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Sea Fisheries

ICES-Fangempfehlungen: Was steckt dahinter?

Expertise

Jedes Jahr veröffentlicht der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) den wissenschaftlichen Ratschlag zum Zustand der Fischbestände im Nordostatlantik (ICES Advice) und schlägt nachhaltige Fangquoten für das nächste Jahr vor. Im Folgenden erläutern wir den Zustand der für deutsche Fischereien wichtigsten Fischbestände der Nordsee und des Nordostatlantiks und die darauf aufbauenden wissenschaftlichen Fangquoten-Empfehlungen.


Der Status vieler Fischbestände im Nordostatlantik und angrenzender Gebiete hat sich erfreulicherweise in den letzten Jahren verbessert. Durch das Absenken der Fangquoten und den daraus resultierenden Beschränkungen der Fischerei zeigt die Biomasse von vielen Beständen einen positiven Trend. Von 2003 bis 2017 nahm die Biomasse von Beständen mit analytischem Assessment im Nordostatlantik um durchschnittlich 36 % zu. Immer mehr Bestände werden nachhaltig nach dem Prinzip des maximalen Dauerertrages (MSY) bewirtschaftet, auch wenn das MSY-Ziel nicht für alle Bestände erreicht ist.

Im Jahr 2017 hatten 41 von 70 Beständen, für die entsprechende Referenzwerte vorliegen, das MSY-Kriterium erreicht. Dies entspricht 59 % der bewerteten Bestände, während es 2005 nur 26 % waren. Im Jahr 2020 sollen laut politischer Vorgaben alle Bestände nach dem MSY-Kriterium bewirtschaftet sein.

Was bedeuten MSY und FMSY?

Unter dem höchst möglichen Dauerertrag (englisch: Maximum Sustainable Yield, MSY) versteht man die optimale Fangmenge, die einem Fischbestand unter Ausschöpfung seines maximalen Wachstumspotenzials entnommen werden kann, ohne dass seine Fortpflanzungsfähigkeit in der Zukunft gefährdet ist.

Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg 2002 wurde eine Bewirtschaftung der Fischbestände auf Basis von MSY als globales Ziel definiert. Gemeinsam mit vielen anderen Ländern haben die EU-Mitgliedstaaten dieses politische Ziel übernommen und es in der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) verankert. Ein Hauptziel der GFP ist es somit, bis 2020 alle Bestände mit Fangbeschränkungen so zu bewirtschaften, dass sie den maximalen Dauerertrag liefern können. FMSY bezeichnet dabei die optimale Fischereiintensität, die den maximalen Dauerertrag ermöglicht. Werden Bestände über FMSY befischt, so wird ihr Wachstumspotenzial nicht mehr optimal ausgeschöpft und die Fischereien verlieren langfristig Ertrag.

Eine Gefährdung des Bestandes tritt aber erst ein, wenn über einen längeren Zeitraum mehr Fische entnommen werden als nachwachsen und eine kritische Elternbestands-Biomasse unterschritten wird, unterhalb derer das Risiko einer verminderten Nachwuchsproduktion rapide steigt. Der Bestand befindet sich dann außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Somit ist eine Überfischung in Bezug auf den maximalen Dauerertrag (Verlust an Ertrag) von einer Überfischung in Bezug auf sichere biologische Grenzen (verminderte Nachwuchsproduktion) zu unterscheiden.

Was ist die fischereiliche Sterblichkeit?

Die fischereiliche Sterblichkeit ist ein Maß für die Menge an Fisch oder anderen Meerestieren, die über einen bestimmten Zeitraum durch Fang vom fischereilich nutzbaren Anteil eines Bestandes entnommen wird.

Die Erholung der Bestände hat auch positive ökonomische Effekte. So verzeichnete die EU-Fangflotte im Jahr 2017 Nettogewinne in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Die Prognosen für 2018 und 2019 sehen den Nettogewinn stabil auf hohem Niveau.

