Tierwohl am Tier messen

Press Release

Experten diskutieren Indikatoren, die in der Milchviehhaltung geeignet sind, das Befinden der Tiere realistisch einzuschätzen / Ergebnisse aus der Praxis vorgestellt, Grenzwerte und Zielgrößen für die Umsetzung in der Praxis erörtert

Freuten sich über die rege Diskussion beim Workshop (von links): Thünen-Wissenschaftler Christine Renziehausen, Jan Brinkmann, Solveig March und Angela Bergschmidt. (© Thünen-Institut/Ulrike Hochgesand)

Nutztiere sollen tiergerecht gehalten werden. Das wünschen sich die meisten Verbraucher laut Umfragen. Doch wie lässt sich messen, ob die Tiere tatsächlich gesund sind und ob sie sich wirklich wohl fühlen? Darum ging es in einem Workshop, den das Thünen-Institut Anfang Juni in Braunschweig veranstaltet hat.  

Die Richtlinien des ökologischen Landbaus, aber auch Agrarfördermaßnahmen, die tiergerechte Haltungsformen unterstützen sollen, sind zurzeit ausschließlich handlungsorientiert; das heißt sie sehen Vorgaben für die Haltung und zum Management vor (z.B. Haltung der Kühe im Sommer auf der Weide, Platzangebot je Tier, spezifische Bodenbeläge wie Einstreu in Ställen). Um als Biobetrieb anerkannt zu werden oder in den Genuss der Förderung zu kommen, müssen die Landwirte diese Vorgaben erfüllen. Die Vorgaben können zwar gute Voraussetzungen für ein verbessertes Tierwohl schaffen, der tatsächliche Zustand der Tiere (Gesundheit und Wohlergehen) bleibt aber unberücksichtigt. Darum haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Thünen-Instituts untersucht, welche Indikatoren, die an der Milchkuh selbst erhoben werden, dafür geeignet sind anzuzeigen, ob es dem Tier gut geht.

Um bei der Messung des Tierwohls zu vergleichbaren Ergebnissen zu kommen, müssen die beurteilenden Personen gut eingearbeitet werden, um die Indikatoren möglichst einheitlich bewerten zu können. (© Thünen-Institut/Jan Brinkmann)

Das von Forschern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, von Praktikern, Vertretern des Berufsstandes und der Tierschutzverbände entwickelte Indikatoren-Set für die Milchviehhaltung soll eine solche objektive Einschätzung ermöglichen. Es umfasst zehn tierbezogene Indikatoren zur Euter- und Stoffwechselgesundheit, zum Ernährungszustand, zu Lahmheiten, Veränderungen an Klauen- und Gliedmaßen, Verschmutzung, Verletzungen und Verhalten der Tiere sowie zur Zahl der verendeten Kühe und Kälber.  

In 115 Landwirtschaftsbetrieben – 32 konventionell und 30 ökologisch bewirtschafteten Betrieben in Nordrhein-Westfalen sowie 36 konventionellen und 19 Öko-Betrieben in Mecklenburg-Vorpommern – haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das tierbezogene Indikatoren-Set erstmals erhoben. Die Ergebnisse zeigen: Das Tierwohl hängt stark vom Management des einzelnen Betriebes ab. So liegt zum Beispiel der Anteil lahmer Kühe im Durchschnitt der Betriebe bei 14,7 Prozent, schwankt aber von 0 Prozent lahmen Kühen (öko und konventionell) bis im Extrem zu 46,3 (ökologisch) bzw. 68,8 Prozent (konventionell).  

Die Empfehlung des Thünen-Instituts lautet, die zurzeit ausschließlich handlungsorientierten Richtlinien für eine tiergerechte Milchviehhaltung um tierbezogene Indikatoren zu erweitern. Dies findet bei den Landwirten, in den Verbänden und in der Forschung großen Zuspruch. Das zeigte die rege und konstruktive Diskussion während des Workshops in Braunschweig. Wie sich die Kontrolle der tierbezogenen Indikatoren in der Praxis umsetzen lässt, konnte allerdings noch nicht abschließend beantwortet werden.  

Rege diskutiert wurden auch mögliche Grenzwerte und Zielgrößen für die ergebnisorientierte Honorierung in der Milchviehhaltung. Auf Basis der erhobenen Daten empfahl das Thünen-Projektteam eine Vorgehensweise, die sich an den besten 25 Prozent aller Betriebe orientiert.  

Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesprogramm ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) gefördert.


Weitere Informationen im Dossier „Wie tiergerecht ist Nutztierhaltung?“

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PDF der Pressemitteilung

Foto Workshop (© Thünen-Institut, Ulrike Hochgesand)

Foto Indikatorenerhebung (© Thünen-Institut, Jan Brinkmann)