Auswirkungen des Brexit auf die deutsche Hochseefischerei

Expertise

Am 24.12.2020 haben sich die Europäische Union (EU) und das Vereinigte Königreich (VK) auf einen Vertrag bezüglich des Handels und zukünftiger Zusammenarbeit geeinigt (Post-Brexit-Abkommen). Bestandteil dieses Vertrags ist auch eine Einigung über die Fangmodalitäten der Fischerei.

Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) des Vereinigten Königreichs (© )

Die britischen Gewässer beherbergen außerordentlich reiche Fanggründe. Fischereifahrzeuge anderer EU-Staaten erwirtschafteten daher in der Ausschließlichen Wirtschaftszone des Vereinigten Königreiches (s. Grafik) einen deutlich größeren Anteil ihrer Fangquoten als umgekehrt.

Mit dem Auslaufen der Übergangsphase ist das VK nun nicht mehr in die Gemeinsame Fischereipolitik der EU einbezogen. Das neue Abkommen ermöglicht den europäischen Fischern zwar weiter einen Zugang zu den Gewässern des Vereinigten Königreichs, ihr Anteil an den festgelegten Gesamtfangmengen sinkt jedoch, und zwar schrittweise um etwa 25 % bis Ende 2025, bezogen auf den Wert der Gesamtfänge in den britischen Gewässern im Jahr 2020.

Thünen-Institut untersucht Auswirkungen

Bis zum 31.12.2020 waren die Briten Teil der internen Quotenverteilung in der EU. Sie besagt, dass jeder Mitgliedstaat einen festen Anteil an der EU-Gesamtquote bekommt (Prinzip der „relativen Stabilität“). Nun steigt der Anteil des VK und die EU kann intern weniger verteilen. Dabei sind die Mitgliedstaaten unterschiedlich stark betroffen.

Der mögliche Anteil Deutschlands an den gesamten Erlösverlusten der EU, so hat es das Thünen-Institut ermittelt, liegt von 2021 bis 2025 im Vergleich zu 2020 bei 9,8 %. Allerdings sind dies nur sehr grobe Abschätzungen, da Fangquoten und Fischpreise stark schwanken – niemand kann derzeit vorhersagen, wie sich diese beiden Parameter für die Jahre 2021 bis 2025 entwickeln werden.

Auf einzelne Fischarten bezogen, zeigen sich ebenfalls große Unterschiede. So ist z.B. vereinbart worden, bei der Nordsee-Scholle keine Änderung der Verteilung der Fangmöglichkeiten vorzunehmen. Die EU erhält hier also genauso viel an der festgelegten Gesamtfangmenge wie 2020. Deutlich anders sieht es für Nordsee-Hering und Makrele im Nordostatlantik aus: Für Hering reduziert sich der EU-Anteil von 75,9 % (2020) auf 71,3 % (2021) und weiter auf 67,7 % (2025). Bei Makrele war der EU-Anteil 2020 41,7 %; er wird 2021 bei 35,2 % liegen und sinkt im Jahr 2025 dann auf 30,8 %.

Deutscher Fischereitrawler (© Kay Panten/Thünen-Institut)

Obwohl die Anteile an der Gesamtfangmenge für die EU deutlich weniger stark sinken als befürchtet (britische Fischer forderten bis zu 80 % der Gesamtfangmengen für sich), ergibt sich aus der Vereinbarung ein empfindlicher Verlust. So könnte die deutsche Hochseefischerei, die hauptsächlich Hering und Makrele in den britischen Gewässern fängt, allein 2021 etwa 1,1 Millionen Euo Anlandeerlöse beim Hering verlieren (bezogen auf Quoten von 2020 und Durchschnittspreisen von 2019), während es für Makrele 3,3 Millionen Euro sein könnten. Auch bei anderen wichtigen Fischarten für die deutsche Fischerei, wie Seezunge oder Seelachs, kann es zu empfindlichen Verlusten kommen – etwa 1 Million Euro bei Seezunge, 640.000 Euro bei Seelachs.

EU unterstützt betroffene Fischereien

Bis 2025 werden die Quotenanteile der europäischen Fischer weiter sinken und sich die Verluste für die Fischerei entsprechend aufsummieren. Aus diesem Grund unterstützt die EU ihre Fischerei mit der sogenannten „Brexit Adjustment Reserve“. Es wird allerdings unerlässlich sein, dass sich die stark betroffenen Fischereien an die neue Situation auch langfristig anpassen.

Um entsprechende Strukturanpassungen zu unterstützen, kann die „Reserve“ ein wertvolles Werkzeug sein. Das Thünen-Institut für Seefischerei wird weitere Analysen zu den Auswirkungen der Brexit-Vereinbarungen vornehmen und untersuchen, welche Anpassungsstrategien für die Betriebe möglich sein könnten.

Effekte auf den Handel noch unklar

Ändern sich durch den Brexit auch die Handelsströme mit Fisch und Fischprodukten? Darüber ist dem Thünen-Institut noch nichts Näheres bekannt. Allerdings gab es nach dem 01.01.2021 besonders aus dem VK Meldungen, dass der Export in die EU deutlich schwieriger geworden ist. Die Analyse der Handelsströme hat in der Vergangenheit ergeben, dass das VK vor allem Rohwaren exportiert, während Fertigwaren importiert werden (auch aus Deutschland). Für Deutschland sah die Handelsbilanz positiv aus – so wurden im Jahr 2016 Fischerzeugnisse für 230 Millionen Euro exportiert, während Waren für 105 Millionen Euro importiert wurden.

...aus den Medien

Interview mit Dr. Ralf Döring über den Brexit und eine Neuaufteilung der Fangquoten im Thünen-Magazin Wissenschaft erleben 2020/1

3sat makro: Ausgefischt – Die Nordsee und der Brexit (29.11.2019, 28:48 min)
Fernsehsendung, u.a. mit Dr. Ralf Döring, Thünen-Institut für Seefischerei
Fortsetzung der 3sat-Doku vom 22.03.2019

3sat makro: Brexit: Good bye, fish and chips? (22.03.2019, 28:43 min)
Fernsehsendung, u.a. mit Dr. Ralf Döring, Thünen-Institut für Seefischerei