Weniger ist mehr: Lebensmittelverluste und Abfälle reduzieren

Dossier

Die Produktion von sicheren Lebensmitteln ist ressourcenintensiv, dennoch wird ein Drittel der produzierten Mengen weggeworfen. Welche Strategien können dazu beitragen, Lebensmittelverluste und -abfälle vom Feld bis zum Teller zu vermeiden?


Geschätzte 1,3 Mrd. Tonnen an genießbaren Lebensmitteln werden weltweit weggeworfen. Das entspricht rund einem Drittel aller produzierten, genießbaren Lebensmittel. Fast jeder von uns wirft gelegentlich etwas weg – zu Hause, in der Schule, im Büro. Was kostet mich das, und was kann ich im Haushalt dagegen unternehmen? Werfen Produzenten, der Handel und die Gastronomie auch Lebensmittel weg? Was passiert mit den weggeworfenen Lebensmitteln, und warum ist das Wegwerfen überhaupt schlecht für die Umwelt? Könnten diese Lebensmittel an Hungernde weitergegeben werden? Wie ist das in anderen Ländern im Vergleich zu Deutschland? Diese und viele andere Fragen ergeben sich im Zusammenhang mit Lebensmittelverlusten und -abfällen. Einige davon möchten wir hier näher erläutern.

Verlust oder Abfall – gibt es da einen Unterschied?

Weltweit gibt es noch keine einheitliche Definition, was unter dem Begriff „Lebensmittelverlust“ oder „Lebensmittelabfall“ zu verstehen sein sollte. Im Allgemeinen wird jedoch eine Definition der Welternährungsorganisation (FAO) herangezogen, um die beiden Begriffe näher zu beschreiben.

„Lebensmittelverluste“ ist der Verlust von genießbaren Lebensmitteln überall dort, wo Lebensmittel produziert oder verarbeitet werden. Sie treten vor allem zu Beginn der Wertschöpfungskette auf.

„Lebensmittelabfälle“ fallen hingegen eher am Ende der Versorgungskette, beim Handel, in der Gastronomie und beim Konsumenten an. Gemessen werden Lebensmittelverluste und –abfälle in Masse, also in Kilogramm.

Was die Vereinten Nationen unternehmen

Im Jahr 2015 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) die sogenannte Agenda 2030 einstimmig angenommen. Darin sind 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) mit insgesamt 169 Unterzielen für eine nachhaltige globale Entwicklung formuliert.

Das Unterziel 12.3 der Agenda 2030 fordert „bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene (zu) halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten (zu) verringern“.

Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet und arbeitet an einer nationalen Strategie, um Lebensmittelverluste und –abfälle zu vermeiden.

Die Aufgabe der Welternährungsorganisation

Geschätzte 1,3 Mrd. Tonnen an genießbaren Lebensmitteln werden weltweit weggeworfen. Das entspricht rund einem Drittel aller produzierten, genießbaren Lebensmittel. Diese schockierenden Zahlen wurden in einer Studie der Welternährungsorganisation (FAO) im Jahr 2011 veröffentlicht.

Als Welternährungsorganisation beschäftigt sich die FAO intensiv mit Maßnahmen, die helfen, Lebensmittelverluste und -abfälle zu vermeiden. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern sind innovative Lösungen gefragt, um den strukturellen und wirtschaftlichen Nachteilen gezielt entgegen zu treten.

Im Auftrag der FAO entwickeln internationale Forscher zum Beispiel Leitfäden, wie frisch gefangener Fisch mit Hilfe lokaler Baumaterialien und einfacher Konstruktionen in der Sonne getrocknet werden kann, ohne dass Wildtiere daran fressen oder die Flut den Fang wieder ins Wasser spült. Überregionale FAO-Plattformen unterstützen die Partner vor Ort bei der Umsetzung von Vermeidungsmaßnahmen.

