Weiter zum Inhalt
Expertise

Neuartige Lösungen für die ländliche Daseinsvorsorge

Von Tobias Mettenberger | 13.06.2022


LV Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Wenn die Menschen in ländlichen Regionen älter und weniger werden, stoßen etablierte Daseinsvorsorgeangebote an ihre Grenzen. Wie können neuartiger Lösungsansätze helfen?

Wenn die Menschen in ländlichen Regionen älter und weniger werden, stoßen etablierte Daseinsvorsorgeangebote an ihre Grenzen. Kleine Schulstandorte und große Linienbusse sind kaum ausgelastet. Hochbetagte Personen benötigen besondere medizinische Versorgung, während viele Ärzt*innen ihrer Verrentung entgegenblicken. Geht dies mit einer schwachen Wirtschaftsstruktur und entsprechend angespannten Kommunalfinanzen einher, wird eine bedarfsegerechte Versorgung für viele Kreise und Gemeinden zur immensen Herausforderung. Dementsprechend gab es in den letzten Jahren eine lange Reihe von Modellvorhaben, mit denen Bundes- und Landesministerien nach Lösungen für die Zukunft der ländlichen Daseinsvorsoge suchten.

„Land(auf)Schwung“, ein Modellvorhaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, wurde von 2015-2019 in 13 besonders vom demographischen Wandel betroffenen ländlichen Regionen durchgeführt und hatte unter anderem zum Ziel, neuartige Daseinsvorsorgelösungen auszuprobieren. Die Begleitforschung des Thünen-Instituts für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen analysierte, welche Strategien in den geförderten Regionen besondere Bedeutung hatten und inwiefern es damit gelingen kann, in vielen ländlichen Räumen dringliche Problemlagen zu mindern.

Raumüberwindung mit digitalen Technologien

Daseinsvorsorge in dünn besiedelten ländlichen Räumen geht vielfach mit langen und zeitaufwendigen Wegen einher, die entweder von den Erbringenden (z.B. Ärzt*innen, fahrende Händler*innen) oder von den Nutzenden (z.B. Patient*innen, Schüler*innen) zurückgelegt werden müssen. Mithilfe digitaler Angebote lassen sich viele dieser Strecken einsparen. Die Begleitforschung Land(auf)Schwung zeigte anhand zweier Projekte zum digitalen Austausch von Gesundheitsdaten und eines zur Übertragung von Schulunterricht, dass neue Technologien nur dann erfolgreich sein können, wenn Ärzt*innen, Lehrer*innen und andere Daseinsvorsorgebeschäftigte in der Lage und motiviert sind, diese zu nutzen. Neben adäquaten Bandbreiten sind kommunaler IT-Support und eine ausreichende Personalausstattung der Daseinsvorsorgeeinrichtungen weitere Erfolgsfaktoren. Lokale oder regionale Digitalisierungsvorhaben laufen Gefahr, Insellösungen zu bleiben und können nur schwer langfristig bestehen. Schließlich profitieren digitale Technologien von Skalenvorteilen und viele Daseinsvorsorgeprojekte sind auf günstige Verhandlungspositionen gegenüber marktdominierenden Softwareanbietern angewiesen.

Unterstützung durch Bürgerschaftliches Engagement

Wie in vielen anderen ländlichen Regionen wurde auch bei Land(auf)Schwung zur Unterstützung der Daseinsvorsorge auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Besonders Potenzial wird bei den „jungen Alten“ mit ihren im Berufsleben gewonnenen Erfahrungen und nach dem Renteneintritt verfügbaren Zeitressourcen gesehen. Jedoch sind viele jüngere Rentner*innen bereits umfassend anderweitig aktiv und beschränken ihr Engagement auf zeitlich limitierte Wunschtätigkeiten, wie die Begleitforschung zeigt. Daneben gibt es eine Gruppe außergewöhnlich engagierter Personen, die ihre Wohnumgebung nach eigenen Vorstellungen gestalten möchte. Ein Mangel zeichnet sich hingegen bei den in viel größerer Anzahl für routinemäßige Aktivitäten gebrauchten „helfenden Händen“ ab. Schwerwiegende Hemmnisse bürgerschaftlich unterstützter Daseinsvorsorge können hohe digitale, bürokratische und rechtliche Anforderungen, fehlende Räumlichkeiten und geringe finanzielle Ressourcen manch engagierter Personen sein.

Daseinsvorsorge von Fachkräften – Daseinsvorsorge für Fachkräfte

Ob Ärzt*innen, Lehrer*innen, Pfleger*innen: In vielen ländlichen Regionen werden Daseinsvorsorgefachkräfte händeringend gesucht. Dabei spielen weiche Standortfaktoren eine Rolle, zu denen wiederum attraktive Daseinsvorsorgeangebote, etwa mit Blick auf Schulen, Kinderbetreuung oder Arztpraxen, zählen. Dementsprechend sind viele Fachkräfte sowohl Anbieter*innen als auch Nutzer*innen regionaler Daseinsvorsorge, wie die Begleitforschung am Beispiel neu niedergelassener Hausärzt*innen zeigte. Gleichwohl sind für die Standortentscheidungen dieser Gruppe primär berufsbezogene Faktoren, wie ein gesichertes Einkommen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein selbstbestimmtes Arbeiten entscheidend. Darüber hinaus sind biographischen Bezüge in die Regionen und die Familienfreundlichkeit ausschlaggebend. Andere weiche Standortfaktoren, wie etwa gehobene Freizeit-, Kultur- oder Konsumangebote, scheinen hingegen kaum relevant.


Eine Quintessenz der Begleitforschung Land(auf)Schwung liegt darin, dass neuartige Lösungen zur Verbesserung der ländlichen Daseinsvorsorge zumeist unterschiedliche, ineinandergreifende Bausteine benötigen. So ist vielfach eine Kombination technischer, produktbezogener, sozialer und organisatorisch-struktureller Innovationen notwendig. 

Service zum Download

  • Thünen Report 90 - Band 1Der Thünen-Report „Innovative Versorgungslösungen in ländlichen Regionen“ stellt die Ergebnisse der Begleitforschung Land(auf)Schwung im Handlungsfeld "Daseinsvorsorge" dar
  • Ländliche Regionen entwickelnDie Broschüre „Ländliche Regionen entwickeln“ liefert Erkenntnisse der Begleitforschung Land(auf)Schwung für die Praxis
Nach oben