Erläuterungen zu den einzelnen Empfehlungen

Kabeljau Nordsee

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Für diesen Bestand nahm die fischereiliche Sterblichkeit zwischen 2000 und 2016 ab, ist aber seit 2016 wieder stark angestiegen und nun deutlich über dem Referenzwert FMSY. In den Jahren zwischen 2004 und 2015 hat sich die Laicherbestands-Biomasse etwas erholt, seit 2015 geht der Bestand aber wieder deutlich zurück. 2019 liegt die Laicherbestands-Biomasse unter dem unteren Bestandslimit (Blim) und somit außerhalb sicherer biologischer Grenzen.

Die Erholung zwischen 2004 und 2015 beschränkte sich außerdem fast ausschließlich auf den nördlichen Bereich der Nordsee. Im südlichen Teil ist der Bestand seit Jahrzehnten auf einem sehr niedrigen Niveau mit Anzeichen einer weiteren Abnahme. Klimatische Veränderungen spielen hier neben der Fischerei eine Rolle, da die Nordsee die südliche Grenze des Verbreitungsgebietes von Kabeljau darstellt. Wissenschaftliche Studien lassen außerdem vermuten, dass eine Wiederbesiedlung der südlichen Gebiete durch Kabeljau aus dem Norden unwahrscheinlich ist, da Kabeljau meist zu seinen angestammten Laichgebieten zurückkehrt. Insgesamt ist die Produktivität des Nordseebestandes nach 1998 sehr niedrig im Vergleich zu früheren Jahren. Nach einem etwas stärkeren Jahrgang 2016, wird für den Jahrgang 2017 der niedrigste Wert seit Beginn der Zeitserie berechnet.

Basierend auf dem MSY-Ansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von 10.457 Tonnen für 2020. Die erlaubte Höchstfangmenge 2019 lag bei 35.357 Tonnen. Dies entspricht einer drastischen Reduzierung um 70 Prozent. Die Gründe dafür liegen zum einen in einer deutlich negativeren Einschätzung der aktuellen Bestandgröße. Insbesondere ältere Tiere wurden in den letzten Surveys weniger gefangen als aufgrund von Surveyfängen aus den Jahren zuvor und den Daten aus der Fischerei zu erwarten war. Die Gründe dafür sind unklar und müssen weiter untersucht werden. Ein weiterer Grund für die drastische Reduzierung ist, dass bei einem Bestand, der sich unterhalb von Blim befindet, die fischereiliche Sterblichkeit soweit abgesenkt werden muss, dass der Bestand innerhalb eines Jahres wieder das Niveau von mindestens Blim erreicht. Die resultierende niedrige fischereiliche Sterblichkeit kann nur durch drastische Quotenkürzungen innerhalb eines Jahres erreicht werden. Die sehr niedrige Nachwuchsproduktion aus dem Jahr 2017 führt dann zusätzlich zu einer sehr niedrigen Fangempfehlung.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Seelachs Nordsee

Seelachs (© Thünen-Institut)

Der Bestand ist innerhalb sicherer biologischer Grenzen und wird seit 2014 unterhalb von FMSY befischt. Die Produktivität des Bestandes ist dennoch in den letzten 10 Jahren geringer als in den Jahrzenten davor, was ungünstige Umwelteinflüsse vermuten lässt.

ICES empfiehlt für 2020 eine Höchstfangmenge von 88.093 Tonnen. Bezogen auf die erlaubte Höchstfangmenge in 2019, entspricht dies einer Reduzierung von 14,7 %. Generell zeigen die wissenschaftlichen Surveys einen höheren Bestand an als die Informationen von den Fischereiflotten. Letztere sind aber auch schwerer zu interpretieren, da hier stabilere Fänge aufgrund der gezielten Befischung zu erwarten sind und auch ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle spielen.

Da der wissenschaftliche Survey nicht gezielt auf Seelachs ausgerichtet ist, gilt das Assessment als unsicher. Alternativen fehlen aber momentan. Um die Unsicherheiten in Zukunft zu verringern, arbeiten Norwegen und Deutschland zusammen an einem speziell auf Seelachs ausgerichteten Survey.

