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Expertise

Das Ei des Kolumbus

Von Folkhard Isermeyer (Wissenschaft erleben 2018/2) | 03.12.2018

Deutschland will Vorreiter beim Tierschutz sein, hat schärfere Auflagen als die meisten anderen Länder der Welt. Ein wichtiger Meilenstein war die Abschaffung der Käfighaltung für Legehennen. Doch ist nun alles gut? Alle Haltungssysteme, die aktuell verbreitet sind, weisen gravierende Schwächen auf, und noch ist kein Weg in Sicht, wie wir diese überwinden können.

Wenn es ums Frühstücksei geht, fühlen sich die Deutschen gut informiert. Die Zahlen 0, 1, 2, 3 zeigen an, wie das Huhn gehalten wurde. Stufe 3 kauft heute niemand mehr. Jene 6 % der Eier, die hierzulande noch in ausgestalteten Käfigen erzeugt werden, gehen in die Weiterverarbeitung. Bis 2025 wird diese Haltungsform ganz abgeschafft sein. Die meisten Eier stammen mittlerweile aus Bodenhaltung (Produktionsanteil in Deutschland 64 %), gefolgt von Freilandhaltung und ökologischer Erzeugung (18 bzw. 10 %).

Der Blick auf den Eierkarton suggeriert, dass die Tiere in ihrer Boden- oder Freilandhaltung entspannt umherspazieren. Die Realität sieht anders aus: In den allermeisten Ställen nehmen die Hühner in mehreren Etagen übereinander Platz. Das entspricht ihrem Naturell und hat insofern durchaus Vorteile – wenn nur die Enge nicht wäre: Auf jedem Quadratmeter Stallgrundfläche müssen 18 Legehennen unterkommen. Verständlich, dass Bilder aus solchen Ställen bei vielen Menschen Unbehagen auslösen. Und manche Zahlen auch: So zeigte eine Studie, dass sowohl in der Boden- als auch in der Freilandhaltung jede zweite Legehenne Knochenbrüche aufweist.

Muss das so bleiben?

Um einen Weg in eine bessere Zukunft zu entwickeln, hat das Thünen-Institut zunächst die aktuellen Haltungssysteme vergleichend analysiert. Die Tabelle zeigt, dass keines der heute verbreiteten Haltungssysteme rundum zu überzeugen vermag.

 

Bodenhaltung,
kein Kaltscharrraum

Freilandhaltung
fester Stall,
Kaltscharrraum

Freilandhaltung
fester Stall,
TSB Premium*

Ökolandbau
(Verbände),
Stallhaltung

Ökolandbau
(Verbände),
Mobilstall

Mobilstall
klein

Mobilstall
mittelgroß

Legehennen39.99914.99912.00012.000240300900
Besatz (Tiere/qm nSGF)**181814126918
Investition (€/Tierplatz)50708810013510885
Arbeit (Akh/100 Tierplätze)712151520813389
Tierverluste (%)6101010121212
Legeleistung***290270270260257267267
Futter (g/Tier und Tag)118125125130130130130
Produktionskosten (ct./Ei)7,59,310,316,332,223,016,0

Die Bodenhaltung ermöglicht extrem niedrige Produktionskosten (7,5 ct./Ei), doch fehlt den Tieren Platz und Außenklimakontakt. Der Anbau eines Kaltscharrraums kann helfen, stört aber das Lüftungssystem.

Bei Freilandhaltung kommen die Tiere an die frische Luft, halten sich jedoch nah am Stall auf, um Greifvögeln zu entgehen. Das führt zu hohen Stickstoff-Emissionen, außerdem zu Infektionsrisiken. Und wenn die Freilandhaltung vorübergehend untersagt werden muss, weil Vogelgrippe droht, herrscht im Stall die gleiche Enge wie bei der Bodenhaltung.

Dieses Problem stellt sich prinzipiell auch bei den Mobilställen. Hier sind die Schäden durch Raubwild noch gravierender, außerdem kann es im Winter und bei Dauerregen schwierig werden, die Mobilität der Ställe und damit eine ausreichende Nährstoffverteilung zu gewährleisten. Die Produktionskosten liegen mehr als doppelt so hoch wie bei der Bodenhaltung, vor allem wegen des hohen Arbeitseinsatzes.

