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Expertise

Weizen, Mais und Co: Es wird teurer

Von Martin Banse und Verena Laquai | 08.04.2022


MA Institut für Marktanalyse

Russland und die Ukraine sind Global Player bei Agrarprodukten wie Weizen, Mais und Ölsaaten. Exportstopps und Preiserhöhungen können vor allem in den Ländern des globalen Südens zu Verwerfungen führen.

Russland und die Ukraine haben sich in den letzten 10 Jahren zu einem der wichtigsten Exporteure von Weizen und Mais sowie Ölsaaten (u.a. Sonnenblumensaat, Soja) entwickelt. Beispielsweise kamen 2020 rund 19 % der weltweiten Weizenexporte aus Russland und 9 % aus der Ukraine (Quelle: UN Comtrade). Nach Projektionen der FAO/OECD – vor dem derzeitigen Krieg – sollte die Bedeutung dieser beiden Länder noch anwachsen. Bei einem kriegs- und sanktionsbedingten Ausfall der Exporte dieser Güter ist mit deutlich steigenden Weltmarktpreisen zu rechnen.

Die gegenwärtigen Marktreaktionen mit Preisnotierungen für Weizen von derzeit sogar über 350 USD/t deuten eine Aufwärtsentwicklung an, die höher liegt als in der „Nahrungsmittelpreiskrise“ von 2007/08 (Abb. 1). Dabei ist zu beachten, dass die Marktsituation im aktuellen Wirtschaftsjahr insbesondere bei Weizen durch niedrige Lagerbestände und hohe Preise auch vor dem Ausbruch des Krieges schon angespannt war. Dadurch reagiert der Markt auch mit diesen extremen Preisausschlägen. Zudem ist Russland ein bedeutender Exporteur von Düngemitteln. Fehlen die russischen Mengen am Weltmarkt, wird das die ohnehin schon angespannte Lage wohl weiter verschärfen.

Versorgungssituation der EU stabil, andere Länder stärker betroffen

Die Versorgungsituation in der EU mit Getreide und Ölsaaten ist stabil. Beim Weizen zum Beispiel haben die EU und Deutschland einen Selbstversorgungsgrad von über 100 % (AMI Marktbilanz Getreide). Allerdings sind viele nahrungsmittelimportierende Länder von der gegenwärtigen Unsicherheit und Volatilität besonders betroffen. Der wertmäßige Anteil von Russland und der Ukraine an allen Getreideexporten weltweit betrug 2020 zusammen 16 %. Beide Länder exportieren in ähnliche Regionen, insbesondere nach Afrika und Asien.

Weiter ist zu beachten, dass mehr als 80 % der russischen Getreideexporte in 2020 Weizen waren, ein wichtiges Grundnahrungsmittel in vielen Ländern. Hier sind die Hauptimportländer die Türkei und Ägypten. Die Getreideexporte der Ukraine bestehen überwiegend aus Mais (Anteil 55 % in 2020), der als Futtermittel verwendet wird, sowie Weizen (Anteil 35 % in 2020). Die Hauptimportländer für Mais aus der Ukraine waren 2020 China und die EU und für Weizen Ägypten und Indonesien.

Die folgenden Grafiken (Abb. 2 und 3) zeigen die wertebasierten anteiligen Exporte von Getreide aus der Ukraine und Russland in die wichtigsten Länder.

In vielen Ländern stellen die Ukraine und Russland einen wichtigen Teil der Importe an Getreide. Hier würde ein Ausfuhrstopp zu deutlichen Versorgungsengpässen führen. Die Abbildungen 4 und 5 zeigen den Anteil der Ukraine und Russlands an allen Getreideimporten dieser Länder (basierend auf volumenbasierten Exportzahlen). Je höher der Anteil, desto abhängiger sind diese Länder von den Exporten aus Russland bzw. der Ukraine.

Die Abhängigkeit von russischen oder ukrainischen Getreide- und Ölsaatenlieferungen betrifft besonders Länder aus dem globalen Süden, Länder mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen, in denen ein wesentlich größerer Anteil der Ausgaben für den privaten Konsum auf Lebensmittel entfällt. Diese einkommensschwachen Länder sind von dem derzeitigen Preisauftrieb und einem historischen Allzeithoch des FAO Nahrungsmittel-Preisindexes (Abb. 6) besonders stark betroffen. Soziale Spannungen oder sogar Unruhen könnten die ohnehin prekäre Lage dieser Länder noch verschärfen.

Besonders problematisch ist die Lage in Krisenregionen, in denen wegen Dürre, Bürgerkrieg oder Misswirtschaft ein Großteil der Bevölkerung auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist; Stichwort Somalia, Jemen, Afghanistan. Eine simple Milchmädchenrechnung: Verdoppelt sich am Weltmarkt der Weizenpreis, dann können internationale Hilfsorganisationen für das gleiche Budget nur noch halb so viel Weizen einkaufen. Und ob ihr Budget für diese Länder wirklich gleich bleibt, ist – zumindest bei spendenfinanzierten Organisationen – fraglich, denn mit dem Schauplatz Ukraine hat sich ein neues Feld aufgetan, in das Spenden fließen.