Die Erläuterung zum Nordsee-Seelachs als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Alexander Kempf

Scholle Nordsee

Scholle (© Thünen-Institut)

Bedingt durch eine kontinuierliche Abnahme im Fischeraufwand der Hauptfangflotten für Plattfische seit Anfang der 2000er Jahre ist auch die fischereiliche Sterblichkeit (F) für Scholle in den letzten Jahren stetig gesunken. Seit 2009 liegt sie knapp um den Referenzwert FMSY. Während die ermittelte Rekrutierung seit Mitte der 1990er durchschnittlich ausfällt, ist die Laicherbestands-Biomasse der Scholle deutlich angestiegen und erreichte in den letzten Jahren die höchsten Werte seit Aufzeichnung der Daten.

Die Fangempfehlung des ICES nach dem MSY-Konzept beträgt für das Jahr 2020 für Scholle aus der Nordsee und dem Skagerrak zusammen nicht mehr als 131.439 Tonnen. Sie liegt damit etwas unter der Vorjahresempfehlung von 142.217 Tonnen (-7,6 %). Diese Absenkung der erlaubten Höchstfangmenge wird mit einer fluktuierenden Rekrutierung erklärt und ist notwendig, wenn man den Bestand basierend auf den Vorhersagen weiterhin auf FMSY-Niveau befischen möchte. Allerdings lag der Gesamtfang in den letzten Jahren immer deutlich unter der empfohlenen Höchstfangmenge.

Der Laicherbestand ist in den letzten Jahren laut dem Assessment auf Rekordniveau gestiegen. Ein Großteil der aktuellen Laicherbestands-Biomasse besteht jedoch aus alten Tieren, für die keine Informationen aus den Surveys für das Assessment vorliegen. Dies erhöht die Unsicherheit in den Bestandsabschätzungen deutlich. In den letzten Jahren ist eine Tendenz zu einem niedrigeren Gewicht der Einzeltiere zu beobachten, was auf eine Nahrungslimitation hindeuten könnte. Sollte sich das bestätigen, müsste der Referenzwert für FMSY überarbeitet werden, da der Bestand in diesem Fall trotz Bewirtschaftung auf einem vermeintlichen FMSY-Niveau nicht seine maximale Produktivität entfalten kann. Noch ist jedoch nicht abschließend geklärt, ob der Rückgang im mittleren Gewicht eine natürliche Schwankung darstellt oder aber anzeigt, dass tatsächlich eine Nahrungslimitation – bedingt durch einen sehr hohen Bestand – hervorgerufen wird. Dies ist ein zentraler Punkt, der die Wissenschaft momentan beschäftigt, um das Management basierend auf dem MSY-Ansatz zu optimieren.

Die Erläuterung zur Scholle in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Seezunge Nordsee

Seezunge (© Thünen-Institut)

Die Laicherbestands-Biomasse der Seezunge in der Nordsee steigt seit 2007 an und liegt seit 2012 innerhalb sicherer biologischer Grenzen. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist seit 1997 kontinuierlich gesunken und lag in 2017 und 2018 nur leicht über dem Referenzwert von FMSY. Die ermittelte Rekrutierung liegt seit Anfang der 1990er Jahre ohne erkennbaren Trend unter dem langjährigen Mittel.

Basierend auf dem Management-Plan der EU für die gemischten demersalen Fischereien der Nordsee berechnet der ICES Fangmengen im Bereich zwischen 7.170 und 20.820 Tonnen für 2020 in der Nordsee als konform nach dem Vorsorgeprinzip. Die auf FMSY bezogene empfohlene Höchstfangmenge liegt für 2020 bei 12.317 Tonnen. Die Vorjahresempfehlung lag basierend auf FMSY bei nicht mehr als 12.801 Tonnen. Somit stellt die neue Fangempfehlung eine Reduzierung um 3,8 % dar. Grund für die niedrigere Fangempfehlung – wenn der Bestand weiterhin mit FMSY befischt werden soll – ist eine niedrige Rekrutierung in den letzten Jahren und eine niedrigere Einschätzung des aktuellen Bestandes im Vergleich zu den Bestandsberechnungen vor einem Jahr.

Generell muss für das Assessment in naher Zukunft geprüft werden, ob neu verfügbare Survey-Daten, die einen wichtigen Teil des Verbreitungsgebietes des Seezungenbestandes abdecken, in das Assessment eingebracht werden können, um so die Bestandsabschätzung weiter zu verbessern.

