Wohin steuern (wir) unsere Agrarstrukturen?

Dossier

Wachsende, zunehmend spezialisierte Agrarbetriebe widersprechen dem Wunschbild vieler Menschen nach kleinbäuerlicher Regionalität. Kritik am realen Strukturwandel ist die Folge. Doch die Wahrheit liegt jenseits eines simplen Schwarz-Weiß-Schemas.


Strukturwandel ist eine normale Entwicklung. Er findet in allen Wirtschaftsbereichen statt, in denen sich die Rahmenbedingungen verändern. Vor allem der technische Fortschritt sowie ökonomische Zwänge und Anreize sind jene Triebkräfte, die zu einer Veränderung der Agrarstrukturen führen. Dies ist häufig mit größeren Wirtschaftseinheiten und einem steigenden Kapitaleinsatz verbunden. Den Strukturwandel in der Landwirtschaft gegen die Marktmechanismen aufhalten und die bestehenden Strukturen konservieren zu wollen, hieße, dynamische Landwirte an der Entwicklung ihrer Betriebe zu hindern und den Wettbewerb verschiedener unternehmerischer Ideen und Konzepte systematisch einzuschränken. Dies könnte die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Agrarsektors massiv einschränken. Mit dem marktwirtschaftlichen Grundkonsens in unserer Gesellschaft wäre das nicht vereinbar.

Oft sind Investitionen für die Anpassung notwendig. (© )

Dennoch kann es aus gesellschaftlicher Sicht sinnvoll sein, auf bestimmte Entwicklungen im Agrarsektor zu reagieren, Einfluss zu nehmen und so den Strukturwandel zu steuern. Denn das ungeregelte Wirken von Marktkräften führt auch zu Effekten – sogenannten negativen externen Effekten –, die ökologisch oder gesellschaftlich unerwünscht sind. Betroffen davon sind beispielsweise Umweltgüter wie die biologische Artenvielfalt oder durch Nährstoffeinträge gefährdetes Oberflächen- und Grundwasser. In Regionen mit hoher Tierhaltungskonzentration können Geruchs- und Schadstoffemissionen die Lebensqualität und Umwelt der in diesen Regionen lebenden Menschen beeinträchtigen. In der Nutztierhaltung wurden teilweise Haltungssysteme entwickelt, die zwar hochrentabel, aber wenig tiergerecht sind.

Zum Schutz dieser Güter wird der freie Markt reglementiert bzw. ergänzt. Mit zahlreichen staatlichen Maßnahmen und rechtlichen Regelungen versuchen die verschiedenen politischen Ebenen (EU, Bund, Länder), den strukturellen Wandel in der Landwirtschaft zu beeinflussen. Beispiele sind die Direktzahlungen an Landwirte mit ökologischen Auflagen und Investitionsbeihilfen.

Wesentlich ist dabei, den Strukturwandel nicht per se zu verhindern, sondern so zu steuern, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte und der Schutz der gesellschaftlichen Güter und Werte gleichermaßen gesichert werden. Denn möglichst viele kleinbäuerliche Betriebe, oft im Nebenerwerb betrieben und mit wenig Kapital ausgestattet, sind keine Gewähr für eine nachhaltige Landwirtschaft. Und aufhalten lässt sich der Strukturwandel ohnehin nicht, das beweist die Historie: Trotz milliardenschwerer Zuschüsse haben in Westeuropa seit 1990 rund zwei Millionen Betriebe aufgegeben. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe jährlich um etwa 10.000 ab. Gleichzeitig werden die verbleibenden Betriebe immer größer, das heißt die Konzentration der Produktion und auch der Flächen nimmt zu.

Veröffentlichungen

Anzahl der Datensätze: 3

  1. Nieberg H, Forstner B (2013) Perspektiven der Agrarstrukturentwicklung in Deutschland. Landentwickl Aktuell:5-13
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  2. Forstner B, Tietz A, Klare K, Kleinhanß W, Weingarten P (2011) Aktivitäten von nichtlandwirtschaftlichen und überregional ausgerichteten Investoren auf dem landwirtschaftlichen Bodenmarkt in Deutschland : Endbericht. 2., aktualisierte Fassung. Braunschweig: vTI, 216 p, Landbauforsch SH 352
    PDF Dokument (nicht barrierefrei) 3235 KB
  3. Forstner B, Tietz A (2013) Kapitalbeteiligung nichtlandwirtschaftlicher und überregional ausgerichteter Investoren an landwirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 108 p, Thünen Rep 5, DOI:10.3220/REP_5_2013
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