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Artenreich in der Monokultur?

Im Gespräch

Mit Neugier zum Forschungspreis

Sarah Baum (© Thünen-Institut/Helge Meyer-Borstel)

Für ihre Arbeit zur Biodiversität in Kurzumtriebs-Plantagen (KUP) erhielt Dr. Sarah Baum 2012 von der Gesellschaft der Freunde des Thünen-Instituts den alle zwei Jahre vergeben Forschungspreis. Sie hatte in einem von der EU geförderten Projekt verglichen, wie viele Pflanzenarten mitten in der Plantage, wie viele in einer jeweils 15 mal 15 Kilometer großen Umgebung wuchsen. Die Resultate waren erstaunlich, denn nicht nur Äcker erwiesen sich dabei als arm: Auch Misch- und Nadelwälder in Norddeutschland beherbergen nur knapp halb so viele Pflanzenarten wie die KUP.


Weiden in einer Kurzumtriebsplantage (© Thünen-Institut/Sarah Baum)

Monokulturen – etwa von Fichten – wurden immer als Gegenstück zu artenreichen Wäldern gesehen. Gilt das für Plantagen von Pappeln oder Weiden nicht mehr?

Natürlich sind das Monokulturen, aber es kommt darauf an, wo und wie sie errichtet werden. In einer Agrarlandschaft mit überwiegend einjährigen Pflanzen sind sie eine Bereicherung. Es kommt eine mehrjährige Kultur hinein, damit hat man andere Strukturen. Dort können andere Tiere leben: Es ist eine gehölz- und waldartige Struktur. Insbesondere die Randbereiche sind wertvoll, weil dort zum Beispiel Vögel nisten können. Die Mehrjährigkeit bringt auch dem Boden mehr Ruhe, dadurch wachsen mehr Pflanzenarten als in einjährigen Ackerkulturen, und die Artenzusammensetzung verändert sich, während die Kurzumtriebsplantage altert. Die Pflanzen ernähren wiederum andere Organismen, die ihrerseits als Nahrung dienen... In dichtem Fichtenbestand zum Beispiel wächst nicht sehr viel, weil es über die Jahre ausdunkelt, und so ein Bestand steht ja mit ca. 80 Jahren auch lange. Der Wandel vom Offenland zu waldartigen Verhältnissen in der Plantage bringt einen Wandel des übrigen Bewuchses und der Tierwelt mit sich.

Die Plantage als Oase in den Raps- und Maiswüsten?

Wenn sie ein zusätzliches Strukturelement ist und andere Pflanzen- und Tierarten begünstigt, auf jeden Fall. Was dort vorkommt sind aber trotzdem Allerweltsarten, keine schützenswerten oder seltenen. Sie müssen natürlich zuvor schon in der Umgebung leben und die Flächen erreichen können. KUP, die nicht alle im selben Jahr geerntet werden, schaffen mehr strukturelle Abwechslung als hektargroße Flächen von Pappeln oder Weiden. Werden sie zeitlich versetzt alle drei bis fünf Jahre auf den Stock gesetzt, können die verschiedenen Stadien zwischen Offenland und „Beinahe-Wald“ von unterschiedlichen Tieren und Pflanzen nicht nur besiedelt werden: Die bunte Gesellschaft kann auch hin- und herwandern. Lässt man Zwischenräume und hält die Säume frei, ist das noch besser für die Artenvielfalt, denn in Randzonen als Übergangsbereichen kommen mehr Arten als im Inneren der KUP vor.

Beliebtes Forschungsobjekt: Besonders schnell wachsende Pappeln (© Thünen-Institut/Sarah Baum)

Wieviel  größer ist dort die Artenvielfalt?

Damit haben sich andere Projekte befasst – auch solche, die Tiere betrafen. Gerade für Vögel, die dort nisten können, sind sie natürlich interessant. Wir wollten die Vegetation im Inneren beobachten. Anfangs haben es die Stecklinge – also einfach in den Boden gesetzte Sprossteile von etwa 20 Zentimetern – schwer, sich gegen den Wildwuchs aller möglichen Kräuter durchzusetzen. Ohne Pflanzenschutzmittel oder mechanische Reduktion des Wildwuchses kämen sie kaum gegen Gräser und krautige Pflanzen an, die schneller wachsen. Aber mit zunehmender Größe werden die Bäume stärker, kommen eher ans Licht, verdrängen die Konkurrenz.