Die Erläuterung zur Seezunge in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Holger Haslob

Hering Nordsee

Hering (© Thünen-Institut)

Die Laicherbestands-Biomasse des Nordseeherings schwankt seit Ende der 1990er Jahre zwischen 1,5 und 2,7 Millionen Tonnen. Ein starker Rückgang des Laicherbestandes Mitte der 1990er Jahre führte zu drastischen Fangbeschränkungen. Zusätzlich wurde ein Managementplan entwickelt und eingeführt. Im Ergebnis erholte sich der Bestand nachhaltig. Seit 1996 liegt die Laicherbestands-Biomasse innerhalb biologisch sicherer Grenzen und die fischereiliche Sterblichkeit beständig unterhalb von FMSY.

Trotz der guten Bestandsstärke ist das Aufkommen an Heringsnachwuchs seit 2003 nur unterdurchschnittlich. Einzig 2013 brachte einen stärkeren Nachwuchsjahrgang hervor. Aus Heringslarvenfängen auf den Laichplätzen ist ersichtlich, dass nach wie vor ausreichend Larven schlüpfen. Diese erreichen jedoch zumeist nicht das Jungheringsstadium. Die Gründe hierfür sind nicht abschließend geklärt. Die letzten wirklich starken Jahrgänge datieren aus den Jahren 1998 und 2000.

Basierend auf dem ICES-MSY-Ansatz ergibt sich für 2020 eine Fangempfehlung für alle Flottenanteile von 431.062 Tonnen (+38,4 % gegenüber der empfohlenen Höchstfangmenge für 2019). Dieser Anstieg ist vor allem auf eine höhere Einschätzung der Heringsbiomasse im aktuellen Assessment zurückzuführen. Außerdem wird erwartet, dass der relative Anteil älterer Tiere in den Fängen in 2020 deutlich zunehmen wird. Gegenwärtig besteht keine Übereinkunft zwischen der EU und Norwegen zur Anwendung eines Managementplans. Daher findet für 2020 der MSY-Ansatz Anwendung. Als Folge der Fangmengenempfehlung und der seit Jahren schwachen Rekrutierung ist für 2020 eine weitere Abnahme des Laicherbestandes zu erwarten.

Neben der Fischerei zur menschlichen Ernährung (A-Flotte) existiert in der Nordsee auch eine Industriefischerei zur Erzeugung von Fischmehlen und -ölen (B-Flotte). Da hier vornehmlich Jungheringe als Beifang in der Sprottenfischerei auftreten, wird dieses Flottensegment mit einer eigenen Höchstmengenbegrenzung für Heringsbeifang versehen (2020 voraussichtlich 12.413 t). Außerdem vermischen sich vor der südlichen norwegischen Küste, im Skagerrak/Kattegat und in der westlichen Ostsee Heringsbestände aus Nord- und Ostsee und werden gemeinsam gefangen. Für den Ostseehering aus der westlichen Ostsee, dem Skagerrak und dem Kattegat empfiehlt der ICES für 2020 ein Fangverbot. Daher sind auch die entsprechenden Fanganteile an Nordseehering für die Fischerei der C- und D-Flotte in den angeführten Gebieten auf null gesetzt worden, da sonst bei der Fischerei auf Nordseehering auch Ostseeheringe in den Netzen der Fischer landen.

Neben den Fangdaten und den biologischen Beprobungen aus der Fischerei werden bei den Bestandberechnungen auch verschiedene Zeitserien aus wissenschaftlichen Forschungsreisen verwendet (Heringslarven-Survey, Jungheringsaufkommen, Bodentrawl-Fänge). Dazu kommen akustische Messungen zur Anzahl und Stärke der Heringsschwärme. Damit ist die Menge und Qualität an Eingangsdaten im Vergleich zu vielen anderen Beständen sehr gut.

