„Jeder Fang ist wie eine Wundertüte“

Im Gespräch

Interview mit Kapitän Jürgen Vandrei

Jürgen Vandrei fährt seit 1978 auf deutschen Fischereiforschungsschiffen – zunächst als Matrose, mittlerweile als Kapitän. Der gebürtige Dithmarscher versieht seinen Dienst sowohl auf der „Walther Herwig III“ als auch auf der „Solea“. Rund acht Monate pro Jahr ist er auf See.


Herr Vandrei, Kapitän ist – ähnlich wie Pilot und Feuerwehrmann – ein Traumberuf für viele Jungs. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Angefangen habe ich in der Fischerei. In Büsum auf einem Kutter habe ich Fischwirt gelernt. Danach wollte ich eigentlich in die Entwicklungshilfe. Ich bin dann aber 1978 zunächst als Matrose auf die alte Walther Herwig II, das Vorgängermodell des jetzigen Schiffes, gegangen und dann dort „kleben geblieben“. Auf Deck hat man dann so hochgeguckt Richtung Brücke und gedacht, na ja, da würde man auch gern sitzen. Ich bin dann also weiter in Cuxhaven auf die Schule und habe mein Kapitänspatent gemacht. 15 Jahre bin ich auf der alten Solea gefahren und jetzt abwechselnd auf der Solea und der Walther Herwig.

Welches Schiff fährt sich besser?

Ich bin auf beiden gerne. Die Walther Herwig macht die größeren Reisen, das ist natürlich interessant. Dafür sind die Solea-Reisen überschaubarer. Technisch sind es beides sehr gute Schiffe; jedes hat seine eigenen individuellen Ansprüche und Möglichkeiten. Deswegen macht mir der Wechsel zwischen Herwig und Solea ja auch Spaß.

Wie ist das Leben mit Wissenschaftlern an Bord?

Es gibt richtige Seebären darunter und es gibt welche, die sind auch mal zwei Tage seekrank. Das ist aber ganz normal. Insgesamt arbeiten wir immer ganz gut zusammen.

Interessieren Sie sich für die Ergebnisse der Forschung?

Sicherlich! Nach jeder Reise bekommen wir von den wissenschaftlichen Fahrtleitern die Protokolle und Ergebnisse zugeschickt, die wir uns gerne anschauen. Wir Kapitäne sind auch immer an Deck, wenn der Hol hochkommt. Jedes Mal, wenn das Netz geleert wird, ist es wie eine Wundertüte; man weiß nie genau, was darin ist.

Hatten Sie schon einmal eine richtig schwierige Situation auf See, Motorschaden oder etwas Ähnliches?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben auch eine gut ausgerüstete Werkstatt an Bord, denn wenn es mal eine Panne geben sollte, können wir ja nicht einfach den ADAC rufen. Bei Sturm und schwerer See muss man natürlich sehen, dass man das Schiff entsprechend bewegt. Es wird so gehalten, dass es steuerungsfähig bleibt, und dann wartet man ab, bis der Wind abflaut und man wieder arbeiten kann.

Haben sie hier an Bord eine Stammbesatzung oder wechseln die Leute ständig?

Nein, das ist ein fest eingespieltes Team – alles noch Fischersleute. Das muss auch so sein, weil das hier fachliche Arbeiten sind.

Vermissen sie auf dem Meer mehr das Land oder auf dem Land mehr das Meer?

Wenn ich ein paar Wochen an Bord war, bin ich natürlich froh, wieder nach Hause zu kommen, die Familie wieder zu sehen. Und wenn man dann längere Zeit zuhause ist, wird es auch wieder höchste Zeit, raus zu fahren.

Zuhause sind Sie nicht der Kapitän?

(lacht) Nein, überhaupt nicht!

Wie sind Ihre Arbeitszeiten auf den Reisen?

Da rede ich nicht drüber (lacht)! Auf der Fahrt wird das Schiff 24 Stunden am Tag beansprucht – tagsüber Fischerei, nachts Hydroakustik oder Weiterfahrt zu den nächsten Fangplätzen. Folglich ist auch die Brücke 24 Stunden besetzt. Wir haben ein Wachsystem in drei Schichten. Und als Kapitän muss man natürlich immer ansprechbar sein. Auf einer Ostseefahrt letzten September zum Beispiel mussten wir bei einem Seenotfall helfen, das ging die ganze Nacht durch. Und am nächsten Tag geht’s natürlich weiter. Da gibt es keinen Pardon.

Schiffe sind, selbst wenn sie männliche Namen tragen, stets weiblich. Man sagt zum Beispiel „die Walther Herwig“. Warum ist das eigentlich so?

Gute Frage… Man muss die Schiffe immer gut behandeln. Vielleicht deshalb.

Wenn Sie auf einer einsamen Insel stranden würden, welche Dinge würden Sie am liebsten dabei haben?

Oh, das ist schwer. Das wichtigste wäre, die richtigen Leute mit dabei zu haben – ein echtes Team, auf das man sich verlassen kann. Aber dann wäre es ja auch nicht mehr einsam.

Quelle: Wissenschaft erleben 2/2009 (PDF Download)