Nicht nur pflanzliche Nahrungsmittel sind betroffen

Obwohl der Fokus der derzeit betrachteten Agrarprodukte auf Getreide (hier besonders Weizen und Mais) und auf den Ölsaaten (Sonnenblumensaat, Soja) liegt, haben diese Produkte doch eine ‚Ankerfunktion‘ auf den internationalen Agrarmärkten. Diese Produkte dienen nicht nur als Grundlage für Nahrungsmittel wie Brot und Pflanzenöle, sondern auch als Tierfutter. Deutlich steigende Preise für Getreide und Ölsaaten treiben somit auch die Kosten für die tierische Erzeugung in die Höhe.

Wichtig ist an dieser Stelle auch der Preisauftrieb für Energie, der die Produktionskosten in der Landwirtschaft, z. B. für Diesel und Düngemittel, stark steigen lässt. Dadurch ist mit einem Preissprung für alle Nahrungsmittel zu rechnen.

Wie stark die Nahrungsmittelpreise steigen werden, lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten. Die wichtige Frage dabei ist nicht so sehr die Höhe, sondern ganz wesentlich die Dauer der Hochpreisphase. Beim Blick auf die „Nahrungsmittelpreiskrise“ 2007/08 wird deutlich, dass die Preise in den Folgejahren auch wieder auf einem deutlich niedrigeren Niveau lagen.

In der EU sind die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln, die durch erhöhte Rohstoffpreise verursacht werden, als gering einzustufen. Denn die Rohstoffkosten haben nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten der Produktion. Preissteigerungen in anderen Bereichen, beispielsweise Energie, können hier einen größeren Einfluss haben. Weiter ist zu beachten, dass Haushalte in der EU nur einen vergleichsweise geringen Anteil ihres verfügbaren Geldes für Nahrungsmittel ausgeben, im Gegensatz zu ärmeren Ländern, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind.

Möglichkeiten der Marktstabilisierung

Um die absehbaren Folgen der gegenwärtigen Krise besonders in den Ländern des globalen Südens abzumildern, ist eine konzertierte weltweite Aktion notwendig. Dabei sollten einseitige, „egoistische" politische Maßnahmen wie z.B. Exportverbote vermieden werden. Diese Maßnahmen verschärfen nur die gegenwärtige Volatilität auf den internationalen Märkten und tragen dazu bei, den Hunger zu den Ärmsten der Armen exportieren. Länder mit hohem Einkommen sollten Maßnahmen ergreifen, die Inflation der Lebensmittelpreise mit sozialpolitischen Instrumenten abzumildern. Ankündigungen von Getreideexportverboten wie z.B. von Ungarn oder Argentinien sind Beispiele dafür, dass solche Maßnahmen die Krise eher verschärft als vermindert haben.

Vor allem in den wohlhabenden Industrienationen wie Deutschland kann ein verändertes Konsumverhalten mit weniger Fleischverbrauch und weniger Lebensmittelverschwendung dazu beitragen, die Märkte zu stabilisieren.

Intensive und nachhaltige Produktion – kein Gegensatz

Eine intensive landwirtschaftliche Produktion steht nicht im Widerspruch zu einer nachhaltigen Produktion. Bei jeder Produktionsform gibt es Zielkonflikte zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit. Das Ziel sollte sein, Produktionsformen zu wählen, die sowohl hohe Erträge als auch geringe negative Folgen für die Umwelt und das Klima aufweisen.

Zu beachten ist, dass zurzeit die weltweiten Düngemittelpreise auf sehr hohem Niveau sind. Düngemittel müssen deshalb besonders effizient eingesetzt werden. Das würde die möglichen negativen Folgen einer intensiveren Produktion für Klima und Biodiversität reduzieren.

International abgestimmt müssen die Anstrengungen verstärkt werden, in Ländern, die besonders auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, die Hürden für eine nachhaltige Intensivierung der eigenen Nahrungsmittelerzeugung herabzusetzen. Dies gilt besonders beim Zugang zu Boden, ertragssteigernden Inputs sowie Bildung.


Service zum Download

  • Stellungnahme für den Agrarausschuss des Deutschen BundestagesAm 16. Mai 2022 hat Thünen-Wissenschaftler Dr. Norbert Röder bei der Anhörung „Der Ukraine jetzt und in Zukunft helfen [...]“ im Agrarausschuss des Deutschen Bundestages als Sachverständiger eine Stellungnahme abgegeben. Hier die Stellungnahme als PDF.
  • Thünen Working Paper 192"Auswirkungen der Freigabe bestimmter ökologischer Vorrangflächen auf Flächenumfänge, Produktionsmengen und Umwelt im Jahr 2022" (PDF 15 S.)
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