Die Erläuterung zum Hering in der Nordsee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Norbert Rohlf

Makrele Nordostatlantik

Makrele (© Thünen-Institut)

Die Biomasse des Laicherbestandes der nordostatlantischen Makrele ist seit den 2000er Jahren substantiell bis zu einem Maximum 2014 gestiegen, nimmt seitdem ab, wird aber weiterhin innerhalb sicherer biologischer Grenzen eingeschätzt. Die fischereiliche Sterblichkeit ist seit Mitte der 2000er Jahre zurückgegangen, ist aber beständig höher als FMSY. Seit den frühen 2000er Jahren haben sich einige große Jahresklassen entwickelt, seit 2012 scheinen die Jahrgänge überdurchschnittlich hoch. Als Resultat der gestiegenen Biomasse und klimatischer Veränderungen hat sich der Bestand seit Ende der 2000er Jahre insbesondere während der weiten Fresswanderungen im Sommer stark in nordwestlicher Richtung ausgedehnt.

Für die Bestandsabschätzung wird ein altersbasiertes Modell angewendet. Dieses verwendet – neben den kommerziellen Daten – den alle drei Jahre stattfindenden Makreleneiersurvey, der auf die Laichansammlungen abzielt und seit mehreren Jahren auch einen nordischen „Swept area“ Survey, der den Bestand während der Fresswanderung erfasst. Außerdem wird der internationale Bodentrawl-Survey (IBTS) im 4. Quartal und 1. Quartal verwendet, um die Nachwuchssituation abzuschätzen. Norwegische Markierungsdaten, bei denen über die Wiederfangraten die Bestandsgröße abgeschätzt wird, wurden in den letzten Jahren ebenfalls in das Assessment integriert.

Nach dem Benchmark-Prozess in 2017 bestand immer noch eine gewisse Unsicherheit in der Berechnung. Dies liegt zum einen an der Kürze einiger der verwendeten Zeitreihen und zum anderen an einigen widersprüchlichen Signalen von den verschiedenen im Assessment verwendeten Daten. Insbesondere die Ergebnisse aus Lebendmarkierungen von Makrelen beeinflussten das Ergebnis der Bestandsberechnungen erheblich. Ein Interbenchmark-Prozess im Frühjahr 2019 untersuchte diese bestehenden Unsicherheiten.

Während des Interbenchmarks wurde dann konsequenterweise insgesamt das Berechnungs-modell überprüft und verbessert. Die Konfiguration des Modells wurde dabei so verändert, dass die unterschiedlichen Datensätze nun optimal genutzt werden. Infolgedessen hat sich die Wahrnehmung des Makrelenbestandes geändert. Die Referenzpunkte bzgl. der kritischen Bestandsgröße wurden etwas verringert und bzgl. der kritischen Werte zur fischereilichen Sterblichkeit geringfügig erhöht. Die abgeschätzte Bestands-Biomasse hat sich für die letzten Jahre deutlich erhöht.

Das Interbenchmark führte insgesamt zu einer veränderten weitaus positiveren Wahrnehmung des nordostatlantischen Makrelenbestandes und machte eine Korrektur des bestehenden wissenschaftlichen Ratschlages zur Höchstentnahme nötig. Der neue Ratschlag wurde Mitte Mai 2019 veröffentlicht und beträgt 770.000 Tonnen für die maximale Fangmenge im Jahr 2019 (vorher 318.403 Tonnen).

Die Erläuterung zur Makrele im Nordostatlantik als PDF zum Download

Ansprechpartner: Jens Ulleweit

Kabeljau Nordostarktis

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Dieser Bestand befindet sich derzeit in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse befindet sich seit 2002 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und erreichte 2013 ihren historischen Höchststand. Seitdem hat die Biomasse abgenommen, der Bestand wird aber weiterhin nachhaltig befischt. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) liegt seit 2008 unter dem Referenzwert FMSY, allerdings lag die fischereiliche Sterblichkeit in 2018 erstmalig wieder über FMSY und dies wird auch für 2019 erwartet.

Die Fangempfehlung des ICES von höchstens 689.672 Tonnen für das Jahr 2020 liegt leicht über der empfohlenen Höchstfangmenge für 2019 von 674.678 Tonnen und basiert auf dem Managementplan des JRNFC (Joint Norwegian-Russian Fishery Commission) von 2016. Die im Vergleich zu früheren Jahren geringere Höchstfangmenge (Höchstfangmenge 2013 war 1 Mio. Tonnen) trägt dem Abwärtstrend in der Laicherbestands-Biomasse Rechnung – auch in Anbetracht der Tatsache, dass seit den Jahrgängen von 2004 und 2005 kein starker Jahrgang mehr produziert wurde. Die empfohlene Fangmenge entspricht einer fischereilichen Sterblichkeit von 0,47, welches über dem FMSY von 0,40 liegt.

