Unser „Urwald“ von morgen

Kommentar

Andreas Bolte (Thünen-Institut für Waldökosysteme) und Matthias Dieter (Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie).
Andreas Bolte (Thünen-Institut für Waldökosysteme) und Matthias Dieter (Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie). (© Michael Welling)

Wälder sind wichtig für unsere Artenvielfalt. Können wir sicher sein, ob es reicht, einfach einen starren Prozentsatz an Waldfläche sich selbst zu überlassen, damit Wälder diese Funktion bestmöglich erfüllen? Nein, meinen Andreas Bolte und Matthias Dieter vom Thünen-Institut.


Fünf Prozent der Waldfläche in Deutschland sollen Naturwälder ohne Nutzung werden. Das ist das Ziel der nationalen Biodiversitätsstrategie, die die Bundesregierung im Jahr 2007 verabschiedet hat.

Das Bundesamt für Naturschutz hat in den letzten Jahren deutschlandweit Waldflächen ohne Nutzung kartieren lassen. Mitte Oktober 2013 wurde nun das Ergebnis von einem Projektkonsortium um die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt vorgestellt: Statt der gewünschten 550.000 Hektar (fünf Prozent der nationalen Waldfläche) weist die Studie nur 217.000 Hektar ungenutzte Waldfläche aus, mithin nur knapp die Hälfte.

Die Folgen hieraus werden derzeit kontrovers diskutiert, wobei zwei Fragenkomplexe im Mittelpunkt stehen. Erstens: Ist die Flächenbilanz vollständig? Wenn nein, wie kommen wir zu realistischerenZahlen? Zweitens: Sollen mehr Schutzgebiete ausgewiesen werden? Wenn ja, wo und mit welchen Auflagen?

In die vorgestellte Flächenbilanz der aktuellen Naturwälder sind nur Waldflächen eingegangen, die rechtlich gesichert menschlichen Einflüssen entzogen sind. Tatsächlich gibt es in Deutschland aber zahlreiche weitere Waldflächen, die aus natürlichen oder aus betrieblichen Gründen unbewirtschaftet sind, z. B. an Steilhängen, auf Nassstandorten oder in Altholzinseln.

Es ist unstrittig, dass auch jene unbewirtschafteten Flächen, die bisher nicht berücksichtigt wurden, als wertvolle Lebensräume für seltene Arten und Lebensgemeinschaften anzusehen sind .Sollte man sie also bei der Bilanzierung für die Biodiversitätsstrategie mitzählen? Wenn ja, welche?

Das müsste wohl davon abhängen, welchen Beitrag diese Flächen zum eigentlichen Ziel der Biodiversitätsstrategie leisten. Denn Flächenstilllegung im Wald ist ja kein Selbstzweck, sondern nur ein Instrument, um übergeordnete Ziele zu erreichen. Bisher ist aber nicht klar, welchen zusätzlichen Beitrag eine Stilllegung gegenüber einer fortgesetzten naturnahen Bewirtschaftung tatsächlich leistet .Dieses Defizit erschwert die Entwicklung einer gesellschaftlich optimierten Biodiversitätspolitik erheblich.

Ein einfaches Zahlenbeispiel bringt die Problematik auf den Punkt: Wenn wir das Szenario »5 % Flächen mit rechtlich gesichertem Nutzungsverbot plus 95 % intensiv bewirtschaftete Waldfläche« vergleichen mit dem Szenario »2 % Flächen mit rechtlich gesichertem Nutzungsverbot plus 28 % naturnah bewirtschaftete Flächen plus 70 % intensiv bewirtschaftete Waldfläche«, so könnte man vermuten, dass das letztgenannte Szenario für die nationalen Biodiversitätsziele überlegen ist. Solange aber der »Mehrwert« einer ungenutzten gegenüber einer naturnah bewirtschafteten Waldfläche unklar ist, bleibt dies nur eine Vermutung.

Für die politikberatende Forschung ergeben sich damit drei Herausforderungen:

  1. Auf der Basis ökologischer Forschung ist zu erfassen und zu bewerten, welche Beiträge unterschiedlich genutzte und ungenutzte Wälder zum Biodiversitätsschutz leisten.
  2. Im Zusammenspiel von ökologisch und ökonomisch ausgerichteter Forschung ist zu untersuchen, mit welchen Maßnahmen sich das Ziel Biodiversitätsschutz am besten erreichen lässt. Stellschrauben für die Optimierung sind vor allem (a) die räumliche Verteilung der Naturschutzflächen, (b) das Ausmaß der erlaubten Holznutzung auf den verschiedenen Flächentypen und (c) die Fristigkeit und rechtliche Verbindlichkeit der Nutzungseinschränkungen.
  3. Dabei ist zu berücksichtigen, dass mit Nutzungseinschränkungen in Deutschland ökologische Wirkungen an anderen Orten der Erde ausgelöst werden (indirect land use change). Dieser Hinweissollte nicht als K.o.-Kriterium gegen verschärften Naturschutz in Deutschland missbraucht werden; es handelt sich nur um einen notwendigen Eintrag ins Pflichtenheft der Wissenschaft.

Quelle: Wissenschaft erleben 2013/2 (PDF Download)