Kann Deutschland den Anschluss schaffen?

Im Gespräch

Die Veredlung steht unter Druck: Zu wenig Flächen, zu viel Gülle und kaum Akzeptanz für weitere Ställe. Bietet die Aquakultur neue Chancen? Ein Interview mit Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, dem Präsidenten des Thünen-Instituts.


Fisch liegt im Trend. Geht das so weiter?

In Deutschland stieg der Verbrauch bis 2006 auf ca. 15 kg pro Kopf und Jahr, seither stagniert er. Damit liegen wir unter dem Weltdurchschnitt von ca. 19 kg/Kopf und Jahr. Der Verbrauch weltweit weiter stark ansteigen. Die Weltbevölkerung wächst, Fische haben eine gute Futterverwertung, einen hohen Gesundheitswert und es gibt keine religiös bedingten Konsumschranken.

Wie wird die Nachfrage gedeckt?

Der Fischfang aus dem Meer wird sich kaum noch steigern lassen. Deshalb hat sich die Aquakultur in den vergangenen 30 Jahren rasant ausgebreitet, mit Steigerungsraten von fast 9 % pro Jahr. Aktuell stammt die Hälfte aller weltweit verzehrten Fische und Meeresfrüchte aus der Aquakultur. Dieses Wachstum wird sich weiter fortsetzen. Expansionsflächen gibt es reichlich – allerdings auch viele offene Fragen, vor allem bezüglich der Umweltwirkungen und der Lebensmittelsicherheit.

Wo liegen die wichtigsten Produktionsregionen für Zuchtfische?

In erster Linie in Asien. Mittlerweile erfolgen dort 88 % der weltweiten Produktion, davon zwei Drittel in China. Zunehmend schauen die Investoren aber auch nach Südamerika und Afrika.

Welchen Marktanteil erreichen Europa und Deutschland?

Europa produziert ca. 2,8 Mio. t. Das sind nur etwa 4 % der Weltproduktion. Davon kommt fast die Hälfte aus Norwegen, die andere Hälfte verteilt sich auf die EU-Staaten. In Deutschland liegt die Jahresproduktion bei ca. 40.000 t. Das heißt, wir produzieren weniger als ein Promille der weltweiten Aquakultur. Hinzu kommen 240.000 t Fangfisch der deutschen Fischereiflotte. Von 10 Fischen, die wir essen, müssen wir 8 importieren.

Fehlen Deutschland die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Aquakultur?

Eigentlich nicht. Deutschland hat in vielen Regionen eine sehr gute Wasserversorgung. Außerdem sind wir ein Technologiestandort. Dieses Know-how könnten wir auch für die Aquakultur nutzen.

Wo liegen die Hemmnisse?

Die Genehmigungsverfahren sind aufwendig und scheitern nicht selten. Die Aquakultur leidet hierzulande unter ähnlichen Imageproblemen wie die intensive Nutztierhaltung. Gleichzeitig floriert der Import preisgünstiger Fische. Da ist es verständlich, dass Investoren sich zurückhalten.

Passt die Aquakultur zu landwirtschaftlichen Unternehmen?

Es hängt letzlich vom Standort ab. Es kann Synergieeffekte zwischen Land- und Fischereiwirtschaft bei Vermarktung und Produktion geben. So lässt sich z.B. die Abwärme von Biogasanlagen für die Haltung vom Warmwasserarten nutzen, die schnell wachsen. Wir müssen aber über den einzelnen Betrieb hinausblicken und über ein integriertes Wassernutzungskonzept nachdenken. Ziel müsste es sein, mehr Niederschlagswasser zu speichern, es über die Aquakultur vorzunutzen, um mit dem nährstoffreichen Abwasser anschließend die Ackerflächen zu bewässern. So etwas kann aber nicht ein einzelner Unternehmer entwickeln und umsetzen. Hierfür brauchen wir eine übergeordnete nationale Strategie.

Welche ökologischen Risiken drohen Landwirten, die einsteigen wollen?

Die Risiken sind erheblich, angefangen vom Image bis hin zur konkreten Genehmigung. Vermutlich sind einzelne Beamte in den Behörden davon überzeugt, etwas Gutes für die Nachhaltigkeit zu tun, wenn sie eine Aquakulturanlage nicht genehmigen und damit vermeintliche Risiken für den Umweltschutz minimieren. Doch wie nachhaltig ist es, stattdessen immer mehr Import-Fisch aus Asien einzufliegen?

Was muss jetzt geschehen?

Kleine Kurskorrekturen werden nicht ausreichen, um eine grundlegende Besserung zu erreichen. Was vor allem fehlt, ist eine überzeugende Gesamtstrategie. Deshalb sollten die verfügbaren öffentlichen Mittel genutzt werden, um diese Strategie mit Hilfe der Wissenschaft zu erarbeiten. Die Deutsche Agrarforschungsallianz hat dafür ein Konzept entwickelt.

Bund und Länder arbeiten derzeit am Nationalen Strategieplan Aquakultur. Werden dort die Weichen richtig gestellt?

Dieser Plan benennt Wachstumsziele bis 2020 und stellt die Weichen für den Mitteleinsatz des künftigen EU-Meeres- und Fischereifonds EMFF. Dabei wird an vielen kleinen Schrauben gedreht, zumeist wohl in die richtige Richtung. Ob das aber für eine grundlegende Wende zum Besseren ausreicht, ist fraglich. Kritisch ist, dass die Aquakultur weiterhin ausschließlich Ländersache sein soll. Meines Erachtens sollte das nur für einzelne Elemente gelten, zum Beispiel für die Regelungen zur Gewässernutzung. Wenn es aber um die wirtschaftliche Zukunft des Sektors geht, um seine Verbindung zur Landwirtschaft, um nationale Forschungsstrategien oder um die Akzeptanz-Debatte, reicht die Gestaltungs- und Finanzkraft eines einzelnen Bundeslandes nicht aus, um den Sektor auf ein neues Gleis zu setzen.


Dieses Interview wurde in der "top agrar" 8/2014 veröffentlicht.