Nachhaltigkeitszertifizierung von Soja: Der Round Table on Responsible Soy

Landschaft bei Feliz Natal im Bundesstaat Mato Grosso in der zentralwestlichen Region Brasiliens

Die enorme Zunahme der Anbaufläche von Soja trägt maßgeblich zur Zerstörung tropischer Wälder bei. Können Nachhaltigkeitsstandards wie der RTRS das verändern?


Soja wird weltweit auf einer Fläche von rund 120 Millionen Hektar angebaut. Die bei weitem größten Anbauländer sind die USA und Brasilien, die mit rund 36 Millionen Hektar (USA) und 30 Millionen Hektar (Brasilien) jeweils fast 30 Prozent der globalen Soja-Anbaufläche ausmachen. In Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern hat die enorme Zunahme der Soja-Anbaufläche in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich zur Zerstörung tropischer Wälder und anderer wertvoller Ökosysteme beigetragen.

Vor diesem Hintergrund sind eine Reihe von Nachhaltigkeitsstandards für den Sojaanbau entstanden, die neben ökologischen auch soziale Standardkriterien umfassen. In einer Studie des Thünen-Instituts wurden verschiedene relevante Zertifizierungssysteme für Soja analysiert und anhand ihrer Kriterien miteinander verglichen.

Der bekannteste und verbreitetste Nachhaltigkeitsstandard für Soja wurde durch den Round Table on Responsible Soy (RTRS) entwickelt.

Gründung des RTRS

Der RTRS wurde 2006 durch Akteure aus Industrie, Landwirtschaft und Zivilgesellschaft als Multi-Stakeholder-Initiative ins Leben gerufen. Nachdem 2010 der RTRS-Standard für verantwortungsvollen Sojaanbau verabschiedet wurde, konnten 2011 die ersten Unternehmen nach dem RTRS-Standard zertifiziert werden. Heute hat der RTRS über 160 Mitglieder, beispielsweise große Sojaproduzenten (Amaggi), Händler und Verarbeiter von landwirtschaftlichen Rohstoffen (Cargill), Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie (Unilever), Lebensmitteleinzelhändler (COOP) und NGOs (WWF).

Ausgestaltung der Standardkriterien

Neben dem Schutz von Wäldern und anderen natürlichen Ökosystemen umfasst der Standard auch andere ökologische sowie soziale Kriterien, beispielsweise hinsichtlich Pestizideinsatz, Biodiversität, Klimaschutz und Arbeitnehmerrechten. Da über drei Viertel der weltweiten Sojaproduktion als Tierfutter verwendet werden, fungiert der RTRS-Standard als Business-to-Business-Standard und ist somit für die Endverbraucher weitestgehend unsichtbar. 2019 wurden weltweit 264 Produzenten zertifiziert, die auf 1,1 Millionen Hektar Soja erzeugen. Ein Großteil der zertifizierten Fläche (80%) befindet sich in Brasilien, gefolgt von Argentinien (15%) und Paraguay (3%).

Kritische Betrachtung

Der RTRS wird häufig dafür kritisiert, dass die Agrarindustrie mit am Tisch sitzt und maßgeblich an der Entwicklung der Standardkriterien beteiligt ist. Einige NGOs haben sich bereits in der Anfangsphase des RTRS zurückgezogen und werfen dem Zertifizierungssystem vor, dass ihre Anregungen und Einwände im Entwicklungsprozess nicht ausreichend gehört wurden. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass gentechnisch gezüchtetes Saatgut kein Ausschlusskriterium ist.

Befürworter des RTRS argumentieren hingegen, dass nur ein Multi-Stakeholder-Prozess unter Beteiligung der Agrarindustrie in der Lage ist, einen allgemein akzeptierten Mindeststandard zu etablieren.

Neben den Kritikpunkten, die sich auf die Ausgestaltung des Zertifizierungssystems beziehen, stellt sich die Frage, ob ein Soja-Zertifizierungssystem überhaupt ein geeignetes Instrument für den Schutz tropischer Wälder und anderer natürlicher Ökosysteme sein kann. Ein Blick auf die zertifizierten Flächen zeigt, dass in Brasilien nur 3% der Soja-Anbauflächen nach dem RTRS-Standard zertifiziert sind. Um eine Umwandlung natürlicher Ökosysteme in Ackerland zu verhindern, müsste zertifiziertes Soja auf dem Weltmarkt die Norm und nicht die Ausnahme sein.

Innerhalb der EU gibt es Bestrebungen, den Anteil an regional angebauten Eiweißpflanzen zu erhöhen und gleichzeitig nur noch nachhaltig produziertes Soja einzuführen. So haben Deutschland und andere EU-Länder sich 2015 in der Erklärung von Amsterdam zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung für entwaldungsfreie Lieferketten entschlossen. Im Forum Nachhaltigere Eiweißfuttermittel (FONEI), das durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gefördert wird, bekennen sich unterschiedliche Akteure in Deutschland zu nachhaltigen, entwaldungsfreien Soja-Lieferketten. Eine steigende Nachfrage nach zertifiziertem Soja seitens der EU wird allerdings nur einen begrenzten Effekt haben, da fast 60% der globalen Soja-Exporte nach China verkauft werden.

Kennzahlen zum Sojaanbau (FAOSTAT 2021 und RTRS 2019)

Die 5 größten Sojaproduzenten weltweit

Land Sojaproduktion in Mio. Tonnen Anteil an der weltweiten Sojaproduktion
Brasilien 114,27 34%
USA 96,79 29%
Argentinien 55,26 17%
China 15,72 5%
Indien 13,27 4%
Global 333,67

Die 5 größten Sojaexporteure weltweit

Land Sojaexporte in Mio. Tonnen Anteil an den weltweiten Sojaexporten
Brasilien 74,07 48%
USA 52,39 34%
Argentinien 10,05 6%
Paraguay 4,90 3%
Kanada 4,01 3%
Global 155,39

Die 5 größten Sojaimporteure weltweit

Land Sojaimporte in Mio. Tonnen Anteil an den weltweiten Sojaimporten
China 88,59 58%
EU-28 16,99 11%
Mexiko 4,85 3%
Argentinien 4,55 3%
Ägypten 4,26 3%
Global 151,71

Die 5 Länder mit den meisten RTRS-zertifizierten Anbauflächen

Land Soja-Anbaufläche in 1.000 Hektar RTRS-zertifizierte Fläche in 1.000 Hektar Anteil zertifizierter Soja-Anbaufläche
Brasilien 35.881 911 2,5%
Argentinien 16.576 167 1,0%
Paraguay 3.565 29 0,8%
China 8.423 24 0,3%
Uruguay 966 10 1,1%
Global 120.502 1.142 1,0%