Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFAFi)

1948 – 1968

Die Wiedererweckung der deutschen Fischereiforschung nach dem Zweiten Weltkrieg ist mit dem Datum 1. April 1948 verknüpft. An diesem Tag wurde in Hamburg aus den Resten der vormaligen Reichsanstalt für Fischerei die Zentralanstalt für Fischerei aus der Taufe gehoben. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde sie 1950 in den Zuständigkeitsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums überführt und hieß ab 1952 Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFAFi). 1955 erhielt die BFAFi durch das erste bundesdeutsche Fischereiforschungsschiff, die „Anton Dohrn“, deutlich verbesserte Möglichkeiten, Untersuchungen und Surveys auf hoher See durchzuführen (kurzer Abriss über die deutschen Fischereiforschungsschiffe).

Die Hauptaufgaben der BFAFi waren durch die fischereipolitische Beratung des Bundesministeriums, die bestandskundlichen und technischen Erfordernisse der Fischwirtschaft sowie die wissenschaftlichen Arbeitsansätze des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen vorgegeben. Bedingt durch die Besonderheiten des marinen Lebensraums – weder Fischschwärme noch Meeresströmungen und die mit ihnen verfrachteten Nähr- und Schadstoffe halten sich an Ländergrenzen – fand die Fischereiforschung seit jeher in enger internationaler Kooperation statt.

In der Zeit unzureichender Lebensmittelversorgung stand die Nutzung aller nur möglichen marinen Arten im Vordergrund. Das BFAFi-Institut für Seefischerei erforschte die Biologie der Nutzfische inklusive der Standort- und Bestandsveränderungen in den verschiedenen Fanggebieten. Alterszusammensetzung, Wachstumsgeschwindigkeiten und Verbreitungsgebiete von Nordseehering, von Kabeljau um Island, vor Grönland und Neufundland, von Schellfisch in der Barentssee oder von Rotbarsch vor Ostgrönland waren durchgängige Themen. Das Institut für Küsten- und Binnenfischerei führte ähnliche Arbeiten in küstennahen Bereichen aus, wobei Muschel- und Krabbenfischerei zu berücksichtigen waren. Die Themengebiete Aquakultur und Fischkrankheiten kamen ab 1965 hinzu. Fisch als Lebensmittel stand im Fokus des Instituts für Fischverarbeitung (ab 1964 Institut für Biochemie und Technologie); Hauptaufgaben in den frühen Jahren waren vor allem Fragen zur Fischkonservierung sowie die Produkterstellung.

In der DDR wurde 1953 das Institut für Hochseefischerei und Verarbeitungstechnik (IfH) in Rostock gegründet. Diese zentrale Forschungseinrichtung für die Fischwirtschaft der DDR deckte die Fischereiforschung in ähnlicher Breite ab wie die westdeutsche BFAFi. Die technologische und ökonomische Forschung des IfH war geprägt von der sowjetischen Auffassung von der industriemäßigen Durchführung der Hochseefischerei. Dazu zählten die Weiterentwicklung der pelagischen Netze und ab 1960 die Flottillenfischerei.

1969 – 1989

Im Zuge der Ausweitung nationaler Wirtschafts- und Fischereizonen in den 1970er Jahren untersuchte das BFAFi-Institut für Seefischerei Bestände im tiefen Wasser des Atlantiks, vor Mexiko, Argentinien oder Neuseeland sowie den antarktischen Krill. Während die westdeutsche Fischereiwirtschaft kaum die Befischung dieser Bestände aufnahm, befischten die DDR-Trawler erfolgreich die von den ostdeutschen Kollegen erkundeten Bestände in allen drei Ozeanen, rund um Afrika, vor Nord- und Südamerika oder in der Antarktis.

Hauptarbeitsgebiet des BFAFi-Instituts für Fangtechnik (bis 1964: Institut für Netz- und Materialforschung) war in den Jahren der weltweit expandierenden Fischerei vor allem die Entwicklung größerer und fängigerer Netze. An der internationalen Entwicklung der so genannten Jagernetze hatte das Institut großen Anteil.

Für die bestandskundlichen Arbeiten in den Küstengewässern der DDR entstand 1977 (Neuregelung des internationalen Seerechts) im IfH die Abteilung Küstenbewirtschaftung.

1989 – 1992 Deutsche Einheit

Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer wurde das IfH, das viele fachliche Parallelen zur BFAFi aufwies, aufgelöst. An seiner Stelle entstand 1992 in Rostock das BFAFi-Institut für Ostseefischerei neu. Sein Personal rekrutierte sich aus der Arbeitsgruppe Fischereibiologie des abgewickelten IfH.

1992 – 2007

Die Belastung der Meere mit unerwünschten Stoffen sowie Wissenslücken im Bereich der Ökosystemforschung führten 1993 zur Gründung des BFAFi-Instituts für Fischereiökologie. Vorläufer war das seit 1965 bestehende Labor für Radioökologie der Gewässer, das sich mit den Folgen des radioaktiven Fallouts der Atombombenversuche der 1950er Jahre und den Einleitungen der britischen und französischen Wiederaufbereitungsanlagen ins Meer beschäftigte. Untersuchungen von Fischkrankheiten sowie Forschungsarbeiten zur Aquakultur zählten zu den weiteren Aufgaben des Instituts.

Angesichts der nach wie vor steigenden Nachfrage nach dem lokal reduzierten Rohstoff Fisch konzentrierte sich das Institut für Fangtechnik (seit 1995: Institut für Fischereitechnik) auf die Erarbeitung bestandsschonender und energiesparender Fangmethoden. Mit dem Ende der BFAFi wurde das Institut geschlossen, die Aufgaben gingen auf die Thünen-Institute für Seefischerei und für Ostseefischerei über.

Der Arbeitsbereich Fisch als Lebensmittel – im Laufe der Jahre organisatorisch an verschiedene Institute der BFAFi angebunden – wurde 2004 aus der Fischereiforschung ausgegliedert und als „Forschungsbereich Fischqualität“ in die neu gegründete Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BfEL) aufgenommen.

Nach der Jahrtausendwende haben sich die politischen Anforderungen an die Fischereiforschung substantiell geändert. Die Verpflichtung zur nachhaltigen Nutzung der Meeresressourcen (Johannesburggipfel 2002) erforderte Reformen der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU (Ökosystemansatz im Fischereimanagement). Die Fischereiwissenschaft der Zukunft definiert sich als interdisziplinäre Umweltwissenschaft, in der internationale Bewertungsmaßstäbe für genutzte marine Ökosysteme einen wichtigen Stellenwert haben.