Wonach speziell haben sie gesucht?

Welche Vielfalt der Bodenvegetation stellt sich ein und wie verändert sie sich im Lauf der Zeit? Und welche Faktoren beeinflussen das? Wie verhalten sich die Gemeinschaften von Pflanzen zur umgebenden Agrarlandschaft? Das hat mich beschäftigt, alles innerhalb eines Europäischen Forschungs-Projekts. Andere Partner haben dabei die Bodenökologie, den Bodenwasserhaushalt und die Tiere untersucht, also Spinnen, Laufkäfer und Vögel. Was wird wie beeinflusst? Welche Handlungsempfehlungen kann man für Landwirte daraus ableiten, die KUP anbauen wollen?

Haben sich Erwartungen auch mal nicht erfüllt?

Viele Vermutungen über Zusammenhänge, die aus anderen Lebensräumen, aber auch aus anderen Projekten in KUP bekannt waren, trafen zu. Das Neue an unseren Untersuchungen war, dass wir KUP in zwei verschiedenen europäischen Regionen, nämlich in Deutschland und Schweden, untersucht haben und dabei neben Faktoren innerhalb der KUP auch ihre Bedeutung für die nähere Umgebung sowie für große Landschaftsausschnitte analysiert haben.

In Streifen gepflanzt - typische KUP (© Thünen-Institut/Sarah Baum)

Werden Kurzumtriebsplantagen sich schnell ausbreiten?

In Deutschland haben wir erst ca. 5.000 Hektar (ha) angelegt, weil es eine Menge Hemmnisse  für die Landwirte gibt. KUP sind auch nicht für alle Landschaften und Tierarten von Vorteil. Feldlerchen sind ein bekanntes Beispiel dafür, dass Offenlandschaften ebenso wichtige Lebensräume sind. Trotzdem wird viel geforscht – etwa wie man möglichst gute Zuwächse erzielt, welche Sorten sich am besten für den jeweiligen Standort eignen. Wenn man sieht, was an Forschungsprojekten läuft, an Tagungen, Konferenzen, dann hinkt die Praxis hinterher. Viele wissen gar nicht, was das ist - Kurzumtriebsplantagen. Ich wusste es auch nicht, ich hatte es mir damals auf die Stellenausschreibung hin erstmal angeschaut.

Welche Hemmnisse gibt es für Landwirte?

Ein Landwirt legt sich mit einer KUP auf zwanzig Jahre fest, hat aber oft einen Pachtvertrag, der kürzer ist. Er kann nicht jedes Jahr auf Preisveränderungen reagieren. In Schweden sind immerhin schon 15.000 Hektar KUP angelegt. Auf die Landesgröße bezogen ist das nicht so viel mehr als hier, es gibt aber ein paar Kernpunkte. In Mittelschweden etwa wird eine Gemeinde mit ca. 20.000 Einwohnern komplett über ein Heizkraftwerk versorgt, in dem Holzpellets aus KUP zusammen mit anderen Brennstoffen die Energie liefern. Die 80 ha KUP, die es dort gibt, werden mit vorgeklärten Abwässern berieselt – ein Zusatznutzen, denn die KUP nehmen viele Schadstoffe auf.

Indessen ist ihr Flächenbedarf auch ziemlich groß...

Es handelt sich eben um landwirtschaftliche Nutzung. Nicht jeder wird ihren Anblick schön finden – vor allem, wenn sie ihm nach wenigen Jahren die Sicht versperren, aber das ist mit Mais auch nicht besser.

Bleibt das also einer von vielen Wegen zur Balance ökologischer und ökonomischer Anforderungen?

Ja. Aber für die biologische Vielfalt ergibt sich aus den mehrjährigen Kulturen ein großer Nutzen gegenüber den einjährigen. Für Getreidefelder konnten wir das nachweisen. Die Pflanzenartenvielfalt war jedenfalls in KUP größer als in Nadelwäldern, sogar als in deutschen Mischwäldern. Das Grünland lag in etwa gleichauf. Die lichten schwedischen Mischwälder allerdings beherbergen noch einen größeren Reichtum an Pflanzen.