mechanismen entwickelt haben, um sich vor Krebserkrankungen zu schützen.

Was für Proben entnimmst du und für welchen Zweck?

Das wichtigste Organ in Fischen, wenn es darum geht, eine toxische Umwelt zu überleben, ist die Leber. Der Umstand, dass toxischen Substanzen schon sehr lange Zeit in der Umwelt sind und die Leber spezielle Schutzenzyme entwickelt hat, ist der Grund, weswegen wir uns die Leber genau ansehen. Dort liegt allerdings auch ein Paradoxon. Die Enzyme schützen den Fisch vor Krebs, können diesen aber auch über eine Reihe von Reaktionen selbst induzieren. Auch da schauen wir uns molekulare Marker an.

Zusätzlich nehmen wir Proben der Galle, da dort die Endprodukte des toxischen Metabolismus landen, außerdem Muskelproben zur Untersuchung auf Schwermetalle.

Wieso eignen sich Flundern?

Zum einen sind Flundern als bodenlebende Plattfische den toxischen Chemikalien des Sediments ausgesetzt. Zum anderen essen Menschen Flundern, also ist es ein wichtiger Fisch. Flundern kommen in vielen Teilen der Ostsee häufig vor. Außerdem haben wir Informationen über ihr Genom, kennen also einige ihrer Gene. Es ist schwerer mit einer Art zu arbeiten, die zuvor noch nicht näher erforscht wurde.

Zusätzlich haben wir, aufgrund einer Empfehlung von Thomas Lang vom Thünen-Institut für Fischereiökologie, Klieschen von der Nordsee zu den von uns untersuchten Tieren hinzugefügt. Da sie auch Plattfische sind, ähneln sie sich in ihrer Lebensweise. In gleichen Arealen haben Klieschen Krebs und Flundern nicht. Da müssen wir uns die Gene genauer anschauen.

Was war bisher der schönste Moment auf der Reise?

Ich mag diese hohen Wellen, das Schaukeln des Schiffs und wenn das Essen mal wieder vom Tisch rutschen möchte. Es ist eine großartige Erfahrung, unter extremen Bedingungen zu arbeiten. Und toll waren natürlich auch die kleinen Schokoladen-Weihnachtsmänner, die der Nikolaus vor unsere Türen gestellt hatte.

Was ist dein Lieblingsfisch?

Der Hamlet-Barsch, da er für mich die Vielfältigkeit der Fische repräsentiert. Hamlet-Barsche sind simultane Hermaphroditen. Wenn sie sich paaren, entscheiden sie sich, welches Geschlecht sie annehmen, und wechseln dieses nach der Paarung. Die monogamen Hamlet-Barsche balzen im Sonnenuntergang mit einzigartigen Tänzen und Geräuschen, die sie von sich geben. Fische sind eine der interessantesten Tiergruppen – einfach, weil sie so vielfältig sind.

Dass bei so einer Seereise nicht immer alles reibungslos ablaufen kann, haben wir heute gelernt. Wir hatten uns bis in den Bottnischen Meerbusen gewagt, den Ausläufer der Ostsee zwischen Schweden und Finnland, um neue Gebiete für die Fischereiforschung zu erproben. Statt auf Fische traf unser Netz allerdings auf Schlick. So viel Schlick, dass der Steert, das Ende des Schleppnetzes, abriss. Von diesem Unglück ließen wir uns allerdings nicht unterkriegen. Die Mannschaft machte sich in Windeseile daran, einen neuen Steert anzubringen.

Währenddessen versuchten wir, mittels Angeln wenigstens ein paar Fische aus diesem Gebiet zu bekommen. Kälte und Wind zum Trotz standen wir an der Reling, doch die Fische wollten einfach nicht anbeißen. Geknickt war unsere Stimmung dennoch nicht, wussten wir doch, dass spätestens morgen das reparierte Netz wieder ins Wasser gehen würde, um uns den nächsten Hol zu bringen.

Seehecht (© R. Kreitsberg)

Zu den Fischen, welche wir in den letzten Tagen so in unserem Netz hatten, wollen wir auch noch etwas erzählen: Während eines Hol innerhalb der Kieler Bucht befand sich in einem der Fänge ein silbriger, länglicher Fisch mit sehr dunklen, fast schon schwarzen Lippen. Zudem besaß dieser Fisch sehr spitze und kräftige Zähne. Es handelte sich um einen Seehecht (Merluccius merluccius). Mit dieser Art hätten wir eher in der Nordsee gerechnet, aber nicht wirklich in der Ostsee.