Gemeinsam mit der Messe Düsseldorf hat die FAO die Kampagne SAVE FOOD ins Leben gerufen. Auf regelmäßigen Veranstaltungen tauschen Verantwortliche aus Wirtchaft, Forschung, Politik und NGOs aus aller Welt ihre Erfahrungen und Ideen bei der Vermeidung von Lebensmittelverlusten und -abfällen aus.

Was die größten Industrie- und Schwellenländer tun

Die sogenannten G20 bestehen aus 19 Industrie- und Schwellenländern sowie der Europäischen Union. Gemeinsam repräsentieren sie fast 67 % der Weltbevölkerung und 75 % des Welthandels. Mehr als 85 % des globalen Bruttoinlandsproduktes wird in den G20-Ländern erwirtschaftet.

Das Meeting of Agricultural Chief Scientists (MACS), ein Gremium zur Beratung der G20-Agrarminister, hat in seinem Communiqué 2015 eine Initiative zum Thema Lebensmittelverluste und -abfälle ins Lebens gerufen. Das Thünen-Institut ist als Vertreter Deutschlands ebenfalls Mitglied in MACS und koordiniert seither die Aktivitäten aus der Initiative. So können wir unser Wissen auch auf internationaler Ebene einbringen.

Auf EU-Ebene wird an gemeinschaftlichen Methoden gefeilt

In einigen EU-Mitgliedsstaaten wird schon seit vielen Jahren geforscht, wie Lebensmittelverluste und -abfälle gemessen werden können. Manche verwenden vorhandene Statistiken, andere befragen Haushalte und einige durchsuchen Abfälle. Die erhobenen Daten sind wichtige Grundlage für die Berechnung, wo wie viele Lebensmittelverluste und -abfälle anfallen, und welche Maßnahmen für eine Vermeidung geeignet wären. Weil die Lebensmittelverluste und -abfälle mit verschiedenen Methoden erfasst werden, ist es jedoch nicht oder nur schwer möglich, Länderdaten miteinander zu vergleichen. Außerdem gibt es für verschiedene Bereiche noch keine Messdaten, wie zum Beispiel für Obst und Gemüse, das nicht geerntet wird.

Diese Fragestellung ist derzeit ein wichtiges Thema in der EU-Plattform „Lebensmittelverluste und -abfälle, Untergruppe Messung von Lebensmittelabfällen“. Bei der Erfassung von Lebensmittelabfällen in EU-Mitgliedsstaaten soll eine gemeinsame Vorgehensweise ausgearbeitet werden, die es dennoch erlaubt, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Länder zu berücksichtigen. Mitarbeiter des Thünen-Instituts bringen ihre Expertise in Sitzungen und nachfolgenden Reviewprozessen der erarbeiteten Unterlagen ein.

Weitere interessante Fragestellungen werden in anderen Gruppen diskutiert. Die Untergruppe „Lebensmittelspenden“ erarbeitet Vorschläge für ein gemeinsames rechtliches und steuerliches Vorgehen bei der Weitergabe von überschüssigen Lebensmitteln an sozial Benachteiligte. In der Untergruppe „Aktion und Umsetzung“ diskutieren die Teilnehmer Ideen für Vermeidungsmaßnahmen in der Praxis.

Strategien gegen Lebensmittelverluste und -abfälle in Deutschland

Deutschland hat sich 2015 zur Einhaltung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bekannt (Agenda 2030). Diese sieht eine Halbierung der Lebensmittelabfälle pro Kopf im Einzelhandel, in Gastronomie und Haushalten bis 2030 vor. Zusätzlich sollen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Lebensmittelverluste und -abfälle verringert werden.

Schon vor dieser Vereinbarung war das Problem in Deutschland erkannt worden. In wissenschaftlichen Projekten, privaten Initiativen und innovativen Geschäftsmodellen wurden Maßnahmen entwickelt, die zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen beitragen. Mit der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ macht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) seit Anfang 2012 deutschlandweit auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam.

Eine Auswahl von Vermeidungsmaßnahmen und weitere Informationen finden sich auf der BMEL-Webseite „Lebensmittel wertschätzen“. Dort werden Aktivitäten aus allen deutschen Bundesländern zusammengefasst.