Laut Managementplan wird eine Befischung über FMSY angestrebt, wenn der Bestand mehr als doppelt so hoch ist als der Referenzwert Bpa (ab Bpa ist der Bestand innerhalb sicherer biologischer Grenzen). Dadurch ließen sich negative Auswirkungen eines großen Kabeljaubestandes auf Beutebestände abmildern. Die 689.672 Tonnen stellen einen Mittelwert an erlaubten Fängen über eine Dreijahresprognose dar, wenn der Bestand – wie vorhergesagt – weiter abnimmt.

Die Erläuterung zum Kabeljau in der Nordostarktis als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Matthias Bernreuther

Rotbarsch Grönland/Irmingersee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Die deutsche Flotte fischt Rotbarsch hauptsächlich am Grönlandschelf und in der Irmingersee. Dort kommen zwei Rotbarscharten, der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (S. norvegicus, ehemals S. marinus), in mehreren Beständen vor. Der Zustand dieser Bestände ist unterschiedlich. Am Ostgrönlandschelf werden außerdem die beiden Arten gemeinsam gefangen. Eine Unterscheidung zwischen S. norvegicus und S. mentella ist oft schwierig, so dass es zu Fehlmeldungen zwischen den gemeinsam vorkommenden Arten kommt bzw. beide Arten zusammen als „Rotbarsch“ gemeldet werden.

Der S. norvegicus-Bestand am Ostgrönlandschelf gehört zu dem größtenteils am Islandschelf vorkommenden Bestand und ist in einem guten Zustand. Die Laicherbestands-Biomasse befindet sich seit 2008 innerhalb sicherer biologischer Grenzen und wird seit 2010 annähernd nach dem MSY Prinzip befischt, da die fischereiliche Sterblichkeit meist leicht über dem FMSY-Wert von 0.097 lag. Die Fangempfehlung des ICES von nicht mehr als 43.568 Tonnen für 2020 entspricht fast genau der erlaubten Höchstfangmenge für 2019 von 43.600 Tonnen und basiert auf dem grönländisch-isländischen Managementplan für S. norvegicus. Sorge bereitet die Rekrutierung von Jungfischen in den Elternbestand, da diese seit 2011 gering ausgefallen ist.

Der genaue Zustand des am Grönlandschelf vorkommenden S. mentella-Bestandes kann nicht genau eingeschätzt werden. Der Bestand hat seit 2010 abgenommen, und sich in den letzten 7 Jahren nicht verbessert. Die Empfehlung des ICES von nicht mehr als 914 Tonnen für 2020 entspricht der zulässigen Höchstfangmenge in 2019. Ob die Fänge die empfohlene Höchstfangmenge in den vergangenen Jahren jeweils übertroffen haben, ist schwierig einzuschätzen, da bis 2017 eine gemeinsame Quote für die beiden Rotbarscharten am Grönlandschelf ausgegeben wurde und eine genaue Einschätzung wegen der Artentrennungsproblematik schwierig ist.

In der benachbarten Irmingersee kommen zwei weitere S. mentella-Bestände vor, die mit pelagischen Schleppnetzen gefangen werden. Diese beiden Bestände haben so stark abgenommen, dass der ICES empfahl, 2017 und 2018 keine Fänge zu tätigen. Der Zustand des flachen Bestandes (< 500 m Wassertiefe) kann nicht genau eingeschätzt werden, allerdings hat dieser Bestand gemäß einem wissenschaftlichen Survey-Index so stark abgenommen, dass er derzeit weniger als 5 % der ursprünglichen Bestandsgröße beträgt. Der tiefe Bestand (> 500 m Wassertiefe) weist eine verminderte Reproduktionsfähigkeit auf und wurde in den letzten Jahren vor 2018 mit einer fischereilichen Sterblichkeit von deutlich über FMSY befischt. Empfehlungen für die Jahre 2019 und 2020 liegen nicht vor.