Großbaustelle Zielbild-Entwicklung

Die Schwächen der derzeitigen Haltungssysteme geben Anlass, dass Wirtschaft, Politik und Wissen-schaft gemeinsam auf ein besseres Zielbild für die Geflügelhaltung hinarbeiten. Dieses sollte sowohl gute Zahlen als auch gute Bilder liefern. Es geht hierbei nicht nur um Stallkonzepte, sondern auch um Zuchtlinien, Fütterungssysteme, Hygienemaßnah-men und Nährstoffverbleib – eine Herkulesaufgabe also, die nur zu meistern sein wird, wenn der Aufbruch zu neuen Ufern politisch gewollt, langfristig ausgerichtet und ausreichend finanziert wird.

Die Digitalisierung eröffnet viele neue Lösungsoptionen. Ein zukunftstaugliches Haltungssystem entsteht allerdings nicht von selbst, sondern nur, wenn viele Einzelaktivitäten orchestriert werden. Hierzu müsste vor allem geklärt werden, wer den gemeinsamen Entwicklungsprozess steuern und die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg tragen soll. Die Wirtschaft sollte von Beginn an eng eingebunden werden, am besten im Rahmen einer deutschlandweiten European Innovation Partnership (EIP). Mit EIP-Mitteln könnten Erprobungsställe auf zahlreichen Praxisbetrieben errichtet und wissenschaftlich begleitet werden.

Im wissenschaftlichen Part des Großprojekts wären technologische, tierbezogene und betriebswirtschaftliche Kompetenzen gefragt. Damit die Zielbilder später eine Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz haben, sollten unvermeidliche Zielkonflikte (z. B. zwischen Ressourceneffizienz und Tierwohl) frühzeitig adressiert, gut ausbalanciert und professionell kommuniziert werden. Hierzu könnte das vom Thünen-Institut geleitete Verbundprojekt „SocialLab” einen Beitrag leisten.

Großbaustelle Finanzierungskonzept

Wie auch immer die gesellschaftlich akzeptablen Ziel-bilder dann aussehen werden: Eine Eiererzeugung zu Vollkosten von 7,5 ct./Ei erscheint ausgeschlossen. Vieles spricht dafür, dass die Produktionskosten um mindestens 30 % höher liegen werden.

Nun wären 3 oder auch 5 Cent mehr pro Ei eigentlich nicht viel, aber der Markt tickt anders. Einen höheren Preis könnte die neue Produktlinie nur erzielen, wenn sie durch eine Änderung der Haltungskennzeichnung (oder ein neues Label) überhaupt für Verbraucher erkennbar wird. Das umzusetzen, ist schon schwer genug. Solange die Verbraucher dann aber weiterhin die Wahl haben, wird sich die neue Produktlinie mit einem Teilmarkt zufrieden geben müssen. Selbst wenn der Lebens-mittelhandel sämtliche Eier auslistet, die aus weni-ger tiergerechten Haltungssystemen stammen, werden Eier für Verarbeitungsprodukte weiterpro-duziert wie bisher. Versucht der Staat, dieses durch Verbote zu unterbinden, wird die Produktion ins Ausland verlagert. Im Inland wird nur so viel produ-ziert, wie sich hochpreisig absetzen lässt.

Hier stellt sich die Grundsatzfrage: Wollen wir es von der freiwilligen täglichen Kaufentscheidung der Verbraucher abhängig machen, wie gut wir das Staatsziel Tierschutz erreichen? Falls nicht, müsste ein anderes Finanzierungskonzept gewählt werden: Sinnvoll wäre es dann, mit Hilfe einer staatlichen Tierwohlprämie alle Tierhalter Deutschlands in die Lage zu versetzen, das neue Zielbild umzusetzen. Um das zu finanzieren, könnte der Staat die Verbraucher mit einer Tierwohlabgabe zur Kasse bitten. Er könnte auch einfach darauf verzichten, Lebensmittel aus tierischer Erzeugung durch den ermäßigten Mehrwertsteuersatz extra zu verbilligen.

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