Seeskorpion (© R. Kreitsberg)

Als wir nun vor Estland mit unseren ersten Fängen angefangen haben, befanden sich unter den gefangenen Flundern (Platichthys flesus) auch einige Seeskorpione (Myoxocephalus scorpius). Diese gefährlich anmutenden Fische besitzen einige Stacheln, sind jedoch ungiftig. Allerdings kommen gerade in diesem Seegebiet mehrere ähnliche Arten vor. Um sicher zu sein, dass wir es auch wirklich mit Seeskorpionen zu tun hatten, haben wir in der Fachliteratur recherchiert und herausgefunden, dass die Kiemenmembranen unter der Kehle miteinander zu einer Querfalte verwachsen sein müssen. Ist das nicht der Fall, handelt es sich um einen so genannten Seebull (Taurulus bubalis).

Aalmutter (© R. Kreitsberg)

Auch die Aalmutter (Zoarces viviparus) kam in unseren Fängen vor. Ihr Hauptmerkmal ist die deutliche Einkerbung der Rückenflosse am Hinterende. So lässt sie sich auch gut von dem ihr ähnelnden Wolfsfisch (Lycodes vahli) unterscheiden.

Gestern haben wir unseren Gastwissenschaftler Randel Kreitsberg vor der estnischen Küste abgesetzt. Kurz nach dem Frühstück standen wir alle an Deck und beobachteten, wie sich ein graues Boot näherte. Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander, ehe Randel mit seinen Proben im Gepäck die Herwig verließ. Schon wieder einer weniger.

Aber da wir mittlerweile so gut eingearbeitet sind, merken wir die zusätzliche Arbeit, die wegen verringerter Team-Stärke für jeden von uns anfällt, kaum. Am 12. Tag dieser Reise sind wir glücklicherweise immer noch hochmotiviert und freuen uns jedes Mal, wenn der Hol in die Hock fällt. Nachdem er sortiert, gezählt und gewogen ist, stehen wir meist noch lange am Sortiertisch und filetieren. Da kann es auch schon mal passieren, dass wir noch bis nach dem Abendessen beschäftigt sind.

Mittlerweile befinden wir uns wieder auf dem Rückweg, auf dem wir noch einige Hols machen werden. Heute waren wir vor Lettland und morgen werden wir vor Litauen fischen. Genauer gesagt vor der Kurischen Nehrung, einer langen, schmalen Halbinsel.

Jede Reise geht irgendwann einmal zu Ende, und auch unsere ist da keine Ausnahme. An Bord der Herwig bedeutet dies, den Putzlappen zu schwingen, bis man vom Boden essen kann. Es ist zwar einiges an Arbeit, aber schließlich haben wir es auch dreckig gemacht und wollen, dass die nach uns Reisenden ein sauberes Schiff vorfinden. So verbrachten wir den ganzen Tag, an dem wir durch den Nord-Ostsee-Kanal gefahren sind, damit, alles gründlichst zu säubern. Glücklicherweise gelang es uns dennoch hin und wieder, für ein paar Minuten an Deck zu gehen, etwas Sonne zu tanken und die Aussicht zu genießen.

Dann ist es soweit und wir laufen wieder in Bremerhaven ein. Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert. Es ist genauso grau wir vor drei Wochen. Egal; abgeladen werden muss das Schiff trotzdem. Wegen der Corona-Regelungen müssen wir damit allerdings noch bis zum Abend warten. Dann tragen wir eifrig Kiste um Kiste von Bord, bis alles an dem dafür vorgesehen Platz ist.

Am letzten gemeinsamen Feierabend ziehen wir Resümee, tauschen uns noch einmal über die besten Momente der Reise aus und verewigen uns im Gästebuch des Schiffes.

Unser Dank geht an den fantastischen Kapitän und seine exzellente Mannschaft, ohne welche diese gute Reise so nicht möglich gewesen wäre.

Was bleibt am Ende noch zu sagen? Schön war es – und alle von uns können sich vorstellen, noch mehrmals an solch einer Reisen teilzunehmen. Zwar freuen wir uns, bald wieder zuhause zu sein, aber werden das Arbeiten und Leben auf See auch vermissen. Aber es ist auch eine etwas andere Welt, in die wir nun zurückkehren, da vorgestern der härtere Lockdown begonnen hat.

So möchten wir nicht nur eine frohe Weihnachtszeit wünschen, sondern auch gute Gesundheit sowie Geduld und Durchhaltevermögen für alle, deren Weihnachtsfest nicht so stattfinden kann wie geplant.

Wir wünschen nur das Beste in dieser Zeit!
Bleibt gesund
Murielle Muesfeldt (Blog-Autorin) und Pedro Nogueira (Fahrtleiter)