Ziele, Werte, Strategien: Interdisziplinäre Analyse von Umweltdokumentarfilmen

Arbeitsgemeinschaft von Kultur- und Naturwissenschaftlern untersuchte ästhetische Strategien und politische Ziele von Umweltdokumentationen – Thünen-Report 70 präsentiert Ergebnisse


Industrielle Lebensmittelproduktion, hochverdichtete Tierhaltungssysteme, bedrohte Fischbestände, Chancen und Risiken von Genome Editing, Lebensmittelverschwendung: Immer mehr Dokumentarfilme thematisieren den Einfluss unserer Agrar- und Ernährungssysteme auf Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Klima. Viele dieser Reportagen kritisieren bestehende Zustände deutlich und setzen auf moralische Appelle, andere konzentrieren sich auf die Darstellung möglicher Alternativen, wieder andere Filme vermitteln Informationen eher unkommentiert und überlassen es Zuschauerinnen und Zuschauern vermeintlich selbst, sich ein Urteil zu bilden.

Umweltdokus – Fragen aus verschiedenen Perspektiven

Gerade weil die steigende Zahl einschlägiger Dokumentationen erahnen lässt, welche Beweiskraft die Gesellschaft ihnen mittlerweile zuerkennt, drängen sich viele Fragen auf, zum Beispiel: Ist die Faktenbasis korrekt, unzulässig verknappt oder gar verfälscht, auf der die Aussagen eines Films beruhen? Mit welchen Mitteln wird ein Film „erzählt“, d.h. welche Schnittfolgen, Interviewformen, Kameraperspektiven, welche Art der Ausleuchtung und musikalischen Untermalung werden eingesetzt, um bei den Zuschauerinnen und Zuschauern bestimmte Wirkungen zu erzielen? Welche ethischen Kriterien werden stillschweigend vorausgesetzt oder mit dem Film transportiert?

Ein Naturwissenschaftler, eine Medienexpertin, ein Philosoph können hierzu aus ihrer jeweiligen Perspektive immer nur isolierte Teilaspekte beleuchten. Deshalb kam die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Dr. Susanne Kaul (Universität Bielefeld) mit der Idee auf das Thünen-Institut zu, solche Fragen erstmals interdisziplinär zu debattieren. Gemeinsam mit Stefan Lange, dem Forschungskoordinator des Thünen-Instituts, entwickelte sie daraufhin das Konzept für die mehrtägige Diskussionsveranstaltung „Politische Ziele und ästhetische Strategien von Umweltdokumentarfilmen“, die 2019 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Uni Bielefeld stattfand.

Interdisziplinäre Tagung

Im Dialog erörterten Medien- und Kulturwissenschaftler, Philosophen, Agrarwissenschaftler, Biologen, Umwelttechniker und Filmschaffende, wie ökologisches Wissen in Dokumentarfilmen vermittelt wird. Dabei stellten sie einander nicht nur ihre jeweiligen fachlichen Zugänge bei der Analyse von Umweltdokumentationen vor, sondern bewerteten teilweise auch das gleiche Filmmaterial. So war es für alle Beteiligten bereichernd, den Ausführungen von Christopher Zimmermann (Thünen-Institut für Ostseefischerei) zu fachlichen Falschaussagen und Ungereimtheiten im Film „Das Geschäft mit dem Fischsiegel. Die dunkle Seite des MSC" (Huismann, D 2018) zu folgen, während Markus Kügle vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim an der gleichen Reportage kritisch aufzeigte, mit welchen rhetorischen und audiovisuellen Mitteln die Autoren ihre Thesen zu belegen suchen.

Ergebnisse

Das Fazit dieses Austausches, mit dem sowohl Fächergrenzen als auch die traditionelle Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaft überschritten wurden, ist jetzt als Thünen-Report 70 „Politische Ziele und ästhetische Strategien von Umweltdokumentarfilmen – Eine interdisziplinäre Annäherung“ veröffentlicht worden. Der Report ist als PDF-Download oder als Print-Version erhältlich. Letztere kann per E-Mail an stefan.lange@  thuenen.de angefordert werden.

Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen

Stefan Lange (Präsidialbüro)

Susanne Kaul (Universität Bielefeld)

Felicitas Schneider (Thünen-Institut für Marktanalyse)

Christopher Zimmermann (Thünen-Institut für Ostseefischerei)