Die Erläuterung zum Rotbarsch Grönland/Irmingersee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Rotbarsch Norwegensee/Barentssee

Rotbarsch (© Thünen-Institut)

Am norwegischen Schelf, in der Norwegensee und in der Barentssee sind ebenfalls die zwei Rotbarscharten von kommerzieller Bedeutung anzutreffen: der Tiefenrotbarsch (Sebastes mentella) und der Goldbarsch (Sebastes norvegicus, ursprünglich Sebastes marinus).

Der Sebastes mentella-Bestand befindet sich derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem guten Zustand. Die Laicherbestandsbiomasse hat zwischen 1992 und 2005 stetig zugenommen und sich seitdem auf hohem Niveau stabilisiert. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist seit 1997 relativ niedrig (F = 0,01 – 0,06), und seit 2006 werden wieder starke Nachwuchsjahrgänge beobachtet. Gemäß dem Vorsorgeansatz empfiehlt der ICES eine Höchstfangmenge von nicht mehr als 53.757 Tonnen für 2019 und 55.860 Tonnen für 2020. Diese Empfehlung liegt damit deutlich über der erlaubten Höchstfangmenge für 2018 von ≤ 32.658Tonnen.

Seit 2004 hat sich in der Norwegensee eine pelagische Fischerei auf diesen Bestand außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Norwegens entwickelt, die von der North-East Atlantic Fisheries Commission (NEAFC) gemanagt wird. Da es kein internationales Abkommen über das Aufteilen der Höchstfangmenge zwischen den fischenden Nationen und zwischen nationalen und internationalen Gewässern gibt, lagen die Fänge in 2016 und 2017 etwas über der erlaubten Höchstfangmenge. Es wird erwartet, dass dies auch in den nächsten Jahren der Fall sein könnte.

Der am norwegischen Schelf und in der Barentssee vorkommende Goldbarschbestand (S. norvegicus) befindet sich derzeit in einem schlechten Zustand. Die Laicherbestandsbiomasse hat seit den späten 1990er Jahren kontinuierlich abgenommen und befindet sich auf dem niedrigsten Stand in der Zeitserie der Bestandsabschätzungs-Ergebnisse. Daher empfiehlt der ICES, keine Fänge für die Jahre 2019 und 2020 zu tätigen. Zusätzlich empfiehlt ICES, die Beifänge an Goldbarsch in anderen Fischereien im gleichen Gebiet, wie z.B. auf Kabeljau und Seelachs, möglichst gering zu halten. Dennoch wurden in den letzten Jahren 3.000 bis 6.000 Tonnen jährlich gefangen.

Die Erläuterung zum Rotbarsch in der Norwegensee/Barentssee als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Christoph Stransky

Kabeljau Grönland

Kabeljau (© Thünen-Institut)

Der Kabeljaubestands-Komplex vor Grönland gliedert sich nach gegenwärtigem Erkenntnisstand in drei Untereinheiten mit deutlichen ökologischen Unterschieden. Der inshore-Bestand lebt in den ausgedehnten Fjordsystemen der Westküste Grönlands, der offshore-Bestand gliedert sich in einen westlichen (West-Grönland) und einen östlichen (Südwest-Grönland bis Island). Der östliche Bestand steht in einem Austausch mit dem Kabeljaubestand vor Island. Historisch war die Hochzeit der Kabeljaufischerei vor Grönland mit einem sehr großen westlichen offshore-Bestand verbunden, während die Erholung seit 2000 auf ein Erstarken der östlichen offshore-Komponente zurückzuführen ist. Insgesamt vermischen sich die Bestände während der unterschiedlichen Lebensstadien. Daher können die Fänge nicht eindeutig zugeordnet werden.

Nach dem Zusammenbruch der Bestände Anfang 1990 erfolgte eine 10-jährige Periode mit sehr geringer Populationsdichte. Der Aufwärtstrend nach 2000 ist von erheblichen Schwankungen betroffen. Nach einem Moratorium bis 2005 wurde 2006 die Fischerei wieder eingeführt.

