Für einen neuen Blick auf Kleinstädte jenseits gängiger Stereotypen

New

Arbeitskreis fordert in einem Positionspapier eine adäquate Erforschung der Vielfalt und Bedeutung von Kleinstädten und kritisches Hinterfragen traditioneller Bewertungsmuster.

Fußgängerzone in Herzberg am Harz (© Annett Steinführer)

Stadtforschung ist in Deutschland vor allem großstadtorientiert. Kleinstädte werden in ihren Strukturen und ihrer Bedeutung weder von der Wissenschaft noch von der Politik hinreichend wahrgenommen. In einem jetzt veröffentlichten Positionspapier plädiert der Ad-hoc-Arbeitskreis Kleinstadtforschung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) für einen differenzierten Blick auf Kleinstädte und gibt konkrete Empfehlungen für Wissenschaft, amtliche Statistik und Forschungsförderung. Geleitet wurde der 12-köpfige Arbeitskreis von Dr. Annett Steinführer, Thünen-Institut für Ländliche Räume, und von Lars Porsche, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

In Deutschland gibt es über 2000 Kleinstädte, etwa 29 Prozent der Gesamtbevölkerung leben dort. Entsprechend mahnt der Arbeitskreis mehr systematische Aufmerksamkeit für die Funktionen, Leistungen und Potenziale der kleinen Städte für die dort lebenden und arbeitenden Menschen, die jeweiligen Regionen und die Gesamtgesellschaft an. Der Siedlungstyp Kleinstadt gilt häufig pauschal als ausschließlicher Teil ländlicher Räume oder einer nicht weiter differenzierten Sammelkategorie der Klein- und Mittelstädte. Darüber hinaus werden Kleinstädte oft als Gegenentwurf zur Großstadt beschrieben – mit stereotypen Darstellungen wie „überschaubar“, „behaglich“ oder „beengt“. Solche Zuschreibungen werden der sozialen, ökonomischen und siedlungsstrukturellen Vielfalt der Kleinstädte jedoch nicht gerecht.

Kleinstädte bilden nach Auffassung des Arbeitskreises einen eigenständigen Siedlungstyp. Die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers empfehlen daher, die evidenzbasierte Forschung auszuweiten und kleine Städte in der Planungspraxis stärker zu berücksichtigen. Konkret heißt das unter anderem:

  • eine systematische, interdisziplinäre Kleinstadtforschung etablieren,
  • tradierte Zuschreibungen an diesen Siedlungstyp kritisch prüfen,
  • Kleinstädte differenzieren und typisieren,
  • ihre Verankerung als Thema in der Hochschullehre stärken,
  • kleinräumige statistische Daten bereitstellen,
  • Kleinstadtforschung wissenschaftspolitisch fördern.

Das 14-seitige Positionspapier „Kleinstadtforschung“ ist bei der Akademie für Raumforschung und Landesplanung erschienen und als PDF unter https://shop.arl-net.de/kleinstadtforschung.html frei verfügbar. Ein ausführlicherer ARL-Arbeitsbericht „Kleinstadtforschung in Deutschland. Stand, Perspektiven und Empfehlungen“ wird im Herbst 2019 veröffentlicht.