Der Hering in der Klimafalle

Expertise

Heringe im Netz (© Daniel Stepputtis/Thünen-Institut)

In der westlichen Ostsee ist der Hering – neben dem Dorsch – der „Brotfisch“ für die Küstenfischerei. Seit Jahren produziert der wirtschaftlich wichtige Bestand aber immer weniger Nachwuchs. Auch 2016 nahm die Nachwuchsproduktion weiter ab, sodass der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) für 2018 eine drastische Fangempfehlung aussprach: minus 39 %.

Was sind die Gründe für den Bestandsrückgang? Das Thünen-Institut führt regelmäßig einen Heringslarven-Survey im wesentlichen Laichgebiet dieses Bestandes durch. Analysen aller seit 1991 vorhandenen Daten zur Rekrutierung und zu den Umweltbedingungen haben gezeigt, dass vor allem zwei Faktoren für die schwache Nachwuchsproduktion verantwortlich sind:

  • eine Erwärmung der westlichen Ostsee und
  • eine Überdüngung der inneren Küstengewässer, in denen der Hering laicht.
An Seegras angeheftete Heringseier (© Daniel Stepputtis/Thünen-Institut)

Die Temperaturerhöhung wirkt an vielen Stellen: Die milderen Wintertemperaturen führen dazu, dass die innere jahreszeitliche Uhr der Heringe, die im Öresund überwintern, vor geht. Sie bekommen ein früheres Signal für ihre Laichwanderung zu den flachen Küstengebieten wie dem Greifswalder Bodden. Dort dienen Wasserpflanzen der Uferzone, z.B. Seegras, als Laichsubstrat für die Heringseier. Die Überdüngung der küstennahen Wasserbereiche (vor allem durch den Nährstoffeintrag von Land) führt zu trüberem Wasser, wodurch das Seegras in größeren Tiefen nicht mehr wächst. In den höheren Schichten sind die anhaftenden Heringseier aber verstärkt den Frühjahrsstürmen ausgesetzt. Mehr noch: Auf den Laichplätzen kommt es zum Wachstum fädiger Algen, die aus bislang ungeklärter Ursache viele Eier zum Absterben bringen. Die Eier, die überleben, entwickeln sich im wärmeren Wasser schneller. Dadurch schlüpfen die Larven früher und verbrauchen ihren Dottervorrat, bevor ausreichend kleine Krebslarven als Nahrung verfügbar sind – und verhungern. Denn das Auftreten von Zooplankton (kleine tierische Organismen) gipfelt unverändert zur gleichen Zeit, weil es von der Frühjahrs-Phytoplanktonblüte abhängt, die dem unveränderten Jahresgang der Sonneneinstrahlung folgt. Zwischen dem Auftreten hungriger Heringslarven und dem ihrer wichtigsten Nahrung entsteht also eine immer größer werdende Lücke.

Leider bedeutet die Aufklärung der ökologischen Wirkmechanismen nicht, dass die Ursachen beseitigt sind – vorerst muss der Heringsbestand noch vorsichtiger bewirtschaftet werden, um sich erholen zu können.

Schematischer Lebenszyklus des Herings (© Paul Kotterba)

Besonderheiten im Frühjahr 2018

Der Winter 2017/18 war im Schnitt ein eher kalter – allerdings sind die tiefen Temperaturen erst ab Ende Februar aufgetreten, als die Eiablage bereits begonnen hatte. Die Heringe haben das Laichen wieder eingestellt. Das wirkt sich negativ auf die Fortpflanzungsfähigkeit aus. Bei einem ungewöhnlich hohen Anteil der Heringsweibchen sind die Geschlechtsorgane so verhärtet, dass sie keine Eier mehr ablegen können. Man spricht hier von Steinrogen. In „normalen“ Jahren liegt der Anteil der Steinrogen-Weibchen bei unter 1%. In diesem Jahr ist es deutlich mehr. Kein gutes Vorzeichen für die diesjährige Larvenproduktion!

Präpariertes Heringsweibchen mit Steinrogen (links) im Vergleich mit normalem Weibchen. (© Thünen-Institut/A. Schütz)