Strukturwandel erfassen – wie geht das?

Hintergrund

Die Entwicklung der Flottengröße der Deutschen Fischereiflotte. (© Thünen-Institut)

Den Strukturwandel vergangener Jahre zu konstatieren fällt nicht schwer. Viel anspruchsvoller dagegen ist die Prognose, welche komplexen Folgen zum Beispiel neue gesetzliche Vorgaben für Struktur und Wettbewerbsfähigkeit der Fischereibranche haben.


Wirtschaftliche Kennzahlen der Kutterfischerei seit 2008. (© Thünen-Institut)
Erlöse der Kutterfischerei, unterteilt nach wichtigen Arten. (© Thünen-Institut)

Jedes Jahr erarbeiten wir am Thünen-Institut zusammen mit internationalen Experten den Annual Economic Report der EU. Hierzu erheben wir jährlich Zahlen von den Fischereibetrieben und werten zudem Daten des Testbetriebsnetzes des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sowie die Logbücher und Anlandemeldungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) aus. Mit diesen Informationen können wir unter anderem die ökonomischen Folgen von neuen Regulierungen und mögliche Konsequenzen für die strukturelle Entwicklung der Fischereibranche abschätzen.

Ein aktueller Gegenstand unserer diesbezüglichen Arbeit ist zum Beispiel das neu eingeführte Anlandegebot: Fänge, die bislang wegen fehlender Quoten oder zu geringer Größe zurückgeworfen werden mussten (sog. Discards), müssen die Fischer zukünftig anlanden und auf ihre Quoten anrechnen, ohne sie vermarkten zu dürfen. Hintergrund dieser neuen Regelung ist die Hoffnung auf eine „doppelte Dividende“: Zum einen wird ein Fischer, der eine möglichst große Menge seiner Zielfischart anlanden und vermarkten will, die unerwünschten Beifänge so stark wie möglich zu reduzieren versuchen. Er ist also selbst daran interessiert, dafür moderne, möglichst selektive Fangtechnik einzusetzen. Zum anderen wird durch diese gezieltere Befischung Nichtzielarten und zu kleinen Fischen die versehentliche Entnahme aus dem Meer und der Rückwurf (den ein Großteil der Tiere gar nicht überlebt) erspart, was der Reproduktionsfähigkeit ihrer Bestände zugutekommt. Die ökonomischen Auswirkungen dieser erwarteten Effekte zu erfassen und zu bewerten, steht deshalb im Zentrum unseres Interesses.

Den Strukturwandel zu erfassen ist das eine. Das andere sind strategische Erwägungen, wie mit dem Strukturwandel umzugehen ist und wie die Fischer im Wettbewerb bestehen können. Wie sind die Rahmenbedingungen zu gestalten, dass die verbliebenen Fischer an der deutschen Küste auskömmliche Gewinne erzielen können? Was wäre vonnöten, um den Fischern mehr Planungssicherheit zu geben? Wie kann Jungfischern ein Start in die Selbstständigkeit ermöglicht werden? Welche Alleinstellungsmerkmale könnten beim Wettbewerb auf dem Markt helfen? Welche Leistungen erbringt der Fischer, beispielsweise für den Tourismus, für die er noch nicht entlohnt wird? Unter anderem diese Fragen bearbeiten wir derzeit am Thünen-Institut.