Obgleich die Surveytrends der letzten Jahre für den östlichen und südwestlichen offshore-Bestand rückläufig sind, wurde die Fangempfehlung für 2018 aufgrund eines neu gerechneten Assessmentmodelles nach oben korrigiert, womit sich das Assessment von 'datenarm' zu einem Kategorie 1 analytischem Assessment verändert hat. Damit änderte sich auch die Basis der Fangempfehlungen grundlegend. Ebenso wird der Bestand nun als innerhalb sicherer Grenzen eingestuft und die fischereiliche Sterblichkeit liegt laut neuem Assessment seit 25 Jahren unterhalb von FMSY, allerdings mit ansteigender Tendenz in den letzten Jahren. Die Fangempfehlung für 2018 wurde aufgrund des neuen Assessments neu festgesetzt auf 12.151 Tonnen (vorher 6.344 Tonnen). Die entsprechende Empfehlung für 2019 ist 5.363 Tonnen und für 2020 lautet sie 3.409 Tonnen. Dies spiegelt den stark abnehmenden Trend der letzten Jahre im Bestand wider. In den letzten Jahren lagen die festgelegten Höchstfangmengen immer deutlich über den ICES Fangempfehlungen.

Die Einschätzung für den westgrönländischen offshore-Bestand ist, dass er sich im historischen Vergleich auf einem sehr niedrigen Niveau befindet und deshalb keine Fänge getätigt werden sollten. Es wird vermutet, dass der starke Anstieg in den Survey-Indices bis 2015 hauptsächliche durch Juvenile von anderen Beständen in der Umgebung verursacht wurde. Der grönländische Index für 2016 bis 2018 zeigt wieder einen deutlichen Einbruch und eine geringe Bestandsgröße an.

Der westgrönländische inshore-Bestand zeigt einen ansteigenden Trend im letzten Jahrzehnt und erreichte ein Hoch im Jahr 2015. Seitdem nimmt der Bestand aufgrund einer rückläufigen Produktivität wieder ab. Die Fangempfehlung für 2020 betragen 5.537 Tonnen, was einer Reduzierung um 19 % im Vergleich zur Empfehlung für 2019 entspricht (6.806 Tonnen). Der Bestand gilt als innerhalb sicherer biologischer Grenzen, aber die fischereiliche Sterblichkeit liegt deutlich über FMSY. Um FMSY bei abnehmendem Bestand zu erreichen, sind Einschnitte in der empfohlenen Fangmenge erforderlich. Die offiziellen Fänge der letzten Jahre lagen deutlich höher als die ICES-Fangempfehlungen. Eine Vermischung unterschiedlicher Bestände in den Fanggebieten erschweren das Assessment und das Management zusätzlich.

Die Erläuterung für den Kabeljau vor Grönland als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock

Schwarzer Heilbutt (Ostgrönland, Island, Färöer, westlich von Schottland)

Schwarzer Heilbutt (© Thünen-Institut)

Für den Schwarzen Heilbutt als Tiefenbestand liegt für das große Assessment-Gebiet von den Färöern, Island und Ost-Grönland kein einheitlicher wissenschaftlicher Survey vor. Entsprechend wird die Bestandsdynamik neben einem kombinierten Surveyindex zu einem größeren Teil aus kommerziellen Daten abgeschätzt, wobei die Ergebnisse von der Gewichtung der einzelnen Eingangsparameter abhängig sind.

Ein analytisches Assessment liegt vor, es weist jedoch größere Unsicherheiten auf. Der Trend zeigt eine Erholung, nachdem die Bestandsdichte 1994-1996 stark eingebrochen war und zwischenzeitlich den MSY-Btrigger-Wert erreicht hatte. In den letzten Jahren ist der Bestand stabil über MSY-Btrigger. Nach ICES-Empfehlungen für 2020 sollte die Jahresfangmenge 21.360 Tonnen nicht übersteigen. Dies entspricht einer Reduzierung von 12 % im Vergleich zum Vorjahr, um die fischereiliche Sterblichkeit auf FMSY abzusenken. Biomasse und Reproduktionspotenzial des Bestandes liegen oberhalb der Referenzwerte, die fischereiliche Sterblichkeit liegt oberhalb von FMSY.

Die Erläuterung zum Schwarzen Heilbutt als PDF zum Download

Ansprechpartner: Dr. Heino Fock